bedeckt München 21°

Zur Soziologie des Tourismus:"Reisen werden gekauft wie Müsli"

Die Deutschen sind schon so viel gereist, dass ein gewisses Sättigungsgefühl eingetreten ist. Der Münchner Psychologe Jürgen Kagelmann über den Urlaub als Ware und Statussymbol.

Patrick Illinger

Jürgen Kagelmann ist Psychologe und Dozent für Tourismuswissenschaft an der Universität München. Er weiß, dass die Reiselust der Deutschen kaum noch zu steigern ist. "Wir haben doch schon alles gesehen", sei das Grundgefühl. Und dies sei viel gefährlicher für die Zukunft der Tourismusindustrie als der Ölpreis, sagt Kagelmann.

Jürgen Kagelmann

(Foto: Foto: privat)

SZ: Die großen Reiseveranstalter kündigen wegen der hohen Energiekosten Preissteigerungen für Flug- und Pauschalreisen an. Nur wenige Deutsche aber wollen auf ihre Ferienreisen verzichten, haben die Deutschen eine spezielle Liebesbeziehung zum Urlaub?

Kagelmann: Es ist in der Tat so, dass wir einen bemerkenswert großen Anteil des Einkommens für Urlaub ausgeben. Die Reiselust ist auf einem Stand angekommen, der kaum weiter zu erhöhen ist. Je nach Untersuchung fahren zwischen zwei Drittel und drei Viertel der Deutschen jährlich in den Urlaub.

SZ: Früher ging es darum Fremdes zu entdecken und zu erleben. Ist es heute nicht vielen Reisenden egal, wo sie sind?

Kagelmann: Absolut richtig. Die Deutschen sind über die Jahre hinweg so viel gereist, dass viele das Gefühl haben, praktisch alles gesehen zu haben. Darin liegt übrigens die große Gefahr für die Tourismus-Industrie: die Sättigung der Kundschaft. Sollte jetzt noch eine weitere Teuerung hinzukommen, wird ein Teil der Kunden dann einfach sagen: Wir haben so viel gesehen. Das müssen wir jetzt nicht mehr haben. Das ist eine größere Gefahr für die Tourismus-Industrie als der Ölpreis.

SZ: Ist der Urlaub nicht auch ein Statussymbol, von dem viele glauben, es sich leisten zu müssen, so wie das Auto?

Kagelmann: Absolut. Es ist aber inzwischen so, dass der Nachbar auch schon alles gemacht hat, also ist es schwierig, noch herauszustechen. Die Möglichkeiten für Normalmenschen, über Urlaubsreisen einen sozialen Status zu erringen, sind immer beschränkter. Nur wer sehr viel Geld hat, wird weiterhin versuchen, sich zum Beispiel mit speziellen Kreuzfahrten sozial aufzuwerten.

SZ: Urlaub ist also längst eine Ware.

Kagelmann: Ja, denn er wird häufig gekauft wie eine Packung Müsli oder eine Dose Cola. Sogar Discounter bieten ja Pauschalreisen an. Da entsteht dann oft beim Kunden die Vorstellung: Ich kaufe mit dem Produkt auch gleich die entsprechenden Glücksversprechungen, den Spaß, die Erholung. Man sollte sich aber vorher überlegen, wie der Urlaub aussieht, der zur eigenen Befindlichkeit passt. Was mache ich? Mit wem? Billigflüge sind schnell gekauft, aber kaum jemand überlegt: Was genau wird das für ein Urlaub, in den ich da fliege?

© SZ vom 8.7.2008
Zur SZ-Startseite