Reisetipps Nizza

Stadtspaziergänge Nizza

Die Promenade des Anglais: Belle Époque und Jugendstil

Urlauber mit Sonnenhüten an den Stränden, die Luxushotels und die für ihre Zeit repräsentativen Paläste Ruhl, Négresco, das Kasino Jetée-Promenade und der Palais de la Méditerranée: Die Promenade des Anglais wurde in der ganzen Welt durch unzählige Bilder als Symbol des zeitlosen Nizza bekannt. Nachdem der schottische Schriftsteller Tobias Smollet die heilende Wirkung des milden Klimas in einem Buch beschrieben hatte, begannen vor allem Engländer die Winter in Nizza zu verbringen und das Panorama entlang der Küste zu genießen. Den Anstoß zum Bau einer Promenade gab Reverend Lewis Way, der das dafür nötige Geld von den bereits in Nizza ansässigen Engländern beigesteuert bekam.

1844 erhielt die Promenade ihren heutigen Namen Promenade des Anglais - auf Nissart Camin dei Inglès (Weg der Engländer); und heute ist die Prachtstraße am Meer noch immer das Wahrzeichen der Stadt. Sie beginnt ungefähr auf Höhe des Flughafens und erstreckt sich über 8 km bis zur Altstadt. Obwohl die Promenade viele ihrer Paläste durch die Betonbauwut der 60er- und 70er-Jahre verloren hat, sind viele Zeugnisse der Vergangenheit erhalten geblieben: Alle Stilrichtungen der Architektur des 19. und 20. Jhs. sind vertreten.

Dieser knapp 2 km langer Spaziergang beginnt auf Höhe der Seitenstraße Avenue de Bellet (Bushaltestelle Magnan) mit der Villa Collin Huovila (Nr. 139). Hier haben Sie eines der seltenen Jugendstilgebäude der Stadt vor Augen. Einige Schritte weiter kommen Sie an den Palais de l'Agriculture (Nr. 113), ein schöner Belle-Époque-Bau; er beherbergte ab 1901 die Société Centrale d'Agriculture, die den Anbau und die Akklimatisierung tropischer Pflanzen an der Côte d'Azur erforschte.

Das Centre Universitaire Méditerranéen (Nr. 65) von 1933 wurde bis 1965 von dem Schriftsteller Paul Valéry als Kulturzentrum geleitet. Das CUM ist heute Rahmen für Konzerte und Konferenzen und verfügt über einen der schönsten Hörsäle Frankreichs. Ein Stückchen weiter kommen Sie an der Villa Furtado Heine (Nr. 61) vorbei, die mit ihrer klassischen Fassade mitten in einem herrlichen Garten liegt. Die 26 m hohen bronzenen Venusstatuen, die das Hotel Elysée Palace einrahmen, sind Werke des Nizzaer Künstlers Sacha Sosno. Werfen Sie auch einen Blick auf den Palais Mercedes (Nr. 54) - er erinnert an Emil Jellinek, den Erfinder des Automobils, das den Namen seiner Tochter Mercedes trägt. Um die vorletzte Jahrhundertwende verbrachte die Familie die Wintermonate in Nizza.

Auch wenn Sie das nächste Gebäude schon hundert Mal auf Fotos gesehen haben, ist das Hôtel Négresco eindrucksvoll. Der Portier im napoleonischen Reiterkostüm und die Miles-Davis-Skulptur von Niki de Saint Phalle sind garantierte Hingucker! Sie müssen nicht im Hotel wohnen, um auf ein Glas Wein oder einen Espresso hineinzugehen, ins La Rotonde, die Karussellbar mit den Holzpferden - eine Attraktion für sich! Oder ins Le Relais, die britische Bar mit den Kunstwerken an den Wänden. Oder Sie reservieren sich gar einen Tisch im sterngekrönten Restaurant Le Chanteclair (Juli/Aug. tgl., sonst Mi-So | €€€).

Die Villa Masséna (Nr. 35), prächtiges Zeugnis der Belle-Époque Architektur, wurde 1898 nach italienischem Vorbild für Victor, den Enkel von Napoleons Marschall André Masséna, gebaut. 1917 schenkte der Sohn von Victor den Palast der Stadt Nizza mit der Bedingung, ihn in ein Museum für Geschichte umzuwandeln. Auf 1800 m² zeigt das Museum die wichtigsten Stationen Nizzas vom Ersten Kaiserreich bis 1939. Die 15000 Exponate des Museums - Einrichtungsgegenstände, Gemälde, Skulpturen und Kunstobjekte - bilden die Geschichte der Stadt abwechslungsreich ab (Mi-Mo 10-18 Uhr | Eintritt frei). Der Garten im englischen Stil wurde nach Originalplänen eines der berühmten Gartengestalter des 19. Jhs., Edouard André, gestaltet. Auch die Bibliothek von Cessole ist der Öffentlichkeit zugänglich; sie verfügt über mehr als 40000 Bände und Dokumente über Nizza.

Nächste Station ist das West End (Nr. 31), das älteste Hotel an der Promenade, das unter dem Namen „Hotel von Rom“ 1850 gebaut wurde. Ähnlich wie das benachbarte Westminster von 1880 ist auch dieses Hotel ein echtes Juwel der Belle Époque. Das Westminster gehört seit seinem Bau der Familie Grinda. Der Speisesaal des Hotels befindet sich im ehemaligen Tanzsaal und besitzt eine Decke mit prächtigen Fresken; die Holztäfelung und die Glasmalereien lassen das Hotel fast wie ein Museum erscheinen.

Das Palais de la Méditerranée eröffnete 1929 als Meisterwerk im Art-déco-Stil; seinem Architekten Charles Dalmas ist u. a. auch das Hotel Carlton in Cannes zu verdanken. Das neue Hotel an der Promenade war ein prompter Erfolg: Mistinguett, Joséphine Baker, Louis Armstrong, Sacha Guitry, Duke Ellington zählten zu den ersten Stammkunden. 1978 fiel der Palast dem sogenannten „Krieg der Kasinos“ zum Opfer: Mehrere Familien stritten sich mit allen Mitteln um das Eigentum an den Kasinos Nizzas. Auch der damalige, korrupte Bürgermeister Jacques Médecin war in diese Affäre verwickelt. Das Gebäude wurde teilweise zerstört, doch die Fassade mit ihren Flachreliefs von Antoine Sartorio kamen unter Denkmalschutz, und so erstand es wieder aus seiner Asche, zumal, als ein privater Veranstalter beschloss, das Innere des Gebäudes zu restaurieren: Luxushotel, Restaurant, Traumschwimmbad, Kasino, Kongress- und Schauspielsäle.

Lust auf eine Stärkung nach so viel architektonischer Aufregung? Gegenüber vom Palais de la Méditerranée empfängt Sie die Plage Lido an allen Sonnentagen des Jahres zu einem Frühstück oder einem Mittagessen mit Blick aufs Meer, zu einem frischen Salat, einer duftenden Pizza oder auch nur zu einem Drink direkt am Wasser. Oder Sie mieten sich einen Liegestuhl und legen erst einmal die Füße hoch!

Colline du Château und das Antiquitätenviertel

Bevor Sie den steilen Weg zur Colline du Château, dem Schlossberg, hinaufgehen, können Sie an der Pointe Raubà Capéù Kraft auftanken. Die „Hutstehlerspitze“ heißt so, weil dort der Wind oft stark bläst und der englischen Königin Victoria angeblich einmal den Hut davongetragen hat. Kurz davor, zwischen 1883 und 1887, spazierte Friedrich Nietzsche auch hier entlang und fand Stoff für seine weltberühmten Werke. Am balcon - einem Weg, der im Halbkreis oberhalb des Meeres gebaut ist - können Sie den Blick auf Himmel und Wasser genießen. Überprüfen Sie noch einmal mithilfe der riesigen Sonnenuhr auf dem Boden die Zeit anhand Ihres eigenen Schattenwurfes, indem Sie sich an die angezeigte Markierung stellen - denn jetzt folgt ein etwa zweistündiger Rundgang.

Neben dem Hôtel Suisse, von wo aus Raoul Dufy so oft die Engelsbucht gemalt hat, führt ein Fußweg zum Schlossberg hinauf. Alternativ können Sie auch mit dem Aufzug bis fast zur Spitze fahren (April/Mai, Sept. tgl. 8-19, Juni-Aug. 8-20, Okt.-März 8-18 Uhr | 1 Euro). Der Aufzug wurde in einen ehemaligen Brunnenschacht aus dem Jahr 1517 eingebaut, der 73 m tief in den Stein gehauen wurde. Oben angekommen, sehen Sie auf einer Terrasse den Tour Bellanda von 1825, der 1844 die Unterkunft des Komponisten Hector Berlioz war.

Das Schloss, nach dem der Hügel benannt ist, werden Sie hingegen vergeblich suchen: Die Festung, die einst auf dem Hügel stand, wurde 1706 auf Anordnung von Ludwig XIV. abgerissen, um den Widerstand gegen die Annektierung Nizzas durch Frankreich zu bekämpfen. Die schattigen Spazierwege hier oben liegen mitten in mediterraner Vegetation. Die Nizzaer nutzen die Ruhe der grünen Oase für Sonntagspicknicks, während sich die Kinder auf den Spielplätzen tummeln können. Dazu gibt es einen weiten Blick auf die Umgebung. Was wo zu finden ist, erklären Orientierungstafeln: im Osten der Hafen und der Mont Boron mit der Festung Mont Alban, im Westen sehen Sie die Baie des Anges und das Cap d'Antibes und blicken bis zu den Voralpen von Grasse. Die Fundamente des Schlosses und der Cathédrale Santa Maria de l'Assompta sind auf dem Weg zum höchsten Punkt des Hügels noch zu erkennen.

Von der Friedrich-Nietzsche-Terrasse aus ist neben einem kleinen Souvenirladen der Blick nach Westen über die orangefarbenen Dächer der Stadt und die Kirchenkuppeln mit bunt glasierten Ziegeln herrlich. Die Terrasse wurde nach dem deutschen Philosophen benannt, der hier während wiederholter Winteraufenthalte Inspiration suchte: „Unter dem halkyonischen Himmel Nizzas, der damals zum ersten Male in mein Leben hineinglänzte, fand ich den dritten Zarathustra … Viele verborgne Flecke und Höhen aus der Landschaft Nizzas sind mir durch unvergessliche Augenblicke geweiht.“

Unterhalb der Terrasse hört man das Rauschen des riesigen künstlichen Wasserfalls, der aus dem 19. Jh. stammt und vom Fluss Vésubie gespeist wird. Der Wasserfall und der Tour Bellanda sind am Abend sanft beleuchtet und von der Altstadt am schönsten zu sehen. Aber bevor Sie dorthin hinuntergehen, können Sie noch eine Erfrischungspause an der kleinen Bar etwas tiefer einlegen.

Nehmen Sie dann einen der Fußwege bergab in nordwestlicher Richtung, und folgen Sie der allée François Aragon zu den Friedhöfen. Der katholische Friedhof ist besonders beeindruckend: Das Monument für die Opfer des Opernbrandes von 1881 befindet sich gleich am Eingang. Unter anderem ruht hier der Schriftsteller Gaston Leroux, Autor des Romans „Das Phantom der Oper“. Außerdem finden Sie das Grab der Familie Jellinek (Mercedes-Benz) und das von Giuseppe Garibaldi.

Anschließend gehen Sie nordwärts hinunter bis zur Rue Catherine Ségurane, wo das Antiquitätenviertel anfängt und wo es sich nach Lust und Laune bei den vielen Antikhändlern stöbern und kaufen lässt. Es erstreckt sich bis zur Rue Emmanuel Philibert und der Rue Antoine Gautier. In der Rue Catherine Ségurane dürfen Sie unter der Nr. 28 das Village Ségurane (Mo-Sa 10-12 u. 14-19 Uhr) nicht verpassen: über 40 Antiquitätenläden auf zwei Ebenen in einem sehr hübschen Gebäude aus dem Jahr 1967. Ein süßer Wachsgeruch begleitet Sie, während Sie Porzellan, Tafelsilber und Möbelstücke aus dem 18. und 19. Jh. entdecken. Ein Spaziergang durch die Vergangenheit. Ein Stückchen weiter, im Haus Nr. 38, treffen Sie noch einmal auf Friedrich Nietzsche, der hier 1883 den Schluss seines philosophischen Werkes „Also sprach Zarathustra“ schrieb.

Noch ein Trödelmarkt? Dann gehen Sie in Richtung Hafen. Der kleine Antiquitätenflohmarkt, Marché aux Puces, befindet sich an der etwas versteckten Place Robilante am Quai Papacino (Di-Sa 10-18 Uhr, Juni- Sept. bis 19 Uhr). Weiter in Richtung Süden, den Quai Lunel entlang, erreichen Sie das Monument aux Morts, das 1928 zu Ehren der 4000 Nizzaer, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind, errichtet wurde. Und nach weiteren 100 m sind Sie wieder am Startpunkt. Die Sonnenuhr zeigt Ihnen jetzt sicherlich an, dass es Zeit für einen Aperitif ist …