Reisetipps Chile

Auftakt Chile Was für ein Land!

Chile, das lange, schmale Land am Ende der Welt, vereint fast alle Klimazonen und enorme landschaftliche Kontraste: endlose Wüsten und feuerspeiende Vulkane, Kaktussteppen und Weinfelder, Felsenfjorde und Sandstrände, sattgrüne Urwälder und blau schimmernde Gletscher. Hier finden Sie lateinamerikanisches Metropolenflair ebenso wie Einsamkeit in märchenhaften Nationalparks. Ein gut ausgebautes Verkehrsnetz erschließt alle Regionen, überall warten gastliche Hotels und Restaurants, und die Chilenen werden Sie mit ihrer unaufdringlichen Gastfreundschaft überraschen. Und nicht zuletzt gilt Chile als das sicherste Reiseland Südamerikas.

Verkehrt und doch vertraut: Dieses Gefühl stellt sich ein, wenn Sie sich nach 16 Stunden Flug auf die Plaza de Armas, den Hauptplatz von Santiago de Chile, setzen und den Blick schweifen lassen. Verkehrt ist die Jahreszeit hier auf der Südhalbkugel. Vielleicht sind Sie ja im Nieselherbst abgeflogen und finden sich nun im Frühling wieder. Die Sonne steht zu Mittag zwar im Norden, aber sie wärmt zuverlässig. Vertraut europäisch scheint die Szenerie: hier spanisch anmutende Arkaden, dort ein herausgeputztes Palais, an der Ecke ein moderner Spiegelglasturm neben der neoklassizistischen Kathedrale. Vertraut auch die Gesichter der Menschen: typische Latinos? Fehlanzeige! Geschäftsleute in Designeranzügen, kichernde Schulmädchen in Uniform, Büroangestellte, Managerinnen mit Handy am Ohr.

Auf der Plaza sitzen Sie im Auge des Hurricans: Während ringsum das Leben der Millionenstadt pulsiert, verfallen die Menschen hier in den Schlenderschritt, schauen den Schachspielern über die Schulter oder lauschen einem Streichquartett. Das Klischeebild einer chaotischen lateinamerikanischen Metropole erweist sich als unzutreffend: Ruhig und zivilisiert geht es hier zu, kaum ein Bettler fleht Sie an, kein Taxifahrer hupt Ihnen hinterher - allenfalls preist ein Straßenverkäufer Billigschmuck an. Freilich verstehen Sie die Chilenen anfangs kaum, auch wenn Sie glauben, Spanisch zu können: Die Chilenen sind Meister im Schnellsprechen und Verschlucken von Endungen.

Und doch kommen Sie schnell ins Gespräch mit dem Banknachbarn, der Zeitung liest, oder dem Verkäufer, der sich als Deutschstudent entpuppt. Die Chilenen sind unaufdringlich, aber neugierig und ernsthaft interessiert an Besuchern aus Europa. Woher, wohin, „¿Te gusta Chile?“ (Gefällt dir Chile?) sind stets die ersten Fragen. Und dann stellt sich heraus, dass der Schwager einer Tante mal in Hamburg gelebt hat genau wie Sie, und im Nu sind Sie ein amigo und zum Grillen eingeladen.

Dass Chile zu überraschen versteht, haben Sie schon beim Anflug auf Santiagos Flughafen bemerkt. Gleich hinter dem Häusermeer ragt die schneebedeckte Andenkette auf und lässt erahnen, welche Naturschönheiten das Land bereithält. Chile liegt am Ende der Welt, aber welch ein furioses Ende ist das! Die Sage geht, Gott habe nach der Erschaffung der Welt die Überreste hinter das letzte Gebirge gekehrt - und da sind sie: Vulkane, Regenwälder, Wüsten, Steppen, Gletscher, Flüsse, heiße Quellen und endlose Strände. Kein anderes Land vereint so viele landschaftliche Kontraste und Klimazonen wie Chile. Schon die Form sucht ihresgleichen: ein im Schnitt nur etwa 180 km breiter, aber 4300 km langer Streifen, eingezwängt zwischen der bis zu 7000 m hohen Kordillere im Osten und dem Pazifischen Ozean im Westen. Auf Europa projiziert, reicht Chile von Nordnorwegen bis in die Sahara! Dabei ist Chile zwar mit rund 750000 km² mehr als doppelt so groß wie Deutschland, wird aber von nur 16 Mio. Menschen bewohnt, und die meisten drängen sich zudem in der fruchtbaren Zentralzone. Große Teile des Landes, die Wüsten des Nordens ebenso wie die Anden und die Fjordlandschaft Patagoniens, sind nur dünn besiedelt.

Schon für die spanischen Eroberer spielte der abgelegene Landstrich nur eine untergeordnete Rolle, fanden sie doch hier weder Gold noch Silber. Mit ein paar Forts und Proviantlagern an der Küste garantierten sie den Seeweg ums Kap Hoorn, und die Haziendas in Mittelchile lieferten Lebensmittel ins Vizekönigreich Peru. Weiter südlich verteidigten die Mapuche über Jahrhunderte ihre angestammten Siedlungsgebiete. Erst ab Mitte des 19. Jhs., nach dem Sieg der Unabhängigkeitsbewegung über die spanischen Truppen und der Gründung der Republik Chile, wurde der Süden von Kleinbauern und Handwerkern aus Mitteleuropa kolonisiert - darunter viele Deutsche. Allmählich dehnte der junge Staat sein Hoheitsgebiet aus. Als der Abbau von Salpeter lukrativ wurde, eroberten die Chilenen die Atacamawüste. Im Wettlauf um die Kontrolle der Magellan-Straße zeigten sie auch am Südzipfel des Kontinents Flagge, schließlich annektierten sie sogar die 3800 km vor der Küste gelegene Osterinsel.

Ende des 19. Jhs. begann der industrielle Abbau von Kupfererzen, und Chile stieg zum weltgrößten Produzenten des roten Metalls auf. Die einseitige Abhängigkeit von der Rohstoffausfuhr hat in der Vergangenheit immer wieder zu Krisen geführt. Aber seit den von der Militärregierung in den 1980er-Jahren verfügten neoliberalen Reformen, der Privatisierung der Staatsbetriebe und der Öffnung zum Weltmarkt sind Chiles Land- und Forstwirtschaft blühende Wirtschaftszweige geworden. Chilenische Erdbeeren, Pfirsiche und Trauben gehen per Luftfracht in die Supermärkte der Nordhalbkugel. Ebenso Butter, Wein und Tiefkühlfisch: Chile ist zum zweitgrößten Lachsexporteur nach Norwegen avanciert.

Das Wirtschaftswachstum der letzten zwei Jahrzehnte hat Chile den Status eines Schwellenlandes und einer wachsenden Mittelschicht relativen Wohlstand beschert. Zwar lebt offiziell immer noch ein Siebtel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, doch im lateinamerikanischen Vergleich schneidet Chile, was wirtschaftliche Stabilität und Lebensstandard angeht, gut ab. Dies ist nicht zuletzt dem Fleiß und Ehrgeiz der Chilenen geschuldet. Sie gelten als die Preußen des Kontinents; Korruption und Schlendrian halten sich in Grenzen, und nirgends auf der Welt wird so lange gearbeitet wie hier (2400 Stunden im Jahr).

Auch politisch hat Chile zu jener Stabilität zurückgefunden, die das Land bis 1973 vom Rest Lateinamerikas abhob. Damals putschte das Militär gegen den linken Präsidenten Salvador Allende und seinen „chilenischen Weg zum Sozialismus“. Bis 1990 herrschte General Augusto Pinochet mit eiserner Hand, bevor er sich freiwillig abwählen ließ. Die Spuren von drei Jahren sozialistischem Experiment und 17 Jahren Diktatur verschwinden in den Köpfen nur langsam. Eine echte Aufarbeitung dieses nationalen Traumas steht noch aus.

Chile ist seiner Randlage überdrüssig geworden und der Welt nahe gerückt: durch politische Integration, durch Freihandelsabkommen z.B. mit der EU, und nicht zuletzt durch den Tourismus. Nirgends in Südamerika können Sie so sicher und unbekümmert reisen wie zwischen Arica und Puerto Williams. Ein guter Rat: Unterschätzen Sie die Entfernungen nicht! Das Land verfügt zwar über ein gutes Verkehrsnetz, doch jenseits der urbanen Zentren endet der Asphalt, verstummt das Handy, sind es plötzlich 100 km bis zur nächsten Siedlung. Die Reise ins Land am Ende der Welt ist immer noch ein Abenteuer, wenn auch ein kalkulierbares. Bringen Sie genügend Zeit mit, oder begnügen Sie sich mit einer Region - und kommen Sie im nächsten Jahr wieder!