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Zum Nordpol und zurück (IX):Die Überflieger

Das Hochgefühl lässt nicht nach. Im silberblauen Licht fliegen wir im Hubschrauber um unseren Eisbrecher herum, der sich durch das Eis nach Franz Josef Land kämpft.

Koordinaten: Am Freitag um 9.40 Uhr: 86.46.45 nördlicher Breite, 43.31.18 östliche Länge. Geschwindigkeit: 12,8 Knoten. Temperatur: minus 5 Grad.

Flug übers Eis

(Foto: Foto: bilu)

Die Windstöße zerren an den Haaren, der Schwimmweste, den Bändern der Kapuze. Die Rotoren pfeifen. Die Augen tränen. Mit gebückten Köpfen laufen wir über das Hubschrauberdeck zum Helikopter. Panoramaflug über das Eis!

Gestern dachten wir noch, mehr könnten wir uns nicht mehr freuen, als wir auf der Eisfläche neben der Yamal standen. Stimmt nicht. Nach dem Frühstück die Überraschung: Das Wetter ist ideal für einen Hubschrauber-Rundflug. In zehn Minuten geht es für die erste Gruppe los.

Das heißt: Schnell die Windhosen, -jacken und die Schwimmwesten an, raus aufs Hubschrauberdeck. Der orangefarbene Passagierhubschrauber fliegt mit offenen Fenstern, damit die Bilder besser werden. Und wieder hat die Natur ein Geschenk fur uns. Es kommen keine Wolken. Der Himmel bleibt polarblau und klar. Die rote Yamal. Das glitzernde, weiße Eis. Was für ein Fotomotiv.

Bei Start und Landung des Hubschraubers verlangsamt das Schiff seine Fahrt. Dann nimmt es sie wieder auf, damit wir auch von oben sehen konnen, wie der Brecher das Eis zur Seite rammt. Wenn sich die Yamal durch gößere Eisfelder drückt, wie jetzt gerade, blitzen große Risse durch das Eis, die entstandenen Schollen driften auseinander, und die kleineren rutschen unter die größeren.

Über das Eis, das hier wieder etwa 2,5 Meter dick und oben weiß und unten türkis ist, läuft schäumend das Wasser. Schwarz ist das hier, so dunkel und tief, und man sieht ihm an, wie kalt es ist.

Der Hubschrauberpilot gibt sich alle Mühe für uns: Ganz langsam hebt er ab, damit wir einen schönen Blick auf das Schiff haben, dann prescht er über das weite Eis, dreht wieder, umfliegt die Yamal und schwebt schließlich vor ihr. Die Passagiere juchzen. Und alles mit offenen Fenstern. Den Kameras wird hier einiges abverlangt.

Zurück auf der Yamal versammelt sich eine kleine Gruppe auf dem obersten Deck, um den anderen Gruppen zu winken. Wieder Hochstimmung im Eis.

Und immer noch: Keine Bären

Am Bug ist es windig. Die Temperatur ist zum Vormittag deutlich gesunken. Dichte Nebel haben sich jetzt wieder vor die Sonne geschoben. Sie lassen wenig Wärme durch. An den Antennen über der Brücke hängt zentimeterdickes Eis. Die Yamal hat ein Polarkleid übergeworfen. Die Geräte außen überziehen sich mit einer kristallenen Schicht.

So sieht die Yamal noch gefährlicher aus. Seit gestern haben wir die Fenster unserer Kabine geschlossen. Wir fahren durch kompakte Eisfelder, der Brecher arbeitet. Ein anderes Schiff wäre hier verloren. Eine Scholle für die Party hätten wir hier wohl gefunden. Beim Essen schwappen die Getränke in den Gläsern, die Stewardess schwankt. Die Yamal bekommt ein paar harte Stöße ab. Auch am Laptop zu sitzen und zu schreiben ist gerade gar nicht so einfach. Man trifft doch oft daneben.

Frischer Schnee ist gefallen. Er lässt die scharfkantigen Verwerfungen des Eises weicher aussehen. Sollten zuvor Bärenspuren zu sehen gewesen sein, dann hat der Schnee sie jetzt verschwinden lassen. Wir fahren den fünften Tag durchs Eis. Und haben noch keinen einzigen Polarbären, auch keine Robben gesehen, nichts. Auf der Brücke halten die Wachmänner Tag und Nacht Ausschau. Die Passagiere auch.

Sollte ein Bär auftauchen, die Yamal würde stoppen und Viktor per Lautsprecher alle an Bord informieren. Bei der vorangegangenen Fahrt wurden 13 gesichtet, auch eine Mutter mit zwei Jungen. Viel Zeit haben wir nicht mehr. Irgendwann morgen werden wir aus dem Eis heraus sein. Wir halten Kurs auf Franz Josef Land, wo wir zwei Tage an verschiedenen Inseln ankern und an Land gehen werden. Wenn wir morgen keine Bären sehen, haben wir Pech gehabt.

Ein paar Mitreisende haben sich im Bordshop Kuschel-Eisbären gekauft, und die am Nordpol im Schnee fotografiert. Ein schwacher Ersatz. Aber, und darüber sind sich die meisten einig: Besser als es ist, kann es auch mit Bären nicht mehr werden. Am Abend um 19 Uhr stehen die Koordinaten bei 85.23.11 nördlicher Breite und 44.19.14 östlicher Lange. Dann scheint die Mitternachtssonne. Die Kälte knackt.

Bildergalerie

Die Passagiere heben ab