Zum Nordpol und zurück (X) Der gejagte Jäger

15 spielende Eisbären. Selbst der Expeditionsleiter sagt, er habe diese Tiere noch nie so gesehen. Ein Gespräch mit dem Biologen Mikolaj Golachowski über Eisbären und warum wir sie schützen sollen.

Von Birgit Lutz-Temsch

Koordinaten: 82.07.12 nördlicher Breite, 50.07.91 östliche Länge. Geschwindigkeit: 10,1 Knoten. Temperatur: drei Grad minus.

(Foto: Foto: sueddeutsche.de)

15 Eisbären. Erst eine Mutter mit zwei Jungen. Dann eine Gruppe von sieben. Sie haben soeben eine Robbe gefressen. Weißer Schnee, blutrot. Den Passagieren frieren schier die Finger an den Kameras fest.

Zwei Stunden lang beobachten wir die Baren, die neben der Yamal ein Fest feiern. Und kaum fahren wir weiter, fahren wir direkt in die nächste Bärengruppe hinein. Verspielte Jungtiere, die eine Sondervorstellung für uns geben. Wir können nicht glauben, dass uns das alles passiert.

sueddeutsche.de: Über welche Regionen erstreckt sich das Verbreitungsgebiet der Eisbären? Golachowski: Eisbären heißen Ursus maritimus. Trotzdem ist ihr Lebensraum stärker ans Eis geknüpft als an das Meer. Man trifft Eisbaren dort, wo sie ihr Fressen finden - also in den Uferzonen. Man kann sich das als Ringgebiet um den Pol vorstellen. Im vergangenen Jahr hat die Yamal-Expedition zwar einen Eisbären direkt am Pol getroffen. Das ist aber sehr ungewöhnlich. Und hangt wahrscheinlich auch mit der globalen Erwärmung zusammen.

sueddeutsche.de: Halten Eisbären einen Winterschlaf? Golachowski: Etwas Ähnliches. Sie verlangsamen ihren Stoffwechsel, die Körpertemperatur wird niedriger, und sie leben von dem Fett, das sie sich angefressen haben. Aber sie wachen zwischendurch auf. Es ist kein richtiger Winterschlaf.

sueddeutsche.de: Sind Eisbären Einzelgänger? Golachowski: Eisbären verteidigen kein Territorium. Sie laufen immer ihrem Fressen hinterher. Wenn es genugend Nahrung gibt, dann macht es ihnen nichts aus, wenn sie Gesellschaft beim Jagen und Fressen haben. So gesehen sind Eisbären sogar soziale Tiere.

sueddeutsche.de: Wie wirkt sich das Schmelzen des arktischen Eises auf die Eisbären aus? Golachowski: Die Eisbären werden verschwinden. Weil sie nichts mehr zu fressen finden werden. Und außerdem keinen Lebensraum mehr haben. Momentan leben noch etwa 22.000 Eisbären weltweit, und diese Zahl ist stabil. Die größte Bedrohung fur den Eisbären war bisher - und ist es noch - die Jagd durch den Menschen. Es gibt neben den in der Arktis heimischen Völkern wie den Tschuktschen und den Inuits, die Eisbaren jagen, auch viele Wilderer.

sueddeutsche.de: Und was ist mit der globalen Erwärmung? Golachowski: Das ist die zweite große Gefahr, der die Bären ausgesetzt sind. Wissenschaftler haben 2004 acht ertrunkene Eisbären gefunden. Was sehr seltsam ist, denn immerhin konnen Eisbären 100 Kilometer weit schwimmen. Sie müssen sehr lang kein Eis mehr gefunden haben.

sueddeutsche.de: Eine provokante Frage: Was ist so schlimm daran, wenn es keine Eisbären mehr gibt? Golachowski: Das ist eine schreckliche Frage fur einen Biologen, aber sie zeigt, wie Menschen denken. Naturlich werden wir auch ohne Eisbaren weiter leben. Aber es gibt sie. Sie gehören zu unserer Welt. Also sollten wir dafür Sorge tragen, dass sie auch weiter darin leben konnen, und nicht aus Grunden, die wir zu verantworten haben, aussterben.

Der Eisbar ist der größte Jäger im arktischen Ökosystem. Wurde er jetzt verschwinden, geriete das ganze System aus dem Gleichgewicht. Wie immer, wenn eine Spezies verschwindet. Das noch traurigere in diesem Fall ist aber: In der Arktis wird wegen der globalen Erwärmung ohnehin das gesamte Ökosystem, so wie es jetzt ist, verschwinden.

Mikolaj Golachowski, 35, ist Biologe und auf Robben spezialisiert. Er studierte in Warschau und arbeitet unter anderem in der polnischen Forschungsstation in der Antarktis.

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Vorhang auf: Der Tanz der Eisbären