Reisetipps Capri

Auftakt Capri Was für eine Insel!

Capri berauscht, spricht das Sinnliche in uns an. Überwältigende Schönheit, konzentriert und kondensiert, wohin der Blick reicht: atemberaubende Panoramen, bukolische Landschaften, zerklüftete Felsen, azurblau-smaragdgrünes Meer, geheimnisvolle Grotten, gepflegte Gärten, weiß strahlende, hübsche Häuser, Nobelboutiquen mit raffiniert gestalteten Schaufenstern. Die Insel zieht diskret elegante wie auch mondän extravagante Besucher aus aller Welt an. Auf Capri gibt man sich dem Dolcefarniente hin und passt sich dem lässigen Lebensstil der freundlichen Capreser an, mit dem Gefühl: Es lohnt sich zu leben!

Kaum hat man den Fuß an Bord der Fähre gesetzt und Neapel allmählich hinter sich gelassen, fängt man schon mit dem Träumen an. Schließlich ist man ja bald auf Capri, der so oft besungenen Zauberinsel. Schon taucht ihre schwach umrissene Silhouette im Glanz der Sonne auf. Vor pastellfarbenen Häuserfassaden legt das Schiff an, und im malerischen Hafen Marina Grande geht man an Land. Drücken Sie dann kurz ein Auge zu, wenn sich zunächst Menschenmassen in Richtung Standseilbahn drängen: Sobald Sie über die idyllischen Hügel hinauf zum Ort Capri gleiten, haben Sie das Gedränge vergessen und schweben gleichsam in höheren Sphären.

Sensible Seelen erleben auf Capri schon bei ihrer Ankunft einen faszinierenden Schaukelzustand zwischen Spannung und Entspannung. Es ist vor allem die grandiose Natur, geballt auf dieser kaum 11 km² großen Felseninsel, die einen magisch in ihren Bann zieht. Der Charme dieses Eilands besteht aber nicht zuletzt darin, dass sich optisch seit 150 Jahren kaum etwas verändert hat. Die Besucher finden hier auf dem Land bei Anacapri noch ein ähnlich idyllisches Flair, wie es Axel Munthe in seinem Bestseller „Das Buch von San Michele“ beschrieben hat. Im Ort Capri selber gibt es hingegen einen radikalen Szenenwechsel in die Gegenwart: Auf der berühmten Piazzetta treffen sich Modeschöpfer, Künstler und Yachtbesitzer ebenso wie Schaulustige und Tagestouristen aus aller Welt. Sie alle finden und lieben das Gleiche auf der Insel: eine Mischung aus ländlicher Idylle, riesigen schroffen Felswänden, üppiger Blumenpracht und gleichzeitig - im hübschen Ortskern - aparte Gesichter, Edelboutiquen, eine gewisse Kultiviertheit, gepaart mit exklusivem mediterranem Touch.

Vergangenheit und Gegenwart, Abgeschiedenheit und mondäne Internationalität liegen hier dichter beieinander als anderswo. Das Zeitlose macht einen spezifischen Charme aus. Capri ist auch eine Insel der Zwischentöne, die man in der Luft wahrnimmt, aber kaum in Worte zu fassen vermag. Für Iwan Turgenjew, den russischen Dichter, war Capri kurzum „die Inkarnation der Schönheit“. Capri-Stammgäste von heute empfinden die Insel nach wie vor als einen „Ruheort für die Seele“. Für den Modeschöpfer und langjährigen Wahlcapresen Valentino ist Capri „eine ewige Quelle der Inspiration“. Und dieses begnadete Fleckchen Erde becircte schon altrömische Kaiser: Nicht ohne Grund tauschte Augustus die Nachbarinsel Ischia gegen Capri ein. Sein Nachfolger, Kaiser Tiberius, verlegte sogar seine Residenz von Rom auf die Insel und regierte von dort bis zu seinem Tod.

Statt des Italienreisenden Goethe war es dann ein unbekannter deutscher Schriftsteller, der - zwischen 1827 und 1838 - Capri schlagartig zu Weltruhm verhalf: August Kopisch, der offizielle Entdecker der Blauen Grotte. Hinzu kam das 1856 erschienene Buch „Capri - Eine Einsiedelei“ von Ferdinand Gregorovius, damals ein Bestseller. Mit einem Mal wurde es in Intellektuellenkreisen schick, nach Capri zu reisen. Kaum ein Künstler, der nicht mindestens auf eine Stippvisite kam. Darunter vor allem ausgeprägte Individualisten, Emigranten, Exzentriker, Homosexuelle: u.a. Claude Debussy, Oscar Wilde, Walter Benjamin, die Stahlbarone Krupp und Fersen. Viele von ihnen ließen sich gleich ganz nieder. Capri hat sie alle in seinen toleranten Schoß aufgenommen. „Leben und leben lassen“ war - und ist - auf Capri ungeschriebenes Gesetz.

Das Haus des Malers Christian W. Allers wurde um die Wende zum 20. Jh. zum Treffpunkt von „Klein Deutschland“. Dort konnte man ungestört sogar kegeln, echte Rollmöpse und rote Grütze kosten. 1904 besuchte Kaiser Wilhelm II. seine auf Capri weilende Cousine, Kronprinzessin Viktoria von Schweden. Vier Jahre später suchte Lenin den Schriftsteller Maxim Gorki und die um ihn versammelte russische Emigrantenkolonie auf der Insel auf. Regelmäßiger Sommergast war der Futuristenpapst Tommaso Marinetti. Die Insel wurde ein Zentrum seiner Kunstbewegung. In Marinettis Haus verkehrten aber auch Musik- und Literaturgrößen wie Igor Strawinsky und Thomas Mann. Die erste Futuristen-„Invasion“ auf Capri erfolgte schon 1922, als der beliebte damalige Bürgermeister Edwin Cerio, unter der tatkräftigen Mitwirkung von Marinetti, die erste Umweltschutztagung ins Leben rief - zur Bewahrung der von der Bauspekulation bedrohten Insellandschaft. Damals eine Sensation!

Die Kunstmäzenin und -sammlerin Peggy Guggenheim verbrachte auf Capri eine ihrer Hochzeitsreisen: „Der ideale Ort“, schwärmte sie über die Insel. „Bist du einmal dort, kommst du sehr schwer wieder von ihr los.“ Lobeshymnen dichtete Pablo Neruda, der chilenische Poet und Nobelpreisträger: „Capri, Felsenkönigin, in deinem Gewand, lilien- und amarantenfarben, lebte ich, das Glück vermehrend ...“

Der Besucherstrom auf Capri reißt auch heute nicht ab. Es gibt viele Capri-Stammgäste, die alljährlich wiederkehren. Vielleicht auch, weil die Insel ein Mikrokosmos für sich ist, der sich „um die große Welt nicht schert“, wie es Monika Mann, Tochter Thomas Manns und Lebensgefährtin eines einheimischen Maurermeisters, einmal formulierte. Viele Vips - darunter etliche Ausländer - haben hier ihren abgeschirmten Sommersitz. Sie feiern mit ihren Freunden traditionsgemäß eher unter sich. Wer von Paparazzi verewigt werden will, braucht nur in einem Restaurant oder Nobelhotel zu tafeln.

Auf Capri atmet man auf und lebt - stilvoller als anderswo. Auch wenn man seit dem letzten Jahrzehnt vom Heuschreckenschwarm der Eintagestouristen geplagt wird. Aber dann vermeiden Sie eben tagsüber das Verweilen auf den Caféterrassen der rummeligen Piazzetta und das ungemütliche Flanieren bis zu den Augustus-Gärten und kommen erst am späten Nachmittag zum Aperitif zurück, wenn die letzte Fähre die restlichen Tagesbesucher nach Neapel zurückbringt. Dann ist die Piazzetta - der Salon Capris - „at its best“: ein amüsanter Jahrmarkt der Eitelkeiten, Treff der halben Welt, zum Sehen und Gesehenwerden bis tief in die Nacht hinein. Tratsch und Trubel, eine improvisierte Commedia dell'Arte, wo jeder Zuschauer ungewollt zum Schauspieler wird.

„Neapel sehen und dann sterben“ lautet ein berühmter Spruch. In Capri dreht man den Spieß lieber um: vedi Capri e poi vivi! - „Capri sehen und dann aufleben!“