Reisetipps Ruhrgebiet

Auftakt Ruhrgebiet Was für eine Region!

Wir müssen Sie enttäuschen: Rußschwarze Gesichter sehen Sie hier nicht in den Fußgängerzonen und Kneipen. Aber das bleibt die einzige Enttäuschung - versprochen! Eine Region im Wandel - Spannenderes werden Sie zwischen Meer und Alpen kaum finden! Theater in Bochums Jahrhunderthalle, Lichtkunst in der Linden-Brauerei in Unna, Ausstellungen im Gasometer Oberhausen: Die ganze Palette der Industriekultur zeigt sich jeden Sommer in der grandiosen Nacht-Inszenierung „Extra-Schicht“. Eine dichte Kulturszene, gekrönt von Natur satt: Flüsse, Seen, Kanäle und mit der Haard eines der größten Waldgebiete der Republik.

„München und Hamburg sind dir völlig schnuppe. Lieber auffem Gasometer im Sturmesbrausen, und alles, watte wills, is Oberhausen ...“ so beschreiben die Kabarettistinnen Stefanie Überall und Gerburg Jahnke, früher bekannt als die „Missfits“, musikalisch den ergreifenden Blick aus 110 m Höhe von der höchsten „Blechdose“ Europas auf das Ruhrgebiet. Dieser Liebeserklärung an die Region können mittlerweile viele Menschen folgen. Das Ruhrgebiet ist längst nicht mehr das Aschenputtel. Es hat sich gewaltig geändert.

Doch zunächst ein Blick zurück: Landschaft und Natur des Ruhrgebiets wurden vor gut 150 Jahren für das schwarze Gold geopfert. Der Ausverkauf des Landstrichs für Bergbau, Eisen und Stahl verwandelte die damalige Heide- und Bruchlandschaft unglaublich schnell, sehr gründlich und sehr nachhaltig. Die Industrialisierung setzte im mittleren Ruhrgebiet sehr spät ein, schließlich lag die hochwertige Kohle tief, über 1000 m unter dem Erdboden. Die Abbautechnik dazu musste erst allmählich entwickelt werden. Mit all den technischen Neuerungen verliefen die Ausbeutung, Zerstörung und der Fraß an der Landschaft entlang des einst lieblichen kleinen Flusses Emscher umso brutaler und rücksichtsloser.

Was einerseits zerstörte, brachte andererseits Arbeit für die einen und Reichtum für die anderen. Die Krupps, die Thyssens und Haniels - sie vereinten das Kapital auf sich, den breiten Rest der Bevölkerung bildeten die in der Schwerindustrie Beschäftigten. Hunderttausende kamen Ende des 19. Jhs., um hier zu arbeiten, meist Männer aus den preußischen Ostprovinzen und aus Polen. Die Bevölkerung verdoppelte sich zwischen 1895 und 1913 von 1,5 auf 3,3 Mio. Menschen. Die Ortschaften wuchsen ineinander, ein zusammenhängendes Stadtgeflecht entstand.

Das Ruhrgebiet war das industrielle Herzstück, phasenweise auch die Waffenschmiede des Landes. Die durch die ausschließliche Ausrichtung auf die Montanindustrie (Bergbau und Verhüttung) entstandenen wirtschaftlichen Monostrukturen haben das Revier genauso oft boomen wie in sich zusammenfallen lassen. Dem letzten großen Zusammenbruch nach 1945 folgte das schleichende Ende der Montanära ab den späten 1950er-Jahren. In der neuen Demokratie hatten sich mittlerweile starke Gewerkschaften organisiert. Die Bilder der Arbeitskämpfe im Ruhrgebiet Ende der 1980er-Jahre, die den endgültigen Niedergang von Kohle und Stahl flankierten, sind noch im Gedächtnis. Doch die Konkurrenz billigerer Energieträger auf dem Weltmarkt war einfach zu groß. Mit dem Abriss von Zechen, der Verschrottung von Hochöfen und dem Sprengen von Schornsteinen verloren die Menschen ihre Identität. Nicht nur mit Schmutz und Zerstörung, sondern zudem noch mit Verlust von Arbeitsplätzen und Abhängigkeit von immensen Subventionen wurde das Ruhrgebiet in Verbindung gebracht. Und: Der einstige Stolz der Menschen auf ihre Leistung war gebrochen; die heimische Kohle spielte keine Rolle mehr.

Das Ruhrgebiet hat nicht versäumt, in den letzten Jahrzehnten an seiner Zukunft zu basteln. Als erster Schritt zum Strukturwandel wurden Universitäten errichtet. Heute hat das Ruhrgebiet als größte Wirtschaftsregion Europas auch die dichteste Hochschullandschaft. Und während einerseits die Kohle subventioniert wurde, der Verlust von Arbeitsplätzen im Bergbau nicht mehr aufzuhalten war, setzte parallel die Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft ein. Ein paar Zahlen: 2008 waren noch fünf Zechen aktiv, 1958 waren es 127. Der größte Beschäftigungssektor ist mit über 65 Prozent der Dienstleistungsbereich. Das Ruhrgebiet mit seinen 5,3 Mio. Einwohnern ist zu einer Region der Extreme und Kontraste geworden - überall begegnet man Vergangenheit und Zukunft, Geschichte und Gegenwart, oftmals sogar an ein und demselben Ort. Gerade diese Gegensätze faszinieren, und so widmeten die Missfits eines ihrer Lieder Oberhausen, das wie so viele andere Städte hier in den letzten dreißig Jahren zum zweiten Mal sein Gesicht völlig geändert hat.

Der Blick vom Dach des Oberhausener Gasometers fällt auf Altes und Neues: auf ein gigantisch großes Einkaufs- und Freizeitzentrum, das CentrO, und nach Norden hin auf die Parkanlagen der Landesgartenschau von 1999. Nur der alte Förderturm der Zeche Osterfeld erinnert daran, dass hier bis 1993 Kohle gefördert wurde. Betriebsamkeit herrscht auf den sich kreuzenden Autobahnen, der Rhein-Herne-Kanal und die zum Abwasserkanal umgebaute Emscher verlaufen hier, überall kreuzen Bahnlinien - ein Wirrwarr einer zu industriellen Zeiten angelegten Infrastruktur. Nur am westlichen Horizont ist noch aktive Industrie zu sehen: Die Hochöfen verweisen auf Duisburg, den immer noch größten deutschen Standort für die Stahlproduktion.

Die Menschen hier sind offen, herzlich, unaufgeregt, direkt und unkompliziert. Toleranz ist ein weiteres Stichwort: Das Ruhrgebiet ist auch heute Heimat für Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen. Man hat hier seit vielen Jahrzehnten Erfahrung mit dem Mit- und Nebeneinander von Kulturen. Auch neue Technologien konnten sich so in der Metropole Ruhrgebiet ansiedeln: In Gelsenkirchen ist ein wichtiger Produktionsstandort von Solarzellen entstanden. Ausgerechnet hier, wo Energieträger Nummer eins immer die Kohle war. Softwareentwicklung, Entwicklung von Brennstoffzellen und Energiespeichern, Umweltschutz und Abwassertechnologie sind nur einige Bereiche, die Teil der Zukunft des Ruhrgebiets sind.

Das Ruhrgebiet hält die überraschendsten Freizeit- und Naherholungsmöglichkeiten in der Industrielandschaft bereit und kann sich zu Recht als eine der dichtesten Kulturlandschaften Europas bezeichnen. Was vielen nicht bewusst ist: Der schwerindustriell geprägte Kern des Reviers geht an seinen Rändern zudem in eine reizvolle Landschaft über - im Norden ins Münsterland mit seinen Wasserschlössern und im Süden in die liebliche Hügellandschaft des Bergischen. Kontrastreicher kann eine Urlaubslandschaft kaum sein. Irreparabel ist es zwar, was die Industrie hier angerichtet hat, und sicher sollte man auch nicht behaupten, es sei wunderschön zwischen Duisburg und Dortmund. Aber wer die Augen öffnet, entdeckt moderne, pulsierende Stadtlandschaften, in denen immer mehr Menschen mit der Vielfalt und den Widersprüchlichkeiten einer Region im Wandel weitaus unbelasteter und selbstverständlicher umgehen als gemeinhin abgebildet. Vieles ist neu, aber ohne das Alte nicht denkbar. Vielleicht eine Liebe auf den zweiten Blick ...