Reisetipps Normandie

Stichworte Normandie

Bocage

Die Bocage ist der Inbegriff normannischer Landschaft und lebendiges Zeugnis vom Geschick unserer Vorfahren, den Widrigkeiten von Wind und Wetter zu trotzen: Sie säumten Felder und Wege mit dichten, auf Wällen angelegten Hecken ähnlich den norddeutschen Knicks. So schützten sie die Felder und sich selbst vor dem Wind. Die Hecken boten Nistraum für Vögel, die wiederum bei der Schädlingsbekämpfung halfen. Zudem sparte man so teure Zäune und Mauern - und schuf ganz nebenbei eine Landschaft von großem Reiz: die Bocage. Im vermeintlich segensreichen Dienst der Flurbereinigung schien dann im 20. Jh. das Verschwinden der Bocage besiegelt. Große Agrarmaschinen wollen weite, ebene Flächen. Inzwischen hat zum Glück die Trendwende eingesetzt: Windbedingte Austrocknung der ungeschützten Böden und vermehrter Insektizidbedarf zeigten den Nutzen der Hecken auch in ökonomischer Sicht. Und so laufen nun staatlich geförderte Programme zur Rekonstruktion und Erweiterung der Bocage.

D-Day

Als „Der längste Tag“ ging der 6. Juni 1944 in die (Film-)Geschichte ein. Militärisch gesehen bedeutete die Landung der Alliierten an den Stränden der Normandie den Anfang vom Ende des Naziregimes in Europa. Jahrelang hatten die US-amerikanischen und britischen Generalstäbe den „D-Day“ vorbereitet. Ziel: den deutschen Atlantikwall durchbrechen. Knapp 7000 Schiffe und rund 150000 Mann Landungstruppen warfen sie - mit massiver Unterstützung aus der Luft - in der Operation Overlord gegen die Flachküste des Calvados und des Cotentin. Nach äußerst heftigen Gefechten beendete die Einnahme von Rouen am 30. August 1944 die deutsche Besetzung der Normandie endgültig. Der Preis war hoch. Nahezu 100000 Menschen, darunter 37000 Alliierte, verloren ihr Leben. Zahlreiche Soldatenfriedhöfe und Bunkerruinen zeugen noch heute vom „längsten Tag der Normandie“.

Christian Dior

Als der Knabe Christian 1905 in der elterlichen Strandvilla an der Steilküste von Granville das Licht der Welt erblickte, ahnte niemand, dass er diese mit seinen Kreationen erobern sollte. 1947 sorgte der Modeschöpfer mit seiner Kollektion für internationales Aufsehen. Sie machte den Normannen zur Lichtgestalt der französischen Haute Couture. Mit seinen Modellen mit schmaler Taille, schwingenden Röcken und figurbetontem Oberteil kreierte er den „New Look“ und mit ihm das Modeideal der „ewigen Pariserin“. Die zum Modemuseum umgewandelte Villa mit ihrem schönen Park ist für Fashionfans aus aller Welt zum Pilgerziel geworden.

Fachwerkkunst

Die Fachwerkkunst ist das Markenzeichen historischer normannischer Architektur vor allem in den Departements Calvados und Seine-Maritime. Orte wie Vieux Port im Parc Régional de Brotonne oder manche Straßenzüge der Altstadt von Rouen gleichen regelrechten Fachwerkmuseen. Man unterteilt die colombages in sechs meist regionaltypische Stilrichtungen. Allesamt sind sie geprägt durch lange, parallele Balken und/oder durch feines Fischgrätmuster.

Flamboyantstil

Prägend für das Bild der normannischen Baukunst ist die spannungsvolle, Flamboyant genannte Stilvariante der Spätgotik. Während sich Ende des 15. Jhs. die Baumeister anderswo bereits der Renaissance zuwandten, blieb man in der Normandie noch lange dem Flamboyantstil treu. Diese sich in verspielter, filigraner Ornamentik ausdrückende Bauform ist besonders eindrucksvoll am „Butterturm“ der Kathedrale in Rouen und am Dekor der Kathedrale in Évreux zu sehen. Weitere eindrucksvolle Beispiele sind die Kathedralen von Bayeux oder Coutances.

Gezeiten

Die Küste lebt im Rhythmus der Gezeiten, die sich an der Kanalküste mit einem besonders großen Tidenhub bemerkbar machen. Häfen erwachen mit dem Öffnen der Schleusentore (ca. 1,5 bis 2,5 Stunden vor dem Scheitelpunkt der Flut) zum Leben, um nach deren Schließen bei Ebbe wieder in Lethargie zu verfallen. Einige Strände verwandeln sich bei Hochwasser in schmale Sandstreifen, andere erweitern sich bei Niedrigwasser bis zum Horizont. Die Abfahrtszeiten von Ausflugsbooten und Fähren folgen häufig dem Gezeitenkalender, und die Auslagen der Fischhändler füllen sich nach dem Anlanden der Fangflotte mit frischer Ware. Ein Blick in die Tageszeitung gibt Auskunft über Uhrzeit und Höhe von Hochwasser (marée haute oder pleine mer) und Niedrigwasser (marée basse bzw. basse mer). Oder man investiert ein paar Euro in die Anschaffung eines überaus nützlichen Gezeitenkalenders, den es im Buch- und Zeitschriftenhandel und zum Teil auch umsonst bei den Touristinformationen gibt.

Jeanne d'Arc

Schon als Kind erlebte Jeanne die Schrecken des Hundertjährigen Kriegs - des Machtkampfes zwischen England und Frankreich um die französische Krone. Göttliche Eingebungen ließen sie ihr kurzes Leben dem Kampf gegen die Engländer widmen. Das 1412 geborene Bauernmädchen, zeitlebens Analphabetin, überzeugte den Thronfolger, der ihr ein 3000-Mann-Heer zur Verfügung stellte, mit dem sie 1429 das belagerte Orléans befreite. Noch im gleichen Jahr erfolgte die Krönung von Karl VII. zum französischen König. Beim Versuch, die Engländer völlig aus Frankreich zu vertreiben, fiel Jeanne 1430 in die Hände der mit England verbündeten Burgunder. An die Engländer ausgeliefert, machte ihr ein Tribunal aus Bischöfen und Äbten den Prozess wegen Ketzerei und Hexerei. Am 30. Mai 1431 starb die 19-Jährige auf dem Scheiterhaufen in Rouen. Der Vatikan sprach sie 1920 heilig. So wurde sie als „Heilige Jungfrau von Orléans“ zur Schutzpatronin Frankreichs.

Nor(d)mannen

Mit kleinen, wendigen Schiffen kamen sie aus dem Norden über das Wasser, überfielen immer wieder das Land und raubten, was sie bekommen konnten: die Wikinger. Dabei nahmen sie beileibe nicht die Normandie allein für ihre Raubzüge aufs Korn - weite Teile Europas zitterten vor ihnen. Als die Wikinger des Kommens und Gehens müde waren, begannen sie, sich anzusiedeln, und wurden zu Beginn des 10. Jhs. unter ihrem Anführer Rollo zu einem starken Machtfaktor im Land. Rollo ließ sich taufen und wurde als Robert erster Herzog der Normandie. Damit vollzog sich die Geburtsstunde des Landes, das nunmehr aufblühte.

Pferde

Mehr als ein Drittel aller französischen Pferde werden in der Normandie geboren. Gezüchtet werden Rennpferde, Reitpferde, Lastentiere für die Landwirtschaft und Schlachttiere. Pferdefreunde sollten nicht versäumen, im berühmten Gestüt Haras du Pin bei Argentan von Juni bis September donnerstags um 15 Uhr die musikalische Pferdeparade zu erleben. Der zweite Haras National der Normandie befindet sich in Saint-Lô. Das in der Zeit von Louis XIV begründete System der heute 23 Nationalgestüte kontrolliert und regelt Zucht und Leistung. Es funktioniert als eine der wenigen französischen Institutionen nach föderalen Prinzipien.

Spitzenkunst

Das kunstvolle Fadenschlagen um die Nadeln des Nadelspitzenkissens wurde in Flandern erfunden. Ab 1665 wurden Spitzen auch im normannischen Alençon hergestellt. Recht bald fand der französische Geschmack eine eigene Variante, die stark konturierte Ornamentik auf zartem, handgenähtem Netzgrund. Der lang anhaltende Erfolg der dentellière normande war dem Point d'Alençon von Madame La Perrières zu verdanken. Tausende von Frauen und Kindern, vor allem in ländlichen Gebieten der Basse-Normandie, sicherten mit Hand- und Heimarbeit die Existenz ihrer Familie. Im 19. Jh. setzte sich die maschinelle Herstellung der Spitzen durch. In den Museen in Alençon und Argentan wird die Spitzenklöppelkunst angemessen gewürdigt.

Trou normand

Calvados, das weiß man in der Normandie, „stellt in jeder Lebenslage die Ohren wieder in Marschrichtung“. Zum viel zitierten trou normand wird er, wenn er - im Ablauf eines üppigen Menüs gereicht - für den nächsten Gang ein Loch (trou) im Magen schaffen soll. Wohl bekomms!