Reisetipps Litauen

Stichworte Litauen

Alter Wortschatz

Litauisch ist ein lebendes Fossil. Keine andere Sprache Europas überstand die Zeiten so unverändert. Gemeinsam mit dem Lettischen zur fast ausgestorbenen baltischen Sprachenfamilie gehörend, steht Litauisch der indoeuropäischen Ursprache Sanskrit am nächsten. Für Ausländer oft ein Buch mit sieben Siegeln: So viele Fälle hat die altertümliche Sprache nämlich, dazu eine Lautstruktur aus 59 Phonemen und weitere Tücken, an denen selbst Begabte verzweifeln.

Seit 1991 ist Litauisch offizielle Landessprache. Eine staatliche Kommission wacht über ihre Reinheit im behördlichen Gebrauch, es gibt - wohl einzigartig in der Welt - sogar einen Tag der Sprache (7. Mai). Doch zunehmend überschwemmen Anglizismen nun auch die älteste Sprache des Kontinents. Auch aus dem Deutschen schlich sich einiges ein. Das Feuerwerk wandelte sich in die fejerverkai (ai bezeichnet den Plural), aus dem Schlagbaum wurde der šlagbaumas, und die Zeiger der Uhr drehen sich auf dem ciferblatas. Die Litauer lieben ihre kegelbanas, und abends in der Kneipe genehmigen sich die Männer gern mal einen šnapsas.

Baltischer Tiger

Litauens Wirtschaft steuert Kurs West. Den Übergang vom Sowjetdirigismus zur Marktwirtschaft hat die Baltenrepublik gut gemeistert: Die Betriebe sind größtenteils privatisiert, die Dienstleistungsbranche erwirtschaftet mittlerweile zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts (BIP 2007: 40,8 Mia. Euro); in der Außenhandelsbilanz entfällt heute die Hälfte der Exporte auf EU-Länder. Acht Freihandelszonen und ein 2006 erstmals aufgelegtes staatliches Förderprogramm sollen weitere Investoren ins Land holen.

Der Lebensstandard hat sich, seit die Zeit der postsozialistischen Zusammenbrüche überwunden ist, stetig verbessert, liegt allerdings immer noch deutlich unter EU-Durchschnitt. Das monatliche Durchschnittseinkommen liegt derzeit offiziell bei knapp 400 Euro. Und ein Problem bekommt auch der „baltische Tiger“ mit seinen hohen Wachstumsraten (2007: 8,8 Prozent) nicht in den Griff: die Arbeitslosigkeit. Sie liegt offiziell zwar nur bei 3,8 Prozent, doch in manchen ländlichen Regionen ist fast die Hälfte der Menschen ohne Job. | www.lda.lt

Basketball

Auf dem Basketballfeld mischt Litauen in der Weltliga mit. Dreimal holte die kleine Baltenrepublik schon Olympiabronze, Spiele des Nationalteams sind echte Straßenfeger, und in jeder Kneipe, die etwas auf sich hält, laufen dann die Live-Übertragungen. Bei großen Siegen fällt das sonst so stille Land in einen kollektiv-patriotischen Freudentaumel: Litauens Nationalsport steht im Rang einer Religion. Die Fliegerlegende Steponas Darius brachte das Korbballspiel in den 1920er-Jahren aus den USA mit und machte es so populär, dass Litauen schon 1937 zum ersten Mal Europameister wurde. In den Zeiten der Sowjetunion stellten baltische Zweimetermänner die Hälfte der Landesauswahl. Auch heute zählen Clubs wie Žalgiris Kaunas zu den internationalen Tops. www.zalgiris.lt

Čiurlionis, der Musikmaler

Mikajolus Konstantinas Čiurlionis (1875-1911) ist nur 36 Jahre alt geworden, doch sein Name leuchtet in der litauischen Nationalkultur als heller Stern. Als Komponist und Maler prägte Čiurlionis die Kunst seines Landes wie kein Zweiter. Der „Christoph Kolumbus der Kunst“ (Romain Rolland) verwob die Gesetze der Musik mit denen der Malerei, schuf in seinen Werken einander durchdringende Ebenen von meditativer Symbolkraft, in denen er einem ewigen Thema folgt: dem universalen Ganzen von Mensch und Natur.

Aufgewachsen als Sohn eines Organisten in Druskininkai mit seinen sagenhaften Waldlandschaften, beeinflusste die Naturliebe der Litauer den sensiblen Čiurlionis früh. Nach dem Musikstudium in Warschau entstanden in nur fünf Jahren, 1904-09, die meisten seiner 300 Bilder: mystizistische Zyklen aus der Welt des Imaginären - wie die berühmten „Jahreszeiten-Sonaten“. Auch in vielen der 250 Kompositionen des künstlerischen Grenzgängers, so etwa im Poem „Das Meer“, spielt das Naturempfinden die tragende Rolle. Mikajolus Čiurlionis hat Musik gemalt und Bilder komponiert.

Jerusalem des Nordens

Als die deutsche Wehrmacht am 24. Juni 1941 Vilnius besetzte, begannen SS-Einheiten schon am Tag darauf mit der Menschenjagd. In keinem anderen Land setzten sie ihren Vernichtungsfeldzug gegen die Juden so brutal um: Von den 250000 litauischen Juden überlebten nur wenige Tausend, 94 Prozent der jüdischen Bevölkerung wurden von Hitlers Schergen ermordet. Mit dem Holocaust erlosch eine jahrhundertealte Kultur, die Vilnius einst den Beinamen „Jerusalem des Nordens“ eingebracht hatte. Schon 1545 war dort die erste Synagoge gebaut worden. Im 18. Jh., einer Blütezeit der jüdischen Kultur, war fast die Hälfte der Einwohner Juden, sie nannten ihre Stadt Vilne und sich selbst Litvaken. Aus Vilne stammte Jascha Heifetz, einer der berühmtesten Geiger des 20. Jhs.

Heute hält das Staatliche Jüdische Museum Vilnius das Andenken an die vernichtete Kultur wach. Seit der Unabhängigkeit beginnt zaghaft wieder jüdisches Leben zu wachsen. www.litjews.org

Minderheiten

Im Gegensatz zu Lettland und Estland stellen die Litauer in ihrem Land mit 82 Prozent die große Mehrheit der Bewohner. Das erleichtert besonders das Zusammenleben mit den zu Sowjetzeiten in das Land gekommenen 300000 Russen (knapp 8 Prozent Bevölkerungsanteil). Man liebt sich nicht gerade, aber man toleriert und achtet sich, und wie allen Minderheiten sind auch den Russen und den rund 260000 Polen im traditionell multiethnischen Litauen demokratische Rechte gesetzlich garantiert.

Zwei ethnische Gruppen im baltischen Völkerschmelztiegel sind ausgesprochene Exoten: Tataren und Karaim (Karäer). Sie leben seit 600 Jahren in Litauen; Großfürst Gediminas brachte ihre Vorfahren als Palastwachen und Handwerker von der Krim mit. Etwa 4000 Deutsche leben verstreut im Land, die meisten im einst zu Ostpreußen gehörenden Memelland am Kurischen Haff und in Klaipėda (Memel). Ihr kulturelles Zentrum dort ist das Simon-Dach-Haus (www.vdd.lt).

National Symbol

Gelb, grün, rot - das sind die Farben Litauens. Gelb steht für die Sonne, grün für die heilige Natur des Landes, rot für das Blut, das die Litauer im Kampf um ihre Freiheit vergossen. Seinen Ursprung hat so viel Pathos in der Nationalbewegung des frühen 19. Jhs. Doch es sollte bis zum 1. Januar 1919 dauern, ehe die Flagge erstmals als offizielles Symbol der jungen Republik Litauen gehisst wurde. Die Sowjets verboten die Fahne schon 1940 wieder. Erst im Tauwetter der Perestrojka errangen sich die Litauer ihr Symbol zurück. Seit dem Herbst 1988 weht sie wieder über dem Gediminas-Turm in Vilnius. Die Trikolore hat sogar einen eigenen Feiertag: den 1. Januar.

Pilze

Der Pilzreichtum der litauischen Wälder ist legendär. Man könnte das Waldgemüse beinahe schon als einen Bodenschatz des Baltenlandes bezeichnen - immerhin hat es der findige Unternehmer Viliumas Malinauskas mit dem Export von Pilzen zum Millionär gebracht. Vor allem in den tiefen Wäldern der Dzūkija sprießen im Herbst derart viele Steinpilze und Pfifferlinge, dass das halbe Land in einer Art nationalem Sammelfieber zur Ernte anrückt. Dann bieten regionale Reisebüros Pilz- und Beerentouren an, Hotels werben mit speziellen Wochenendangeboten um sammelleidenschaftliche Gäste, denn die „stille Jagd“ mit gesenktem Kopf ist in Litauen Volkssport.

Auf den Wochenmärkten türmen sich frische Pilze, auch viele Restaurants offerieren nun grybas-Spezialitäten. In Städtchen Varėna, mitten in den Wäldern des Dzūkija-Nationalparks gelegen, wird Mitte September sogar ein Pilzfest gefeiert - Höhepunkt des Grybų šventė ist ein Mannschaftswettkampf im Pilzesammeln. Biologen sagen, in den litauischen Wäldern kämen an die 1200 Pilzarten vor. Davon sollen 280 genießbar und etwa hundert giftig sein.

Romuviai

In einer Zeit des Wertewandels kommt der pantheistische Glaube der alten Baltenvölker wieder zu Ehren, und die Romuva-Bewegung, die sich einer Naturreligion verschrieben hat, erfreut sich wachsender Beliebtheit. Die Bewegung wurde 1967 von Jonas Trinkunas an der Universität Vilnius gegründet. Heute hat sie offiziell zwar nur einige Hundert Mitglieder, die Zahl der Anhänger des alten Glaubens an den Donnergott Perkunas und seine Kollegen geht aber in die Tausende. Besonders junge Leute versammeln sich gern an den heidnischen Heiligtümern wie dem Berg Rambynas am Nemunas-Strom. Manche pilgern gar alljährlich nach Romowe: Der sagenumwobene, im 13. Jh. von den Kreuzrittern zerstörte Haupttempel befand sich am Oberlauf des Pregel (Kaliningrader Gebiet).

Sängerfeste

Das Singen haben die Litauer im Blut. Am größten Weltsängertreffen, alle vier Jahre in Vilnius (nächstes Mal 2011) unter einem Lebensbaum stattfindend, nehmen über 30000 Sänger teil, darunter viele Exil-Litauer. Alle Sängerfeste sind ein Kulturereignis nationalen Ranges.

Der Gesang ist in den baltischen Völkern in einer Tiefe verwurzelt, die sich in Europa wohl nur noch bei den Iren findet. Die alten litauischen Volkslieder, die liaudies dainos, werden seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergereicht. Das Folklorearchiv in Vilnius hat fast 250000 Dainos-Verse dokumentiert. Die Tradition der Liederfeste reicht bis ins 18. Jh. zurück (Estland), zum ersten großen litauischen Sängerfest trafen sich 1924 in Kaunas 86 Chöre. Als Ausdruck des nationalen Bewusstseins trugen die Lieder auch den Freiheitswillen der Litauer. Nicht umsonst ging ihr letzter Unabhängigkeitskampf 1991 als „singende Revolution“ in die Geschichte ein.