Reisetipps St. Petersburg

Auftakt St. Petersburg Was für eine Stadt!

An der weiten Mündung der Newa in die Ostsee trifft die sprichwörtliche russische Weite auf Europas Städtekultur. Das Ergebnis ist einmalig und heißt St. Petersburg: eine Megalopolis, die in ihrer 300 Jahre kurzen Geschichte enorme Höhenflüge und katastrophale Krisen durchmachte. Und doch kam sie immer wieder fest auf dem sumpfigen Boden zu stehen, auf dem sie nach dem Willen Peters des Großen errichtet worden war. Mit einem reichen Erbe an Kunst, Kultur und Architektur gesegnet, startet das einstige Leningrad nach langer Stagnation nun wieder durch: St. Petersburg boomt, blüht - und wird von Tag zu Tag interessanter!

Wie Phönix aus der Asche: Das 20. Jh. war eine harte Prüfung für St. Petersburg - im 21. Jh. schließt Russlands prächtige Kulturmetropole wieder an die besseren Zeiten davor an.

St. Petersburg hat etwas von einer Fata Morgana - nicht nur im unwirklichen Pastelllicht der berühmten Weißen Nächte: Steht man auf der Troizki-Brücke, hoch über der weiten Wasserfläche der Newa, so scheint die Stadt zu schwimmen. Horizontale Linien prägen das Bild - der Wasserspiegel, die Ufermauern, die einheitlich hohen Prachtbauten entlang der Kais. Und Brücken, die so flach sind, dass man sie nächtens aufklappen muss, um Schiffe passieren zu lassen. Vertikal stehen nur zwei goldene Nadeln: Wie Blitze zucken die spitzen Türme von Peter-Paul-Kathedrale und Admiralität in den Himmel.

Wasser, viel Wasser - und Eis im Winter - bildet das Zentrum der fünftgrößten Stadt Europas. Und dies in jenem Staat, der die größte Landmasse der Erde besitzt. Doch von diesen Ufern aus wurde Russland zwei Jahrhunderte lang beherrscht. Hier floss sein Reichtum zusammen und schlug sich in Form atemberaubender Kunstschätze und Baudenkmäler nieder. Deshalb ist St. Petersburg mit seiner Vielzahl an Museen und Palästen heute „Russlands Kulturhauptstadt“ - jünger zwar als New York, aber dennoch in erster Linie eine historische Metropole.

Nach allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit dürfte es diese Stadt gar nicht geben: Nirgendwo auf der Welt findet sich eine so weit nördlich gelegene Millionenstadt - und hier erdulden gleich 4,5 Millionen Menschen die langen, dunklen Winter. Auch der Boden, auf dem exakt am 16. Mai 1703 zunächst die Festung „Sankt Piter-Burch“ gegründet wurde, war dafür denkbar ungeeignet: ein sumpfiges Eiland in einem Flussdelta ohne Weg und Steg. Bei steifem Westwind herrschte gleich Land unter.

Und schließlich: Alle anderen europäischen Metropolen haben gewachsene Strukturen. Der Bau von St. Petersburg hingegen war die fixe Idee eines ebenso skrupellosen wie fortschrittlichen Diktators: Zar Peter der Große. Er verheizte dafür Abertausende seiner Untertanen - um diesen öden Außenposten seines Reichs auch noch an Stelle des „ewigen Moskaus“ zur Hauptstadt zu erklären! Doch Peters fantastische Idee war kein Luftschloss: Entgegen allen Prophezeiungen, diese irreale, unrussische Stadt würde eines schrecklichen Tages von den Wassermassen wieder in die Ostsee gespült, gedieh St. Petersburg unter seinen Nachfolgern zu einer würdigen Reichszentrale.

Besonders für die Zeit Katharinas II., der zweiten „Großen“ auf dem Zarenthron, gilt: Die besten Baumeister und Städteplaner Europas durften hier nun Kathedralen, Paläste, Plätze und Prospekte (breite, schnurgerade Hauptstraßen) nach dem letzten Stand der Architektur und Ingenieurskunst gestalten. Barock, Klassizismus und schließlich Jugendstil prägten das Stadtbild. Für hochkarätige Autoren (Puschkin, Dostojewski, Gogol) und Komponisten (Tschaikowski, Mussorgski, Rimski-Korsakow) war dies der Boden, um nicht minder dauerhafte geistige Werke zu schaffen.

Gegen die Welle der Revolutionen, die 1917 das antiquierte Zarenregime hinwegfegten, halfen aber auch die soliden Granitufermauern entlang der Newa nichts. Petrograd (so hieß die Stadt seit Kriegsbeginn 1914) wurde die Hauptstadtwürde entzogen. Hunger, Seuchen und Terror dezimierten die Bevölkerungszahl bis 1921 um 70 Prozent auf 700000. Russlands „Fenster nach Europa“ war nun mit Wellblech vernagelt - und einzig als „Wiege der Oktoberrevolution“ und „Laboratorium der Avantgarde“ fiel noch dürftiger roter Ruhm auf Leningrad (wie die Stadt dann ab 1924 hieß).

Nur zwanzig Jahre später schlug das Schicksal noch schrecklicher zu: Im Zweiten Weltkrieg wurde Leningrad von der deutschen Armee eingekesselt, beschossen und ausgehungert. Hitler wollte die Stadt vernichten, nicht erobern. 870 Tage dauerte die Blockade. Von 3 Mio. Einwohnern waren am Ende 600000 übrig, 1 Mio. war tot - zumeist verhungert und erfroren.

Die einst von Adel und Bourgeoisie geprägte Stadt wurde neu besiedelt - mit braven sowjetischen Werktätigen. Und erstaunlich, obwohl die alten Petersburger faktisch ausgerottet waren, hat der Geist der Stadt diese Menschen auch in ihren Bann gezogen - spätestens in der zweiten Generation: „Leningrader“ galt bald schon als Synonym für gebildete, kultivierte und kulturinteressierte Menschen. Das Streben nach Macht, Geld und Ruhm ist bis heute mehr Sache der hektischen Moskauer …

Die Degradierung von der Hauptstadt zur Provinzmetropole erwies sich nachträglich als Segen: Das solide gefertigte Alt-Petersburg überdauerte, nur bedeckt von einem dicken Grauschleier, wie in einer Zeitkapsel die Sowjetära. Weder stalinistischer Zuckerbäckerpomp à la Moskau noch Nachkriegsbetonsünden wie in Westeuropa verunstalten das alte Stadtbild. Und für Plattenbaueinöden gab es genug Platz am Stadtrand. Die Unesco erhob deshalb die ganze, bis heute dicht besiedelte historische Innenstadt in den Rang eines Weltkulturerbes.

1991 zerbrach mit der Sowjetunion auch die trübe Käseglocke über der Stadt: Es herrschte bittere Armut, aber ein frischer demokratischer Wind blies durch die Straßen und Köpfe. Bei einem Referendum stimmte eine Mehrheit der Bevölkerung für die Rückbenennung in St. Petersburg. Verwaltungschaos und Wirtschaftskrise waren in den 1990er-Jahren aber so stark, dass es aussah, als sei der schleichende Verfall der Stadt nicht mehr zu stoppen.

Die Zeiten haben sich geändert - unter anderem, weil 2000 im Kreml mit Wladimir Putin und dann Dmitri Medwedew eine neue „Petersburger Dynastie“ die Staatsführung übernahm. Der 300. Stadtgeburtstag 2003 wurde auf Putins Geheiß zum internationalen Topevent erhoben - und in der Stadt begann das große Reinemachen. Die Befürchtung, es würden nur frische Farbe und neuer Asphalt über alte Löcher geschmiert, erwies sich als falsch: Man geht beim Sanieren nun gründlich zur Sache. Denn Russland boomt, die Budgets von Staat, Stadt und Privatunternehmen sind wohlgefüllt - und Investitionen in St. Petersburg gelten als ebenso sicher wie politisch korrekt.

Zwar ist der Kontrast des Lebensstandards zwischen Armen (vor allem den Rentnern) und Reichen für europäische Verhältnisse inzwischen extrem, aber im Durchschnitt geht es den Menschen doch deutlich besser. Die Massen meist neuer Autos, die Tag für Tag Hauptstraßen und Innenstadt verstopfen, sind ein etwas unangenehmer Beweis des allgemeinen Wohlstandsschubs der letzten Jahre. Für Besucher hat die jüngste Entwicklung aber auch viele positive Seiten: Ständig entstehen jetzt neue Restaurants, Cafés, Geschäfte, Nachtclubs, Hotels - und deren Betreiber legen im harten Konkurrenzkampf nun Wert auf Qualität und Originalität. Ausländer sind nicht mehr die einzigen potenten Kunden: Nicht nur Oligarchen und die kleine Oberschicht, auch die stetig wachsende russische Mittelklasse erwartet Angebot und Service „wie in Europa“ - und kann sich das auch leisten. Zumal Russen eher weniger zum Sparen, sondern zum munteren Ausgeben ihres Geldes neigen, solange welches da ist.

Und selbst die gehobene Kultur muss nicht länger nur mit der Erbmasse haushalten: Erste Neubauprojekte wie das Eremitage-Magazin oder der Konzertsaal des Mariinski sind vollendet. Sie zeigen, dass St. Petersburg, Russlands erhaben in der Newa dümpelndes touristisches Flaggschiff, nach langer Flaute nun mächtig Fahrt aufnimmt.