Reisetipps Litauen

Auftakt Litauen Was für ein Land!

Die größte der drei baltischen Republiken ist ein Land von bezaubernd sanfter Schönheit. Tiefe Wälder, Tausende Seen und Flüsse und die typisch baltische Weite prägen seine Natur. Und wer hat nicht schon von der legendären Kurischen Nehrung gehört? Ganz anders Litauens Hauptstadt: vital, selbstbewusst, europäisch. In Vilnius prallen Welten aufeinander. Eine der schönsten Altstädte Europas, geschichtsträchtig und mit Baukunst von Gotik bis Barock beinahe überfüllt, kontrastiert mit den Glasfassaden und Shoppingcentern des modernen Hightechlebens. Mittendrin: eine exzentrische Künstlerrepublik. Typisch Litauen.

Eine halbe Autostunde nördlich von Vilnius, nahe dem Dörfchen Purnuškės, ragt ein runder Hügel aus der Ebene, der alte Burgberg Bernotai. Ein Pfad schlängelt sich hinauf zu einer Marmorsäule, unter der in einer Windrose zwei Koordinaten stehen: 54° 54' nördlicher Breite und 25° 19' östlicher Länge. Der schlichte Punkt spielt eine große Rolle: Er ist die geografische Mitte Europas.

Mancher blickte verwundert auf, als französische Kartografen 1989 den Kontinent per Computer neu vermaßen und die Achsen Gibraltar-Ural und Nordkap-Kreta sich ausgerechnet in Litauen schnitten. So sehr hatte der Eiserne Vorhang das europäische Bewusstsein verschoben, dass der Westen erst allmählich zu bemerken beginnt, welch erstaunliche Entwicklung die Baltenrepublik seit ihrer wiedererkämpften Unabhängigkeit 1991 genommen hat. Doch spätestens seit dem 1. Mai 2004 ist das freie, demokratische Land mit seiner Vielvölkergeschichte nun in die westliche Staatenfamilie zurückgekehrt: Ihren EU-Beitritt feierten die Litauer mit einem Riesenfeuerwerk auf dem Kathedralenplatz in Vilnius und knipsten um Mitternacht alle Lichter des Landes an, damit man ihre Republik noch aus dem Weltall wahrnehme - vor allem die russischen Kosmonauten...

Die größte und bevölkerungsreichste Republik des Baltikums (65300 km², 3,5 Mio. Ew.) ist ein Land von sanfter Schönheit. Es hat weder Gebirge noch spektakuläre Baukunst, wie überhaupt die Extreme fehlen - es ist die faszinierende Vielfalt, landschaftlich und ethnisch, mit der sich Litauen seinen Besuchern empfiehlt. Da ist Vilnius, die multikulturelle Metropole mit ihrer Altstadt, in der sich nahezu alle Baustile Europas finden: Gotik, Renaissance, Klassizismus und überall rauschender Barock. Kaunas, zweitgrößte Stadt des Landes, steht als Wiege der nationalen Kultur und Kunst für Museen, modernes Theater, für Jazz und die legendären Sängerfeste. An der Ostsee lockt die Kurische Nehrung mit ihren malerischen Fischerdörfern und den höchsten Wanderdünen Europas. Die Unesco hat dieses Naturwunder zum Welterbe erklärt.

Die Nehrung ist zudem einer von fünf Nationalparks, mit denen der litauische Staat seinen größten Bodenschatz bewahren will: die Natur. Das Land hat 4000 Seen und Hunderte Flüsse, eingebettet in Landschaften von einer stillen, kaum berührt scheinenden Weite, wie sie in Westeuropa längst der Zersiedlung zum Opfer gefallen ist. Eine Fahrt durch Litauen ist eine geruhsame Reise durch ein hügeliges Mosaik aus Wiesen, Feldern, Mooren und Wäldern.

Der Wald ist Litauens Mythos, zu ihm haben die Menschen selbst in der modernen Zeit ein geradezu religiöses Verhältnis. Die Natur zu verehren ist Teil einer Identität, in der die alte heidnische Prägung fortlebt. Die Litauer waren die letzten Heiden Europas. Erst im 14. Jh. ließen sie sich taufen, und auch das nicht freiwillig: Großfürst Jogaila heiratete die polnische Thronfolgerin, Litauen wurde katholisch und verschmolz mit Polen für mehr als 400 Jahre zu einer Union.

Ihre Eigenständigkeit haben die Litauer sich dennoch bewahrt. Selbst während der schlimmen Knechtschaft, die ab dem 18. Jh. aus dem Osten über das Land hereinbrach - erst mit den russischen Zaren und dann, nach einem kurzen Frühling wiedererlangter Souveränität zwischen den Weltkriegen, durch die Sowjetunion. Die Wunden der „Okupacija“ sind längst nicht vernarbt. Das kollektive Trauma, das KGB-Terror und jahrzehntelange Entmündigung hinterließen, wirkt immer noch nach.

Doch die katholisch-konservativen Litauer prägt auch ein Bedürfnis nach Aussöhnung und Toleranz, und so ist das Verhältnis zu den im Land lebenden Russen heute viel besser als bei den baltischen Nachbarn. Nun ist man frei und blickt nach vorn: Vor der weltweiten Finanzkrise boomte die Wirtschaft, der Handel blühte, postsozialistische Wachstumskrisen schienen überwunden. Die Hauptstadt Vilnius hält, was elegante Läden und Restaurants angeht, dem Westvergleich längst stand.

Auch die Jugendlichen, die cool durch die Citypassagen von Vilnius, Kaunas oder Klaipėda flanieren, unterscheiden sich äußerlich nicht von ihren Altersgenossen im Westen. Trotzdem sind sie anders. Das alte Brauchtum des Landes lebt weiter in seinen Kindern, die so gern Volkslieder singen wie ihre Eltern und an Mittsommer zu Tausenden in freier Natur Sonnenwende feiern. Dass zu Trachtentänzen Handys klingeln und Digitalkameras blitzen, wen stört's? Dancefloor, Jazz und Sängerfeste: In Litauen geht das gut zusammen.

Europäisch denken und eigene Traditionen wahren, das ist auch das Markenzeichen einer selbstbewussten Generation gut ausgebildeter, mehrsprachiger, nicht mehr sowjetisch verbogener Mittdreißiger, die sich in der Metropole Vilnius etabliert. Sie sind die Aufsteiger, besetzen mit ihren Laptops und Maßanzügen immer mehr Spitzenpositionen, auch in den über 3000 internationalen Firmen, die inzwischen im Land investieren.

Doch das litauische Turbowirtschaftswunder hat auch seine Schattenseiten. Das Wir-Gefühl der alten Zeit ist einer Ellbogengesellschaft gewichen, in der 10 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben. Betroffen sind vor allem ältere Menschen, die mit umgerechnet 180 Euro Rente einfach nicht zurechtkommen. Auf dem Land grassiert Arbeitslosigkeit. Krasse soziale Brüche und das Trauma der Sowjetdekaden entladen sich in Alkoholismus und Depressionen: Litauen hat eine der höchsten Selbstmordraten der Welt. Einen Ausweg suchend, verlassen viele Litauer ihr Land. Seit 1989 hat die kleine Republik fast 350000 Ew. verloren. Seit die EU sich öffnet, gehen wieder Tausende auf Arbeitssuche - gen Westen. Litauen ist auch ein Land im Umbruch und noch dabei, sich wiederzufinden.

Die einen verlassen Litauen auf der Suche nach Zukunft, andere kommen, weil sie Ferienziele jenseits ausgetretener Wege suchen: Mehr und mehr Urlauber entdecken das Baltikum. Touristische Tops sind natürlich Vilnius und die Kurische Nehrung. Doch auf den Spuren einer verlorenen Zeit gibt es auch im Binnenland eine Menge zu entdecken. Litauen ist ein großes Freilichtmuseum, eine bäuerlich geprägte, weite Naturlandschaft abseits aller Hektik mit 30 Regionalparks und vielen Zeugnissen baltischer Völkergeschichte. Der größte Reichtum des Landes sind und bleiben seine Natur und seine gastfreundlichen Menschen. Das wird jeder Besucher spüren und sicher um manches reicher zurückkehren aus der fast tausendjährigen Baltenrepublik, die nun wieder in der Mitte Europas liegt.