Reisetipps Shanghai

Auftakt Shanghai Was für eine Stadt!

Shanghai - man muss es mit eigenen Augen sehen! Das gigantische Häusermeer, so weit das Auge reicht. Den mächtigen Fluss Huangpu. Die himmelstürmenden Bauten, die mehrstöckigen Straßen wie in einem Science-Fiction-Film. Staunen Sie über den Reichtum, der in eleganten Restaurants und Bars glamourös inszeniert wird. Und erleben Sie die Menschen, deren scheinbar unermüdliche Kraft diese Stadt pulsieren lässt: im Takt der Zukunft. Shanghai ist einer der spannendsten Orte der Erde - und abends, wenn die wunderbare elektrische Nacht die Skyline ins Neonlicht taucht, auch überwältigend schön.

Wenn die Sonne über der Stadt aufgeht, sollten Sie an der Uferpromenade, dem Bund, stehen. Dort begrüßt Sie das tiefe Horn der Jangtse-Fähren und das Tuckern der Schleppkähne, die schwer beladene Barken hinter sich herziehen, auf dem großen, träge dahinfließenden Huangpu.

Man muss erleben, wie die kolonialen Prachtbauten, Relikte einer großen Vergangenheit, aus dem Nachtschatten treten und drüben, am anderen Ufer, eine Skyline aus dem Morgennebel auftaucht, die an Manhattan denken lässt.

Shanghai will das New York des 21. Jhs. werden. China, das mit 1,3 Mrd. Menschen bevölkerungsreichste Land der Erde, erobert seinen Platz in der globalen Ökonomie und in der internationalen Politik. Das riesige Reich will an die Spitze, und Shanghai spielt dabei die Vorreiterrolle. Vom amerikanischen Gigantismus berauscht, wetteifert man um Superlative. Die Stadt ist stolz auf zwei der höchsten Wolkenkratzer der Welt, auf die anspruchsvollste Formel-1-Rennstrecke - und auf den schnellsten Zug: Der Transrapid schwebt regelmäßig zum Flughafen Pudong. Dieser wird ausgebaut, um jährlich 60 Mio. Fluggäste abfertigen zu können, wenn 2010 die Weltausstellung Expo eröffnet wird.

Dass man in China ist, wird einem erst so richtig bewusst, wenn man den Blick von der Skyline abwendet und sich unter die Menschen mischt. Shanghai hat rund 17,5 Mio. Einwohner - ein Stadtvolk, das ständig in Bewegung ist: der Strom der Fußgänger in der Nanjing Lu, die Pulks der Pendler in den überfüllten Bussen und die Schwärme der Fahrradfahrer. Die Shanghaier arbeiten unermüdlich, kaufen unentwegt ein und essen ständig und überall, so scheint es. Nur in den Gassen der Altstadt vollzieht sich das Leben in einem gemächlicheren Tempo. Wenn die Sonne scheint, wird Wäsche auf langen Stangen getrocknet, zwischen den Straßenbäumen schaukeln Unterhosen auf Drahtbügeln. Die Anwohner stellen Tische und Stühle in die Gassen und breiten ihre Schlafdecken zum Lüften darauf aus. Alte Frauen stricken, Verkäufer schlafen in ihren Liegestühlen, Männer beugen sich über Brettspiele. Shanghai ist eine Stadt der Kontraste: Blickt man auf, glänzt das Jin Mao Building in der Sonne, dieser elegante Turm aus Stahl und Glas, anmutig wie eine Pagode. Mit seinen 421 m ist es derzeit eines der höchsten Gebäude der Welt, und wohl das schönste. Neben ihm verblassen all die anderen Wolkenkratzer. In der Summe sind es mehr als 3000 Hochhäuser von über 35 m Höhe, die hier im letzten Jahrzehnt entstanden sind.

Schon einmal in der Geschichte Shanghais gab es eine solch atemberaubende Dynamik: Im 19. Jh. erkannten die Briten die hervorragende wirtschaftsgeografische Lage der Manufaktur- und Hafenstadt. Nördlich der Stadt mündet der Huangpu in den Jangtse. Dieser gewaltige Strom erschließt das Innere des riesigen Landes und gewährte den Zugang zu seinen wichtigsten Gütern: Tee, Porzellan und Seide. Die Briten erzwangen mit dem Opiumkrieg 1842 die Öffnung des Hafens für den internationalen Handel. Zusammen mit Amerikanern und Franzosen errichteten sie ihre Handelshäuser am Huangpu und feuerten das urbane Kraftwerk an. Shanghai stieg zur Weltmetropole auf. Im „goldenen Zeitalter“ von 1900 bis 1941 entstanden die Kolonialbauten am Bund, die Kaufhäuser in der Nanjing Lu, die eleganten Clubhäuser, Art-déco-Hotels und die Wohnhäuser im Französischen Viertel. Eine Vorstellung von der Grandeur jener Ära bekommen Sie, wenn Sie durch die alten Platanenalleen wandern, über Gartenmauern spähen oder durch schmiedeeiserne Zäune lugen: In verwilderten Gärten stehen Villen mit Erkern, Türmen und Säulenportalen, Flügeltüren führen auf schattige Veranden. Fotos aus der damaligen Zeit zeigen, dass die Reichen wussten, wie man Feste feiert.

Shanghai wurde mit dem Prädikat „Paris des Ostens“ für seine Eleganz geadelt und kam als die verruchteste Stadt des Orients zu zweifelhaftem Ruhm. Ein Heer von Arbeitern schuftete unter elenden Bedingungen für die wirtschaftliche Blüte. Jeden Morgen wurden die Leichen der verhungerten Bettler auf den Straßen eingesammelt. Unter den Studenten und Gebildeten wuchs der Unmut über die Zustände: 1921 wurde in der Französischen Konzession die Kommunistische Partei Chinas gegründet. Mit dem „Shanghai-Massaker“ vom April 1927 ließ Chiang Kai-shek die Arbeiterbewegung zerschlagen, die Kommunisten flohen in die Berge. Es folgte ein weiteres Jahrzehnt ungehemmter wirtschaftlicher Entwicklung. Rund 60000 Ausländer aus über 30 Nationen lebten hier, als 1937 die Japaner nach monatelangen Bombardements die 3,7 Mio. Einwohner zählende Stadt besetzten. Damit begann der Abstieg Shanghais.

Nach Jahren des Bürgerkriegs zogen 1949 die Kommunisten in Shanghai ein. Das Glücksspiel wurde verboten, Bordelle wurden geschlossen, Drogenabhängige und Prostituierte umerzogen, Slums wurden beseitigt, und die Kinderarbeit verschwand. Keiner hungerte mehr, es sei denn nach Freiheit: Die Regierung in Peking führte Shanghai hart am Gängelband - galt es doch, der Stadt das kapitalistische Denken, das bourgeoise Handeln, die westliche Dekadenz auszutreiben. Die Unterordnung noch aus Kolonialzeiten gewohnt, marschierten die Shanghaier zum Klang der Sirenen in die Fabriken und produzierten die landesweit besten Produkte, ohne deren Profit einzustreichen: Shanghai diente Peking als „Melkkuh“. Irgendwann war die stolze Stadt gefallen. Der Ruß aus den vielen Fabriken hatte die Häuser geschwärzt, die Indoktrination die Menschen in ihren grauen Plattenbauten verstummen lassen.

Mit der Liberalisierung in den 1980er-Jahren begann die sozialistische Tristesse auch aus Shanghai zu weichen, doch erst ab 1992 durfte sich die Stadt frei entfalten. Mit den ehemaligen Shanghaier Bürgermeistern Jiang Zemin und Zhu Rongji an der chinesischen Führungsspitze genoss die Stadt politische Rückendeckung aus Peking. Man investierte Milliardenbeträge in die Infrastruktur, eine Sonderwirtschaftszone in Pudong lockte ausländische Investoren an. Ganze Viertel mussten Bürohochhäusern weichen. Fabriken, die in der Stadt unter Lärm und Gestank produziert hatten, wurden ausgelagert und machten Platz für Wohnquartiere und Parks. Am People's Square entstand die Oper, und Glanz und Vergnügen hielten wieder Einzug. Der futuristische Fernsehturm Oriental Pearl Tower wurde unübersehbares Zeichen der neuen Stadt.

Die auferstandene Metropole wird - wieder - vom Geld regiert. Wer clever ist, kann hier sein Glück machen. Die Neureichen der Stadt stellen ihren Reichtum selbstbewusst zur Schau: S-Klasse-Mercedes-Karossen sind der Renner. Während die Reichen in Nobelrestaurants dinieren, schuften auf den Baustellen die Arbeiter im grellen Scheinwerferlicht. Die harten und gefährlichen Jobs gehören den Wanderarbeitern. Das britische Magazin „The Economist“ hat sie als Sklaven bezeichnet, weil sie rechtlos sind und brutal ausgebeutet werden - schätzungsweise 4 Mio. von ihnen leben in der Stadt. Wenn sie Arbeit haben, geht es ihnen hier aber besser als in den ländlichen, armen Provinzen, aus denen sie geflohen sind. China ist ein Entwicklungsland, das vergisst man in Shanghai leicht. Vielen Bürgern hier geht es so gut wie nie zuvor. Sie arbeiten hart und glauben wieder an die Zukunft. Die Angst vor staatlicher Willkür schwindet, eine neue Freiheit des Denkens, Redens und Handelns wächst.

Wie der Geist aus der Flasche, endlich befreit, ist er wieder da: der „Shanghai Spirit“. Abends am Bund spürt man den fröhlichen Optimismus der Menschen. Abends, wenn die Stadt im Licht der Scheinwerfer und Leuchtreklamen glitzert - und ihre ganze Schönheit zeigt.