Reisetipps Chile

Stichworte Chile

Allende

Das letzte Bild von Salvador Allende zeigt ihn am 11. September 1973 im Tor des brennenden, von Putschisten umstellten Regierungspalasts La Moneda - in der Hand die Maschinenpistole, mit der er sich wenig später erschoss. Salvador Allende Gossens (geb. 1908), Arzt, Senator, „Anwalt der Armen“ aus bürgerlichem Hause, war 1970 als weltweit erster Marxist auf demokratischem Weg an die Macht gekommen. Der Präsident der Volksfront wollte beweisen, dass der Sozialismus auf friedlichem Wege, dem Camino Chileno, erreichbar war. Doch das war in der Zeit des Kalten Krieges eine Illusion. Der gemäßigte Allende stand auf verlorenem Posten: von der Rechten mit Unterstützung der USA wütend bekämpft, von der radikalen Linken sabotiert. Wirtschaftskrise, Massenstreiks und Versorgungsmisere taten das ihre, den Boden für den Militärputsch zu bereiten.

Anden

Die Anden oder Kordilleren bilden das Rückgrat Südamerikas. Das Kettengebirge wurde erst in jüngster geologischer Zeit (im Tertiär) durch die Kollision der Ostpazifischen mit der Südamerikanischen Platte aufgefaltet. Aktive Vulkane - darunter mit 6000 m die höchsten der Erde - und periodisch auftretende Erdbeben erinnern daran, dass die gewaltigen Platten nach wie vor in Bewegung sind. Chile ist das Land mit den meisten (ca. 150) aktiven Vulkanen der Welt. Das schwerste Erdbeben der Neuzeit (9,5 auf der Richterskala) hatte sein Epizentrum bei Valdivia: Die Erschütterungen und die anschließende Flutwelle verwüsteten 1960 weite Teile Südchiles und töteten 5000 Menschen.

Familie

Wer einmal den Alltag einer chilenischen Familie erlebt, kann das Staunen lernen. Da steht plötzlich die Schwiegermutter unangemeldet in der Tür und mischt sich in der Küche ein; da lassen sich die Kinder noch mit Ende 20 bemuttern und denken gar nicht daran auszuziehen; da trifft sich die ganze Sippe selbstverständlich am Sonntag zum Grillen. Auch wenn sich die traditionell sehr engen Bande allmählich lockern - die Familie bildet nach wie vor das Rückgrat der chilenischen Gesellschaft. Dazu gehören nicht nur Vater, Mutter, Kinder, sondern der komplette Clan mit Großeltern, Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen und auch die in der Mittelklasse obligatorische nana, die als Haushälterin, Köchin und Kindermädchen nicht selten mit im Haus wohnt. In einer Gesellschaft, deren soziales Netz große Löcher aufweist, ist die Solidarität der Großfamilie um so wichtiger: Da borgt man dem bankrotten Schwager Geld, da verhilft man der arbeitslosen Nichte mit pitutos (guten Beziehungen) zu einem Job, da lässt man den frisch geschiedenen Vetter monatelang im Wohnzimmer schlafen...

Flora und Fauna

Die fünf unterschiedlichen Großlandschaften stellen auch fünf sehr unterschiedliche Biotope dar: Im Norden herrscht die Wüsten- und Gebirgsvegetation mit den vier andinen Kamelarten Lama, Alpaka, Guanako und dem zierlichen, zimtfarbenen Vikunja vor. Raubvögel wie der Andenkondor und Flamingos bevölkern die Trockensteppen und Salzseen. An der fischreichen Pazifikküste sind Guanovögel und Pelikane zu sehen. Mit zunehmender Niederschlagsmenge sind in Mittel- und Südchile Waldtiere wie Füchse, Wildkatzen (u.a. Pumas) und die scheuen Andenrehe und -hirsche heimisch. Zahlreiche endemische Vogelarten bevölkern die Täler und Seen, darunter Felsensittiche, Ibisse und Falken. An den Küsten Patagoniens tummeln sich Seelöwen und Pinguine, Seeschwalben und Raubmöwen.

In botanischer Hinsicht ist Chile besonders interessant. Übermannshohe Kakteen und Dornengewächse sind für die Wüste charakteristisch. Die Urwälder im Süden vermitteln eine Vorstellung davon, wie es in Europa zur Zeit der Germanen ausgesehen haben mag: riesige Baumfarne, bemooste Baumstämme, unheimliche Sümpfe. Südeiche, Südbuche und Südzypresse sind genetisch nicht mit ihren europäischen Namensgebern verwandt. Die schirmförmige Araukarie mit ihren Kandelaberästen und der tausendjährige, kerzengerade Alerce-Baum haben schon bessere Zeiten gesehen. Die einstmals ausgedehnten Urwälder mussten vielerorts Viehweiden oder monotonen Kiefernplantagen weichen. Den Raubbau an der Natur bremsen vor allem die 94 Nationalparks und Naturreservate, die insgesamt rund 14 Mio. Hektar Land schützen - immerhin fast ein Fünftel der gesamten Staatsfläche.

Humboldt-Strom

So heißt jener kalte Meeresstrom, der aus dem Südpazifik kommend die lateinamerikanische Westküste bestreicht. Wie der (warme) Golfstrom im Atlantik funktioniert auch der Humboldt-Strom wie eine gigantische Klimamaschine. Die kalten, nährstoffreichen Wassermassen sorgen für Fischreichtum und Morgennebel an der Küste und für Niederschläge an den Andenhängen. In periodischen Abständen - ca. alle acht Jahre - wird der Humboldt-Strom durch eine starke Warmwasserdrift aus dem Westen von der Küste abgelenkt. Das Phänomen, El Niño („das Kind“) genannt, bringt das Pazifikklima durcheinander und sorgt für Trockenheit in Indonesien und Sintfluten in Chile und Peru.

Kap Hoorn

Das „Ende der Welt“, das zu einem berüchtigten Seemannsgrab wurde, hatten die Holländer Willem Cornelisz Schouten und Jakob le Maire 1616 entdeckt. Um die Südspitze Chiles, wo Pazifik und Atlantik aneinanderstoßen, tosen die Stürme. Hier liegen ca. 800 Schiffswracks begraben. Bis zum Bau des Panamakanals mussten Handelsschiffe, die Häfen an der amerikanischen Pazifikküste anlaufen wollten, ums Kap herumsegeln. Das war für jeden Kapitän eine Feuertaufe, die, einmal bestanden, dazu berechtigte, der (2003 aufgelösten) Bruderschaft der Kap-Hoorniers anzugehören.

Kupfer

Chiles Schicksal hängt noch immer am Kupferdraht. Die Minen liefern mit ca. 5 Mio. t ein Drittel der Weltproduktion des kostbaren Metalls, wovon jedes zweite Gramm in der Elektroindustrie eingesetzt wird. Seit 100 Jahren bestimmt der Kupferpreis das Schicksal Chiles; noch heute beruht der Löwenanteil der Exporteinnahmen (ca. 50 Prozent) auf Kupfer.

Patriotismus

„Viva Chile, mierda!“ - „Es lebe Chile, verdammt noch mal!“. Der Schlachtruf wird bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten skandiert: im Fußballstadion, bei politischen Demonstrationen oder beim Liedfestival. Die Chilenen lieben ihr Land über alles und finden auch mal abfällige Worte über ihre Nachbarn. Vielfach übertüncht der so zur Schau getragene Patriotismus einen Minderwertigkeitskomplex. Er hat seine Wurzeln in der jahrhundertelangen Bedeutungslosigkeit des armen Landes weitab vom Weltgeschehen. Daher die neidvolle Orientierung am alten Europa und an den USA, daher der Stolz auf bescheidene Erfolge: den Aufstieg zum Schwellenland, die Miss Universe 1987, den Einzug ins Achtelfinale der Fußball-WM 1998. Und das ganze Land stand Kopf, als die Tennisstars Massú und González 2004 die ersten olympischen Goldmedaillen für Chile holten.

Pinochet

Sein Bild als finsterer Putschist mit Stahlhelm und Sonnenbrille ging am 11. September 1973 um die Welt. General Augusto Pinochet Ugarte ging brutal gegen die Anhänger des gestürzten Präsidenten Allende vor. Mehr als 3000 Regimegegner wurden ermordet, 100000 Chilenen gingen ins Exil. Erst nach 17 Jahren Diktatur gab Pinochet dem Druck nach und trat ab. Doch er hatte vorgesorgt: Bis 1998 blieb er Heereschef, und eine Selbstamnestie verhinderte die Sühnung der meisten Diktaturverbrechen. Nur in wenigen Fällen wurden hohe Militärs vor Gericht gestellt und verurteilt. Pinochet selbst wurde 1998 in einer Londoner Klinik verhaftet, und nur seine Altersdemenz rettete ihn vor der Auslieferung nach Spanien, wo er wegen Menschenrechtsverbrechen angeklagt war. Doch das Eis war gebrochen: Zurück in Chile, wurden mehrere Verfahren gegen ihn eröffnet. Als er 2006 starb, war er wegen zuvor entdeckter Geheimkonten auch bei vielen einstigen Anhängern in Ungnade gefallen.

Politik

Chiles Regierung beruht seit 1990 auf einer Mitte-Links-Koalition der Christdemokraten (DC), der Sozialisten (PS), der Sozialdemokraten (PPD) und der Radikalen Liberalen (PRSD). Diese Kräfte hatten sich 1988 als Concertación gegen die Militärjunta zusammengeschlossen. Alle Präsidenten der Koalition führten das von Pinochet übernommene neoliberale Wirtschaftsmodell fort, versuchten es jedoch sozial abzufedern. So auch die Sozialistin Michelle Bachelet, die 2006 als erste Frau die Regierung übernahm. Sie hat es nicht leicht im männerdominierten Chile, zumal sie als Atheistin und geschiedene Frau einflussreiche konservative Kreise gegen sich hat.

Ureinwohner

700000 Chilenen sind indianischer Abstammung. Die meisten (87 Prozent) gehören zum Volk der Mapuche („Menschen der Erde“), von den spanischen Eroberern auch Araukaner genannt. Die Halbnomaden behaupteten sich bis Mitte des 19. Jhs. südlich des Río Bío Bío. Dann wurden auch sie besiegt und verdrängt. Die meisten Mapuche-Familien leben heute in Reservaten in Südchile oder in Randbezirken Santiagos. Seit dem Ende der Militärdiktatur rebellieren die Mapuche zunehmend gegen Diskriminierung und fordern das Land ihrer Vorfahren zurück. Auf dem Altiplano und in den Wüstenoasen Nordchiles leben noch ca. 75000 Aymara, Quechua und Atacameños. 4600 Osterinsulaner gehören zur polynesischen Ethnie Rapa Nui. Ona, Yagan und Alakaluf, die Ureinwohner Südpatagoniens, haben das Vordringen der Weißen nicht überlebt.