Reisetipps Costa del Sol

Auftakt Costa del Sol Was für eine Küste!

Traumstrände, Naturparks, uraltes Kulturland, dazu Golfplätze an der Costa del Sol, Kunstgenuss in Picassos Heimatstadt Málaga und die schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada: Spaniens sonnendurchglühter Süden bietet kontrastreiche Bilder. Das gilt gleichermaßen für den Pegelausschlag zwischen bodenständigen Tapabars und Tummelplätzen für den internationalen Jetset. Andernorts bewahren Bergdörfer ihr ursprüngliches Flair, und Granada und Almería stehen für das faszinierende Erbe der Mauren. Die „Sonnenküste“ und ihr Hinterland - das schmeckt nach Lebenslust und Sinnlichkeit in der multikulturellen Wiege der Toleranz.

Wenn sich der Abend über die Gärten des Generalife legt, beginnt die Alhambra in Granada zu strahlen wie ein Geschmeide. Die rötlichen Mauern der Alcazaba, deren Tönung sich von Stunde zu Stunde verändert und die den ganzen Tag über das Sonnenlicht speichern, beginnen zu leuchten. Noch sind sie erkennbar, die Gärten ringsum mit Rosen, Palmen und Lorbeerbäumen vor der Kulisse grandioser Berge, die Tore und Patios, der angefressene Backstein der Festungsmauern, die zum Exzess getriebene Verfeinerung der Ornamentik in den Palästen. Dann hüllt die Nacht die Pracht ein wie in schwarze Tücher.

Die Stadt im Osten Andalusiens vor den blaugrünen Hängen der Sierra Nevada präsentiert sich als Juwel der Baukunst und Schatzkammer einer großen Historie. 711 eroberten nordafrikanische Araber das heutige Andalusien. Mit dem Aufstieg der Nasriden, einer islamischen Dynastie, die bis 1492 der christlichen Dauerbelagerung standhielt, gelangte die islamische Kultur auf spanischem Boden zu einer einzigartigen, nie wiederkehrenden Blüte. Die Alhambra entstand als königlicher Sitz der maurischen Herrscher. Die eindrucksvollsten Werke der Baukunst in Andalusien stammen von den Mauren, die gesamte Kultur des Landes ist inspiriert von arabischen Einflüssen. Viele Potentaten waren hoch gebildet und versammelten aus Ehrgeiz und Freude am Gespräch Gelehrte und Schriftsteller um sich. Künste und Wissenschaften blühten auf unter der Regierung des Halbmondes. Toleranz und enges Zusammenleben zwischen Juden, Muslimen und Christen waren beispiellos in Europa - bis nach der christlichen Reconquista Unduldsamkeit und religiöser Fanatismus diese einzigartige Kultur zersetzten.

Von diesem „Goldenen Zeitalter“ unter maurischer Herrschaft, als die Stadtgesellschaft multikulturell gemischt war, als jüdische Ärzte, Diplomaten und Philosophen den Ton angaben, als gebaut wurde und gestaltet, als Bewässerungssysteme angelegt wurden, Medizin und Bildhauerei, Malerei, Dichtkunst, Gesang und Tanz vom überaus fruchtbaren Geist jener Epoche stimuliert waren, zehrt Granada bis heute. Die Granadiner zeigen sich aufgeschlossen, von liberaler Gesinnung, mit überwältigend junger Bevölkerung.

Szenenwechsel: Feria in Torremolinos. Mitten durch das gigantische Betongebirge des einstmals romantischen Fischerdorfs verläuft die von prachtvollen Häusern, Restaurants und Boutiquen gesäumte, autofreie Calle San Miguel. Erst öffnen sich Türen eines Balkons, dann Fenster, und plötzlich ist die Fußgängerzone übersät von Tanzenden. Junge Frauen in knallbunten, gerüschten Kleidern; junge Männer mit eng anliegenden Hosen, hüftkurzen, bestickten Jacken und flachen Hüten. Stiefel stampfen, Kastagnetten klappern, Röcke schwingen. Die Lebenslust ist hier zu Hause, und sie lässt keine Gelegenheit aus, sich zur Schau zu stellen.

Die Bauwut der Sechziger- und Siebzigerjahre hat es ihr schwer gemacht. Allzu bombastisch fiel in der Boomzeit, als Pauschaltouristen in riesigen Kontingenten in den sonnigen Süden strömten, die Betonversiegelung der Küste aus. Orte wie Torremolinos und Fuengirola wurden mit Hotels gepflastert. Der Wall aus Beton ist immer noch da, doch die Hochhäuser, Apartmentkomplexe und Großhotels haben die wilde Gründerzeit des Massentourismus hinter sich gelassen. Weit reichende Um- und Neubauten haben das Bild freundlicher gestaltet. Ein geschickt konzipiertes Netz von Umgehungsstraßen und -autobahnen hat den Durchgangsverkehr aus den die Küste in dichter Folge sprenkelnden Orten verbannt. Landesweit wurden Naturparks und sonstige Schutzgebiete (insgesamt ca. 150) ausgewiesen. Und ganze Ferienküsten bekamen neue Namen: Über die eigentliche Costa del Sol um Málaga und Marbella hinaus taufte man den Küstenstreifen der Provinz Granada Costa Tropical, der östlichste Küstenstreifen Andalusiens heißt Costa de Almería.

Zwar hält sich zäh das Klischee von kilometerlangen urbanizaciones, phantasielosen Ferienkomplexen und Bungalowanlagen, aber selbst in einem steinernen Häusermeer wie Torremolinos können Sie unberührte Ecken entdecken: in kleine Gärten verwandelte Terrassen voller singender Vögel, in fast nur schulterbreiten Gassen blumenkübelbehangene Balkongitter, schattige Innenhöfe, nach Gebratenem duftende, von Gitarrenmusik und schwerem Jasminduft erfüllte Straßenzüge.

Die ersten „Touristen“ an Spaniens Südküste waren Phönizier, Griechen und Karthager, Römer und Westgoten, Mauren und Christen. Als Kolumbus Amerika entdeckte, fiel die Region in Vergessenheit. Das einstige Land der großen Träume, Basisstation für die Eroberung der Neuen Welt, wurde zum Land der Bauern und Tagelöhner, von einer entrückten Schönheit, nur noch mit einer Vergangenheit, aber ohne Gegenwart. Erst in der Mitte des 20. Jhs. fand Andalusien Anschluss an die moderne Welt - über den Tourismus, der zeitweise mehr Urlauber an die Strände spülte, als die Schweiz Bürger zählt.

Heute heißt das Motto „Qualitätstourismus“. Damit ist der Weg frei für die Entdeckung des Hinterlands. Im bergigen Landesinneren zieht die Natur sämtliche Register. Hier begegnen sich Fauna und Flora Europas und Afrikas, leben Luchse, brüten Königsadler, rasten Abertausende Zugvögel, weiden halbwilde Pferde. Wie Schneefelder bedecken weiße Dörfer die Hügel der Sierra. Zwischen dem Meer und den 3400 m Gipfelhöhe erstreckt sich eine atemraubende Landschaftsvielfalt: Haarnadelkurven führen in wildromantische Berge. Zwischen Felsen liegen ausgetrocknete Flussbetten voller Kiesel. Endlose Sonnenblumenfelder verwandeln sich zur Blütezeit in ein gelbes Meer, Ölbaumplantagen reichen bis zum Horizont.

In den Bergorten bezaubern kleine, von Orangenbäumen gesäumte Plätze und kühle Bodegas, wo in wappenverzierten Fässern der fino heranreift. Winzige Dörfer hängen wie Adlerhorste an Bergflanken. Eine Kirche, der Dorfplatz, ringsherum weiß gekalkte Häuser gewürfelt. Anlaufpunkt aller ist die örtliche Kneipe geblieben. Hier trifft man sich bei Oliven und Käse, calamares und honigfarbenem Wein aus der Palominotraube. Der Fernseher lärmt, auf dem Steinboden liegen Sägespäne. Die Entdeckung der Langsamkeit, die inzwischen auch Mitteleuropäer beschäftigt, hier ist sie längst vollzogen. Wer heute an die Costa del Sol und ins Küstenhinterland reist, erlebt neben den Vorteilen einer der Perfektion zustrebenden touristischen Infrastruktur auch manch stille Überraschung.