Reisetipps Brüssel

Stichworte Brüssel

Architektur

Heutzutage plant Brüssel etwas sorgfältiger. Einige Bürotürme wurden bzw. werden um viele Etagen geköpft, andere attraktiv verschönert. Verkehrsadern und Plätze werden gastlich und menschlich. Nach der Postmoderne mit Bögen, Säulen, Skulpturen und Farbe verwendet der jüngste Trend Glas, Stahl, Holz und Stein. Brüsseler Architekten wie Pierre Lallemand (u. a. Renovierung des Berlaymont der EU-Kommission) und Philippe Samyn (u. a. Aula der Medizinischen Fakultät der Freien Universität) tragen entscheidend zu diesem „Neuen Bauen“ bei.

Bobos

Die Yuppies sind out. Ihr hemmungslos zur Schau gestellter Konsum passt nicht mehr zum Zeitgeist. Die Bobos - Bourgeois-bohémiens, bürgerliche Bohemiens, besitzen ebenso viele Diplome und Ideen, verdienen ebenso gut wie die Yuppies. Aber sie geben sich diskreter. Keine aufgemotzten Luxusautos, auffallende Markenkleidung und home cinemas in sündhaft teuren Appartements, sondern hübsch renovierte Häuser in Saint-Gilles oder Ixelles, Möbel und Mode von jungen Brüsseler stylistes, Lebensmittel von Biomärkten, Teilnahme am hochkarätigen und schrägen Kulturleben, Bildungsreisen - durch und durch classe.

Chansons

Brüssel ist eine Hochburg des Chansons, auch wenn das nicht allzu bekannt ist. Der berühmte Chansonsänger Jacques Brel (1929-78) war ein waschechtes ketje (wie die Brüsseler ihre vorlauten kids nennen). Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er auf Tahiti, doch er behielt bis zu seinem Tod den ersten Wohnsitz in seiner Heimatstadt. Bekannt ist sein Hit Bruxelles, in dem er eine Stadt besingt, die zerstört worden ist. In Jef beschreibt er ein anderes ketje, in Madeleine kommen die leckeren Fritten zur Sprache. Les bonbons verherrlicht Grand' Place und Pralinen. Zeitgleich mit Brel und in denselben Brüsseler Clubs debütierte auch Barbara. Die Französin war eine enge Freundin von Brel. Einige Schlüsselerlebnisse aus den schwierigen Anfangsjahren hat Barbara in Je suis une petite sœur d'amour, Hop-là oder Monsieur Victor festgehalten. Das bekannte Chanson Göttingen schrieb sie für die Soldaten in der dortigen belgischen Kaserne.

Heutzutage inspiriert die kosmopolitische Mischung von Brüssel Chansonniers wie die Belgier Arno, Maurane und Marie Warnant. Von Letzterer stammt ein neuer Bruxelles-Hit. Diese quirlige Metropole verherrlicht auch Bénabar in Bruxelles - einer von vielen Franzosen, die in der belgischen Hauptstadt mit ihren zahlreichen, exzellenten Aufnahmestudios heimisch geworden sind. Ganz heiße Tipps: Marie Daulne und ihre girls von Zap Mama und Baloji, Kongo-Belgier, die dem Brüsseler Viertel Matonge ein Denkmal setzen.

Demos

Belgier und Brüsseler insbesondere sind geborene rouspeteurs, Meckerer und Stänkerer. Kein Wunder, dass sie gerne diskutieren und demonstrieren. Kaum eine Woche vergeht ohne Protestmarsch. Tierschützer und Weltverbesserer, Piloten und Polizisten tragen ihre Anliegen mit Spanntüchern und Megafonen auf Boulevards und Sit-ins vor. Nur vor Parlament und Palast des Königs dürfen sie sich nicht versammeln. Noch mehr Farbe und Getöse beschert die EU. Vor Kommission und Ministerrat protestieren immer wieder Gruppen von Lappland bis Gibraltar für oder gegen einen anstehenden Beschluss. Heikel wird's, wenn die Bauern kommen, denn sie geben sich selten zimperlich. Und bei den regelmäßigen EU-Gipfeltreffen verwandelt sich das Europaviertel der Hauptstadt in eine Festung.

Mode

Antwerpener Mode kennt inzwischen jedes fashion victim. Höchste Zeit für Neues - Brüsseler Mode. Die Infrastruktur funktioniert dank der Modeabteilungen an den Hochschulen für Gestaltung La Cambre und Saint-Luc und vor allem dank der PR durch die Modenschau Modo bruxellae und deren Preise. Schon erobern Brüsseler Stars die Welt: Olivier Theyskens ist Chef des Pariser Hauses Nina Ricci. José Enrique Oña Selfa entwirft die Haute Couture von Loewe, Jean-Paul Knott gibt nicht nur im eigenen Brüsseler Haus, sondern auch bei Cerruti den Ton an. Laetitia Crahay leitet die Accessoireabteilung von Chanel. Xavier Delcour ist der Darling von Pop und Rock, von Mick Jagger bis Placebo. Daniele Controversio stylt bei den Kultmarken Diesel, La Maison Margiela und Vivienne Westwood. Cathy Pill und Gérald Wathelet haben mit eigenen Haute-Couture-Häusern in Paris Erfolg, während Christophe Coppens mit seinen avantgardistischen Accessoires weltweit vertreten ist. Jede Saison wird ein neues Talent entdeckt: Matthieu Blazy und die Designerduos Girls from Omsk, L&A Mäthger, Own sowie Sandrina Fasoli sind derzeit top und hot.

Stadtsucht

Wie alle Großstädte litt Brüssel unter der Stadtflucht der besser situierten Familien ins Grüne. Seit Mitte der 1990er-Jahre nimmt die Zahl der Einwohner jedoch wieder zu. Hoch qualifizierte, gut verdienende junge Leute, selbst mit Kindern, weisen gar Symptome einer regelrechten Stadtsucht auf. Lautlos verdrängen sie in Bezirken mit dem Charme der Belle Époque sozial schwächere Gruppen. Lofts in alten Fabriken und Lagerhallen, am liebsten am Kanal, den sie mit Seine oder Themse vergleichen, finden reißenden Absatz. Der letzte Schrei sind Appartements in Hochhäusern, je höher, desto besser. Von unten nicht schön, aber mit herrlicher Aussicht! Noch ein Trend: Pariser Betuchte pendeln mit dem Schnellzug Thalys in eineinviertel Stunden zwischen der Brüsseler Gare du Midi und der Pariser Gare du Nord.