Reisetipps Leipzig

Stadtspaziergänge Leipzig

Plagwitz im Wandel

Bei Sonnenschein geht's raus aufs Wasser. Rudern wird belohnt: Aus der Entenperspektive enthüllt der ehemalige Industriestadtteil Plagwitz ein neues Gesicht - romantisch, imposant, irgendwo zwischen Docklands und Klein Venedig. Wer sich auf der Kahnpartie über die Weiße Elster treiben lässt, sollte einen halben Tag einplanen.

Los geht es am Wilhelm-Leuschner-Platz mit der Straßenbahn Linie 2 Richtung Lausen bis zur Haltestelle Rödelstraße. Von hier ist es nur noch ein Katzensprung um die Ecke bis zum Bootsverleih Herold (Tel. 4011059) an der Weißen Elster. Die Herolds haben gut ein Jahrhundert Erfahrung im Bootsbau. Damals gründete Julius H. Seifert das Unternehmen, und die Verleihboote gehörten bald fest zur Firma. Gleich nach dem Ablegen verebbt der Straßenlärm. Das Boot gleitet an Kleingartenanlagen und dicht bewachsenen Ufern entlang. Idylle, in der ufernahe Grundstücke mit schicken Eigentumswohnungen bebaut wurden. Mit jedem Ruderschlag nähern Sie sich Plagwitz, das sich Mitte des 19. Jhs. vom verschlafenen Dorf jenseits der sumpfigen Elster-Pleiße-Aue zum ersten Industriestandort Leipzigs mauserte. Wie gewaltig die Ausmaße waren, wird nach der Unterquerung der Industriestraße sichtbar: Beiderseits der Elster erstreckt sich der gewaltige Komplex der Buntgarnwerke (1879-1925). Das größte Gründerzeit-Industriedenkmal Deutschlands ist ein Paradebeispiel für den Wandel des Viertels: Wo einst Maschinen wummerten und Menschen für die Sächsischen Wollgarnwerke schufteten, sind an der Nonnenstraße Restaurants, Arztpraxen, Post und Verwaltung eingezogen. Zum Wasser und zur Holbeinstraße entanden Lofts samt Tiefgarage und Dachgarten - Londoner Docklands mitten in Leipzig.

Bevor Sie an den himmelhohen Fassaden entlanggleiten, gönnen Sie sich noch einen Abstecher in den vom Industriepionier Karl Heine Mitte des 19. Jhs. angelegten Kanal, der direkt hinter der Brücke Industriestraße abzweigt. Sie unterfahren hier die malerische, originalgetreu sanierte Nonnenbrücke von 1893 und manövrieren das Boot durch die mit 5,50 m schmalste Stelle des Kanals. Über Ihnen thront auf einer alten Eisenbahnbrücke das MDR-Riverboat, extra für die gleichnamige TV-Talkshow an dieser Stelle errichtet. Dahinter öffnet sich der Blick in den Karl-Heine-Kanal. Das 2,5 km lange Teilstück präsentiert sich heute einladend wildromantisch. Hier begegnen die Ruderer mitunter dem kleinen Ausflugsdampfer „MS Weltfrieden“. (Anlegestelle am Restaurant Stelzenhaus). Seit der Entschlammung ist der üble Geruch aus dem Kanal verschwunden, typische Pflanzen blühen am Rand, und die ehemalige Verladestation oberhalb des Südufers wurde zum Stadtteilpark umgestaltet. Am Karl-Heine-Bogen erhebt sich das imposante Stelzenhaus. In der einstigen Lagerhalle finden Sie Firmen, Wohnungen und das Restaurant Stelzenhaus (tgl. | Tel. 4924445 | €€€) mit schönem Biergarten.

Zurück auf der Weißen Elster, vorbei an den Ziegelfassaden der Buntgarnwerke, unter der bei Malern beliebten Stahlkonstruktion Könneritzbrücke hindurch, ist es Zeit für eine Kaffeepause: Das Restaurant Weiße Elster (Mi-Mo ab 12 Uhr | €) hat eine eigene Anlegestelle und eine Terrasse über dem Wasser. Wer jetzt noch Puste und Zeit hat, rudert weiter Richtung Palmengartenwehr, schifft vielleicht sogar durch das Elsterflutbett. Zurück müssen Sie in jedem Fall, denn durch die Wehre ist kein Rundkurs möglich.

Gohlis - Villen, Schlösschen und Schiller

Wem's zu wohl ist, der geht nach Gohlis: Das alte Sprichwort gilt auch heute noch, denn Gohlis zählt zu Leipzigs schönsten Wohngegenden. Der Spaziergang vorbei an Villen, dem Schillerhaus und dem Gohliser Schlösschen lässt sich gut mit einem Abstecher ins grüne Rosental verbinden. Planen Sie einen Vormittag plus Mittagessen in einem der netten Restaurants ein.

Mit der Straßenbahnlinie 12 geht's vom Hauptbahnhof Richtung Gohlis-Nord. Rechts zeigt sich der Nordplatz mit der Michaeliskirche, eindrucksvoller Abschluss einer städtebaulichen Achse vom Alten Rathaus Richtung Norden. An der Haltestelle Fritz-Seger-Straße beginnt der Spaziergang. Biegen Sie links in die Menckestraße ein, und werfen Sie einen Blick auf die ehemalige Hauptstraße des Dorfes Gohlis. Links liegt die Gosenschenke „Ohne Bedenken„, ein Urgestein unter den Leipziger Gasthäusern. Wer genau hinsieht, entdeckt an den Fenstern, dass ursprünglich zwei Häuser durch den Erker verbunden wurden. Vom Reichtum der Gründerzeit erzählen die Häuser links und rechts vom Grünstreifen (früher der Dorfanger), die 1890-1910 entstanden. Ein besonderes Prachtstück ist das Haus Nr. 19 im Jugendstil, von Alfons Berger für eine wohlhabende Fabrikantentochter gebaut. Das Gohliser Schlösschen ist nun nur noch wenige Schritte entfernt (geöffnet nur zu öffentlichen Führungen Mi 15, und So 11 Uhr sowie zu Konzerten und Lesungen | www.gohliser-schloss.de). Der Kaufmann und Ratsherr Johann Caspar Richter baute sich 1756 den feudalen Landsitz. Die Innenräume wurde später im Stil des Frühklassizismus gestaltet. Beeindruckend ist das Deckengemälde „Lebensweg der Psyche“ von Adam Friedrich Oeser im Obergeschoss. Zum Barockgarten kommt man über die Schlösschenstraße und den Poetenweg. Von dort aus ist auch das Rosental ganz nah. Die große Wiese in dem Landschaftspark nutzen viele Leipziger für ein Picknick im Grünen. Östlich grenzt das Zooschaufenster an. In der Afrikasavanne tummeln sich Zebras, Giraffen und Strauße. Am Ende der Menckestraße wartet noch ein kleines Juwel auf Sie, das Schillerhaus (April bis Okt. Di-So 10-18, Nov.-März Mi-So 10-16 Uhr | Eintritt 2 Euro). Dort verbrachte der Dichter den Sommer 1785 und schrieb nach Leipziger Lesart die Ode an die Freude. Allerdings beansprucht auch Dresden diese Ehre für sich. Die kleine Ausstellung wirkt durch die Atmosphäre des restaurierten Bauernhauses von 1717, in dem der Dichter eine Stube im Obergeschoss bewohnte. Am Ende der Menckestraße fährt die Linie 4 wieder Richtung Innenstadt.