Hüttenurlaub in den Alpen:Pasta, Vino und ein Grenzstreit

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Das Rifugio Guide del Cervino liegt auf dem Plateau Rosa in 3480 Meter Höhe. Hier, an der italienisch-schweizerischen Grenze, liegt auch im Sommer oft Schnee.

(Foto: Nicole Schafer/Photo & Film)

Bei Zermatt hat die urige Hütte Rifugio Guide del Cervino eine komplette Saison ohne Gäste hinter sich. Nun geht es wieder los. Eine Frage ist aber noch ungeklärt.

Von Eva Reik

Wenn das Ziel der Gipfel des Breithorns ist und man samt Rucksack, Bergstiefel und Eispickel aus der Gondel der höchstgelegenen Bergbahnstation Europas auf dem Klein Matterhorn steigt, drängt sich folgende Frage auf: Warum, zum Teufel, soll man jetzt 400 Höhenmeter absteigen, um am nächsten Tag alles wieder raufzulaufen?

Nun, der Grund ist so einfach wie überzeugend: Auf dem Gletscherfeld Plateau Rosa, einem Teil des Theodulgletschers, liegt auf 3480 Metern die Hütte Rifugio Guide del Cervino, im italienischen Teil des schweizerisch-italienischen Skigebiets Zermatt-Cervinia-Valtournenche. Und diese Schutzhütte, gebaut 1984, bietet neben Pasta, Vino und dem "wirklich besten Espresso Italiens", wie ihn der Wirt Lucio Trucco anpreist, auch 36 Schlafplätze.

Hier startet die Spaghetti-Runde: Es geht zu den italienischen Berghütten

Also schnallt man leicht benommen von der dünnen Luft, vom kalten Wind und dem atemberaubenden Blick aufs Matterhorn die Steigeisen unter die Füße und geht die Piste abwärts. Was mit Skiern ein Leichtes wäre, ist zu Fuß jedoch an manch steiler Passage etwas schwieriger. Aber die Hütte am Felskopf Testa Grigia (Graukopf) ist nun mal der ideale Ausgangspunkt für Touren auf das Breithorn, oder, deutlich weiter, um via Pollux, Castor und Liskamm ins Monte-Rosa-Massiv vorzudringen. Kenner nennen diese Tour Spaghetti-Runde, manch einer auch Pizza-Tour, ihren Namen verdankt sie jedenfalls den Berghütten italienischer Provenienz - mit Pasta- oder Pizza-Stopp.

Skifahrer kommen gern für eine kurze Erfrischung in die urige Hütte Rifugio Guide del Cervino mit ihrem riesigem, windgeschützten Sonnendeck und der Pasta-Küche. Bergsteigern und Tourengehern dient sie als Schlafgelegenheit, eingebettet zwischen die 4000er-Gipfel der Walliser Alpen und des italienischen Aosta-Tals. So lässt es sich, mehr oder weniger ausgeruht, frühmorgens zu den hochalpinen Touren starten. Dass sich ein Start im Morgengrauen zum Breithorn lohnt, das weiß man spätestens auf dem Weg zurück. Nachdem man in drei Stunden bei gemütlichem Tempo den Gipfel erreicht hat, kommen einem während des Abstiegs zig Seilschaften entgegen, die auf die erste Bahn im Dorf hatten warten müssen. Dank Übernachtung haben die Frühaufsteher den Aufstieg, den Sonnenaufgang, die Ruhe und den Ausblick für sich allein.

Weil der Gletscher schmilzt, verschiebt sich die Landesgrenze

Die hölzerne Hütte gehört der 1865 gegründeten italienischen Società Guide del Cervino - Vereinigung der Bergführer am Matterhorn. Vor vier Jahren wurde sie vom Wirt und Bergführer Lucio Trucco übernommen. Gerade hat sie ein hartes Corona-Jahr hinter sich. "Es gab keine einzige Übernachtung und nur eingeschränkten Tagesbetrieb in der ganzen Saison 2020/21", sagt Josef di Giacomo, der Trucco zur Hand geht, wenn dieser über die Gipfel führt oder vom Berg eine Pause braucht in seinem Haus, unten im italienischen Dorf. Aber nicht nur die Folgen der Pandemie samt Restriktionen und Umsatzeinbußen beunruhigen den Wirt: Auch ein Grenzstreit zwischen Italien und der Schweiz sorgt für dunkle Wolken. Bei diesem Streit geht es, vereinfacht gesagt, um Klimawandel, Gletscherschmelze und die dadurch entstandene Verschiebung der Landesgrenze. Die Folgen der Gletscherschmelze für Skigebiete nahmen zuletzt am Aletsch, dem größten Gletscher in Europa, beachtliche Gestalt an: Da wurde eine neue Bergbahn in ein bewegliches Fundament eingelassen, das mit der Hangbewegung geht und zumindest den Liftbetrieb der nächsten 25 Jahre gewährleistet.

An der Testa Grigia haben jüngste Messungen unter anderem des Schweizerischen Bundesamts für Landestopografie (Swisstopo), ergeben, dass die Linie der Wasserscheide am Theodulgletscher um 100 bis 150 Meter zugunsten der Eidgenossen verschoben wurde. Genau genommen hat die Erwärmung der vergangenen Jahre die Höhe des Gletschers verringert und die unter Eis gelegene Felskante freigelegt. Die Wasserscheide verläuft nun auf dem Fels, und die Fließrichtung des Wassers bestimmt hier - wie an so vielen Stellen in den Alpen - die Grenze. Als die Hütte gebaut wurde, wurde die Grenze durch einen Gletscher gebildet, der damals die Linie der Wasserscheide war. Dieser ist geschmolzen, und das Wasser fließt heute in die Schweiz.

Als Trucco die Hütte vor vier Jahren von seinem Vorgänger übernommen hatte, verlief die Grenze noch vor der Tür, heute verläuft sie mitten durch seinen Gastraum. Aber auf Truccos Vorschlag, "die Hütte auf italienischem Grund zu belassen und die Schweizer Grenze zu markieren und respektieren", wollte bislang keiner eingehen. "Es ist ein politisches Problem - und da kann ich am wenigsten ausrichten."

Dieses "politische Problem" ist nicht mehr Sache der Gemeinden Zermatt und Cervinia-Valtournenche, auch nicht des Kantons Wallis oder des autonomen, aber zu Italien gehörenden Aostatals - sie hat sich stattdessen nach "Rom und Bern verlagert", wie die Zermatter Gemeindepräsidentin Romy Biner-Hauser sagt. Von Streit möchte sie nicht sprechen, es handele sich vielmehr "um die Klärung einer Angelegenheit". Seit sie vor fünf Jahren von ihrem Vorgänger das Dossier dazu übernommen hat, weiß sie, "dass die Hütte auf Schweizer Boden steht, aber den Italienern gehört. Wir wollen ihnen den Boden abgeben, damit die Hütte weiterhin auf italienischem Grund steht. Jedoch braucht es dafür einen flächengleichen Abtausch". Sie meint: Grenzbereinigungen werden immer vorgenommen, "jedoch immer mit einem Geben und Nehmen. Die Hütte soll Italien bleiben. Das ist unser ausdrücklicher Wunsch". Jedoch müssen sich die Länder über flächengleichen Tausch von Boden in unmittelbarer Nähe einigen. Eigentlich geht es nur um Geröll, Fels und Eis.

Dass vielleicht in näherer Zeit doch eine Lösung des Problems in Aussicht steht, hat mit noch viel größeren Projekten des länderübergreifenden Skigebiets südlich und nördlich des Matterhorns zu tun. Im Herbst 2018 eröffnete die 3S-Bahn zum Kleinmatterhorn, diese soll aber nur der Anfang eines viel größeren Projekts sein. Der Bau des sogenannten Alpine X, eine baugleiche 3S-Bahn, die die Bergstation Testa Griga mit dem Kleinmatterhorn verbinden soll, brächte die Gäste in die Lage, höchst komfortabel zwischen Cervinia und Zermatt pendeln zu können. Selbst Fußgänger und Rollstuhlfahrer.

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Trotz eines gewissen Renovierungsstaus ist die Hütte bei Schweizern, Italienern und allen internationalen Gästen beliebt, das liegt auch am Wein und an der guten Pasta.

(Foto: Nicole Schafer/Photo & Film)

Die Hütte von Pächter Trucco wird dann mitten im Geschehen liegen, erst recht, wenn nach erfolgreichem Bahnbau - im Herbst 2022 soll sie eröffnet werden - auch noch die ersten länderübergreifenden Weltcup-Rennen stattfinden. Die Rennen am Matterhorn wären die ersten grenzüberschreitenden in der Geschichte des Weltcups - mit Start und Ziel in unterschiedlichen Ländern. Der Start der Männer-Abfahrt befindet sich auf Gobba di Rollin in der Schweiz, das Ziel auf Laghi Cime Bianche in Italien. Der Schweizer Abfahrts-Olympiasieger von 2010 und Pistenbauer Didier Défago hat die Strecke entworfen. Im Herbst 2023 könnte es in Zermatt/Cervinia losgehen mit dem Weltcup-Speed-Opening. "Wir liegen mit dem Bau und der Weltcup-Vision im Zeitplan", sagt die Zermatter Bürgermeisterin Romy Biner-Hauser.

Im Vergleich mit den Projekten im höchsten Skigebiet der Schweiz und Italiens erscheint das Hüttenproblem von Trucco klein. Aber für den Pächter ist es natürlich gravierend, weil er nicht mal die kleinste Änderung an seinem etwas in die Jahre gekommenen Haus vornehmen kann, solange die Grenzfrage nicht gelöst ist. So gibt es - wie eigentlich in allen Gletscherhütten - auch an der Testa Grigia kein fließendes Wasser für die Gäste. Für die Toilettenspülung reicht es zwar, zum Zähneputzen nicht. Mehr als eine Katzenwäsche ist an den beiden Waschbecken im gemeinsamen Waschraum ohnehin nicht drin. Trockentoiletten, wie sie mittlerweile in neuen Hütten in diesen Höhenlagen verbaut werden, könnten eine Lösung sein. Ob jedoch Truccos Gäste in neuen Betten besser schlafen, bleibt fraglich - die Höhe fordert ihren Tribut.

Trotz eines gewissen Renovierungsstaus ist die Hütte bei Schweizern, Italienern und allen internationalen Gästen beliebt: Die Antipasti-Teller mit Käse und Schinken aus der Region sind üppig, die Pasta sowieso, und das Angebot an italienischem Wein auf knapp 3500 Metern ist formidabel. Amarone, Tignanello und weitere voluminöse Weine aus Sizilien liegen im hölzernen Buffet, das wie ein Altar im rustikalen Gastraum steht. Sobald die Steigeisen abgeschnallt sind und der Weg über die Terrasse gemacht ist, sitzen die Gäste an langen Tischen. Ein normales Glas Hauswein kostet bei Lucio übrigens vier Euro. In Zermatt locker das Doppelte. Ein Grund mehr, dass die Hütte italienisch bleibt.

Reiseinformationen

Anreise: Wer mit dem Auto Zermatt anpeilt, lässt es in Täsch auf dem Parkplatz (16 CHF/ Tag) und steigt in den Zug um. Zermatt ist autofrei. Ist das Ziel Cervinia auf der Schweizer Seite, führt die Route von München via Como und Mailand ins Aostatal.

Aufstieg: Der Aufstieg zum Rifugio Guide del Cervino dauert von Cervinia aus vier bis fünf Stunden. Wer aus Zermatt kommt, hat viele Möglichkeiten mit den Bergbahnen. Wanderungen von der Bergstation Trockener Steg (1,5 Stunden) oder Klein Matterhorn sind gut möglich. (Alpin)-Skifahrer können auch mit den Gandegg-Liften zur Hütte.

Unterkunft: Eine Übernachtung in Sechserzimmern mit Halbpension kostet 70 Euro pro Person. Die Hütte wird ganzjährig bewirtschaftet, am besten vorher anmelden. Tel.: 0039/0166 948 369, rifugioguidedelcervino.com

Aktuelle Vorschriften auf Hütten: sac-cas.ch/de/covid

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