Reisetipps Süditalien

Stichworte Süditalien

Briganten

Ländliche Outlaws, einst Bauern und Hirten, die in den unwegsamen Bergen des Apennins im Mezzogiorno lebten, durchziehen die süditalienische Geschichte seit der Antike. Briganti unterstützten die Sklaven im legendären Spartakusaufstand 73-71 v. Chr., schlugen sich aber auch 1799 und 1806 auf die Seite der feudalen Bourbonenmonarchie und des reaktionären Klerus gegen die jakobinischen Franzosen und das heimische aufgeklärte Bürgertum. Das Brigantentum steigerte sich dramatisch in den Anfängen des neuen Nationalstaates seit 1861 als erbitterte Reaktion auf die repressive staatliche Steuerpolitik. Im historischen Brigantentum Süditaliens, seiner Verwurzelung in der Bevölkerung und seinem ganz eigenen Rechtsempfinden im Kontrast zu Staat und Obrigkeit verbergen sich Konstanten, die in der mafiosen „Ehrenwerten Gesellschaft“ und in der omertà, der Schweigesolidarität, heute noch Niederschlag finden.

Caffè

Von der einstigen Kaffeehauskultur in ganz Italien sind ein paar schöne Lokale übrig geblieben, in Rom etwa das Caffè Greco und Alemagna, in Neapel das Grand Caffè Gambrinus, historische Denkmäler. Der italienische caffè wird heute in den zahllosen Stehbars eingenommen, die man an allen Straßenecken und Plätzen findet. Stark geröstet, hoch konzentriert, gerade mal zwei Fingerbreit hoch in der kleinen Tasse, wirkt er wie ein Tropfen Lebenselixier. Man trinkt ihn auch ristretto (noch konzentrierter mit weniger Wasser), lungo (lang, d.h. etwas verdünnter), macchiato (mit ein paar Tropfen Milchschaum „befleckt“), corretto (mit einem Schuss Grappa oder Brandy „korrigiert“). Und beim cappuccino wird eine große Tasse mit dem kleinen caffè durch eine mächtige Haube aus Milchschaum aufgefüllt. Im Sommer bekommt man den caffè auch kalt (freddo) oder als granita, zu Eiskristallen gefroren.

Das Zischen der Espressomaschine ist eines der typischsten Geräusche Italiens, die Bar Treffpunkt schlechthin, der caffè am Tresen Anlass für eine kurze Verschnaufpause, ein Freundschaftsangebot, eine Friedenserklärung - und für den Reisenden eine Gelegenheit, sich ganz unverbindlich ins zweite Zuhause der Italiener einzuführen.

Familie

Die italienische Familie ist immer noch unangefochten - vor allem natürlich im Süden Italiens, wo sie als Verbund gegenseitiger Hilfe unentbehrlich ist. Sie gleicht die mangelhaften Strukturen des Staates aus: bei Arbeitslosigkeit, die hier Spitzen bis zu 30 Prozent erreicht, bei der chronischen Wohnungsnot, bei der Alten- und Krankenbetreuung. Die Erziehung der Kinder liegt vielfach bei den Großeltern. In der Verwandtschaft findet man Freunde, Handwerker, den Arzt, den Anwalt. Und noch werden in Süditalien mehr Kinder als im Norden geboren (aber auch hier mit stark abnehmender Tendenz), was dessen europäischen Minusrekord, ein Kind pro Familie (im kinderfreundlichen Italien!), abmildert. Die unangefochtene Hauptperson in der Familie ist die Mutter, deren fürsorgliche Allgegenwart in den sogenannten mammismo ausarten kann, die mütterliche Übermacht, die das Leben vor allem der Söhne bis an deren Ende beherrschen kann.

Flora und Fauna

Natürlich trifft man überall im Süden Italiens auf die Klassiker mediterraner Vegetation: auf ausgedehnte Olivenhaine, Weingärten und Zitrusplantagen, auf immergrüne Macchia aus Steineiche, Mastix und Wacholder, auf ausladende Pinien und üppige Palmen, Bananenstauden und Feigenbäume. Neben Zitronen und Orangen gedeihen Zedratzitronen und Bergamottefrüchte, die es nur in Kalabrien gibt. Duftende Kräuter wie die aromatische Rauke, Rosmarin- und Thymianbüsche oder Orchideen wachsen frei und wild. In den weiten naturbelassenen Gebieten im Landesinneren wimmelt es von Insekten-, Vogel- und Kleintierarten, die anderswo kaum noch vorkommen, und in den großen, bergigen Nationalparks in den Abruzzen überleben sogar Wölfe und Bären.

Heilige

Allein in Neapel wird 52 verschiedenen Heiligen gehuldigt, an der Spitze natürlich San Gennaro, dem Patron Neapels, der zweimal im Jahr mit der Verflüssigung seines Blutes unter inbrünstigen Gebeten der Gläubigen (am ersten Maisonntag und am 19. September) sein orakelhaftes Placet zum Schicksal der Stadt liefert. Italien ist zu mehr als 90 Prozent römisch-katholisch. Trotz der laizistischen Modernisierung des Mezzogiorno (Scheidung, Abtreibung, Verhütungsmittel haben sich längst durchgesetzt) spielen die Fürsprecher im Jenseits, die Madonna und zahllose Heilige mit ihren spezifischen Schutzgebieten wie Schmerzen, Liebe, Ernte, Studium, Seefahrt, Autofahren, Arbeit usw., eine große Rolle. Sie sind letztlich auch als ein Erbe der heidnischen Göttervielfalt der Griechen und Römer zu verstehen. Den größten Zulauf erfährt derzeit ein moderner Heiliger, der 1968 gestorbene Wunderheiler Padre Pio, mit alljährlich rund 7 Mio. Menschen, die an seinen Wirkungsort San Giovanni Rotondo in Apulien pilgern.

Immigranten

An klaren Tagen sehen die Menschen in Durrës und Vlorë die glitzernden Lichter Apuliens - für die Albaner in ihrem bitterarmen Land jenseits des Kanals von Otranto die Lichter der Verheißung von einem besseren Leben. Das gelobte Land heißt allumfassend „Lamerica“ (so erzählt es eindringlich der gleichnamige Film des italienischen Regisseurs Gianni Amelio). Lange Zeit luden skrupellose Schlepper - Italiener und die eigenen Landsleute - die illegalen Einwanderer aus Albanien und dem Kosovo bei Nacht und Nebel an den Stränden zwischen Brindisi und Otranto ab. Als Tourist bekam bzw. bekommt man davon kaum etwas mit. Heute kommen die meisten Flüchtlinge aus Palästina, Bangladesch, dem Irak und aus Afrika und gehen vornehmlich auf der zwischen Sizilien und Nordafrika gelegenen Insel Lampedusa an Land.

Mezzogiorno

Immer noch hinkt die Produktivkraft Süditaliens (des „Mezzogiorno“) derjenigen Norditaliens hinterher - auch wenn sich die Anzeichen einer grundsätzlichen Veränderung mehren: Nicht mehr unproduktive, staatlich (durch die „Cassa per il Mezzogiorno“) finanzierte Riesenbetriebe werden gefördert, sondern die gezielte Unterstützung engagierter Kleinbetriebe und junger Selbstständiger steht nun auf dem Programm. Das heißt auch, dass die jungen Süditaliener - auch die akademische Elite - nicht mehr nur an feste Beamtenposten oder die Fabriken im Norden denken. Dort sucht man sich nun die Arbeiter unter den Immigranten vom Balkan und aus Afrika.

Mythos Neapel

An Neapel scheiden sich die Geister: Während die einen es als Hölle abschreiben, sehen die anderen gerade in seinem labyrinthischen Chaos aus Zufall und Improvisation die urbane Zukunft, die postmoderne Aktualität mediterraner Städte. In den letzten Jahren hat es eine Fülle von Büchern, Artikeln, Talkshows, Debatten und Dokumentarfilmen über Neapel gegeben. Intelligente Revivals der klassischen canzone napoletana und junge neapoletanische Musiker und Liedermacher haben Hochkonjunktur. Literatur mit Neapel als Thema füllt die Bestsellerlisten (Roberto Saviano, Luciano De Crescenzo, Domenico Rea, Anna Maria Ortese, Susan Sontag). Doch die Sehnsuchtsstadt hat auch ihre Schattenseiten: Bandenkriege in den Vorstädten machten weltweit Schlagzeilen, und seit Jahren stinkt das Müllproblem in den Himmel, während die Camorra prächtig daran verdient. Trotz alledem ist der kulturelle und gesellschaftliche Aufbruch, den Neapel seit Mitte der Neunzigerjahre erlebt, nicht mehr aufzuhalten.

Pizza

Die einzige weltweit ernst zu nehmende Konkurrenz des Hamburgers ist die neapolitanische Pizza. Allein in Italien werden täglich in 27000 Pizzerien über 5 Mio. Pizzen verzehrt. Als billiger Schnellimbiss taucht sie im 18. Jh. auf den Straßen Neapels auf. Anfang des 19. Jhs. ist Neapel schon voller Pizzerien, doch ins restliche Italien gelangt die Pizza erst im 20. Jh. Auch wenn jeder Italienreisende die saftig-knusprigen Teigfladen längst von zu Hause kennt, ist ein Pizzamahl in Neapel immer noch ein besonderer Genuss.

Pizzo

Der pizzo, das sogenannte Schutzgeld, das Industrielle, Laden- und Barbesitzer unter Drohungen in regelmäßigen Abständen an die organisierte Kriminalität zu zahlen gezwungen werden, ist der Nenner, den alle mafiosen Organisationen Süditaliens gemeinsam haben: die Cosa Nostra in Sizilien, dann die Camorra in Neapel und Kampanien, die ihren Rückhalt für illegales Glücksspiel, Schmuggel, Drogenhandel und die Fälschung von Markenartikeln vor allem in der armen Stadtbevölkerung findet. Und schließlich die 'ndrangheta in Kalabrien, die seit den Neunzigerjahren auch das vergleichsweise wohlhabende Apulien als Sacra Corona Unita verunsichert. So bringt der pizzo der Mafia alljährlich sage und schreibe 7 Mia. Euro ein, drei Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts! Die organisierte Kriminalität verdient zudem reichlich an der Vergabe öffentlicher Aufträge. Längst sitzen Zellen dieser Organisationen auch in Norditalien und im Ausland. Während Justiz und Zivilgesellschaft zunehmend Widerstand leisten, brauchen sich Touristen nicht zu sorgen: An ihnen ist die organisierte Kriminalität kaum interessiert.

Sprachen

Süditalien ist ein Land der Sprachenvielfalt. Neben den vielen Dialekten hört man in einigen Dörfern in Kalabrien und Molise (hier stößt man vereinzelt auch auf Serbokroatisch) Albanisch von den Nachfahren albanischer Siedler, die hier im 15. Jh. auf der Flucht vor den Türken landeten. Im apulischen Salento wird auch griko (Griechisch) gesprochen, und den Bewohnern abgeschiedener Orte im kalabrischen Aspromonte attestierten Linguisten, das altgriechische Idiom Homers zu pflegen. Ehemalige Gastarbeiter hingegen freuen sich, ihre Deutschkenntnisse anzubringen, und junge Leute können Englisch.