Zeichnen auf Papier So lange die Linien leben

Storyboards für Filme werden teils von Hand gezeichnet. Bei Animationsfilmen auch, aber meistens nicht mehr auf Papier.

(Foto: Alamy/mauritius images)

Beim Trickfilm haben die Pixel das Papier weitgehend abgelöst. Vieles entsteht am Bildschirm. Doch der Charme des Handgemachten ist nicht zu übertreffen.

Von Simon Rayß

Das Papier hat es nicht leicht. Auch wenn das Palais Populaire in seiner Ausstellung "The World On Paper" gleich 300 Werke versammelt, die das Papier als Werkstoff und Inspirationsquelle feiern: In vielen Bereichen stehen papierne Bilder im Wettstreit mit ihren digitalen Epigonen. Häufig scheint dieser Wettstreit sogar bereits entschieden zu sein. Ein künstlerisch-wirtschaftliches Feld, auf dem der Wechsel vom Papier zum Pixel besonders anschaulich wird, ist der Animationsfilm. Vorbei sind die Zeiten, als Zeichner ihre zweidimensionalen Geschichten mit dem Stift zu Papier brachten, jetzt regieren die Computer, die das Genre in die dritte Dimension geführt haben - aber ist das so? Hat das Papier in den deutschen Filmschmieden und Hochschulen tatsächlich ausgedient?

"Paperless Animation" - die papierfreie Animation - das ist das aktuelle Stichwort, sagt Thomas Meyer-Hermann vom Studio Film Bilder Stuttgart. "Das hat sich in den vergangenen Jahren durchgesetzt." Im 2-D-Bereich sei der analoge Anteil noch relativ groß gewesen. "Doch der hat sich Schritt für Schritt verabschiedet." Der Grund dafür scheint einfach: Der Arbeitsaufwand falle dank der digitalen Technik deutlich geringer aus. "Es gilt die Faustregel: Die Arbeitszeit halbiert sich", sagt der Geschäftsführer und Produzent. "Es kommen zwar neue Aufgaben dazu, aber die sind nicht vergleichbar."

Doch Handzeichnungen hin, digitale Bilder her: Die Produktion eines Trick- oder Animationsfilms ist immer mit viel Aufwand verbunden. Mindestens zwölf Bilder fertigen Zeichner und Animatoren für eine Sekunde Film. "Ein Trickfilm ist furchtbar teuer - egal, ob in 2-D oder in 3-D", sagt Peter Bohl. Er arbeitet als Animator beim Studio Rakete in Hamburg. Die Firma hat in den Neunzigerjahren handgezeichnete 2-D-Filme wie "Werner - Beinhart!" umgesetzt, damals noch unter dem Namen Trickompany. "Wir haben früher Hunderttausende von Blättern für einen Film verbraten", sagt er.

In den vergangenen 20 Jahren hat das Unternehmen auf Animationsfilme umgesattelt. Produktionen wie "Ooops! Die Arche ist weg" und "Überflieger" sind nun komplett in 3-D. Laut Bohl hat sich der Arbeitsaufwand jedoch nicht verringert, sondern lediglich verschoben. Dabei passiert immer noch viel mit der Hand. "Man macht die gleiche Arbeit, nur mit anderem Werkzeug." Das bedeutet: Selbst in der ersten Designphase und bei den Storyboards, einer Comicversion des späteren Films, arbeitet er nicht mehr auf Papier. Stattdessen zeichnet er mit einer Art Stift auf einem Grafiktablet, einem schräg gestellten Monitor, der unterschiedliche Strichstärken aufnimmt, je nachdem, wie intensiv Bohl aufdrückt. "Papier ist bei uns höchstens noch vonnöten, wenn man das Filmskript mal mit nach Hause nehmen will", sagt er.

Bei der Produktionsfirma Wunderwerk ist das anders. "Rund ein Drittel unserer Künstler arbeitet am Anfang einer Produktion noch auf Papier", sagt Geschäftsführerin Gisela Schäfer. Figuren, Gegenstände, Schauplätze - all das wird von den Mitarbeitern in Hamburg oftmals ganz analog entworfen. Doch die Veränderung in der Branche ist auch für Gisela Schäfer nicht zu übersehen: "Vor 20 Jahren passierte noch alles auf Papier. Das war immer eine kleine Materialschlacht." Damals habe es wesentlich länger gedauert, bis ein Film fertig war. Dennoch hat Wunderwerk noch 2015 mit "Ritter Trenk" einen zweidimensionalen Trickfilm in die Kinos gebracht, der zu einem beträchtlichen Teil auf Papier entstanden ist. "Wir wollten den Effekt des Handgezeichneten", sagt sie.

Mit der Digitalisierung hat der Zeichentrick viel von seinem Zauber verloren

Doch worin besteht dieser Effekt? Laut Peter Bohl von Studio Rakete hilft ein Blick auf die Details: "Wenn man sich bei Filmen wie dem 'Dschungelbuch' oder 'Werner' die einzelnen Zeichnungen anguckt, sieht man: Das sind künstlerische Zeichnungen mit lockerem Strich. Die Linien leben und bleiben auch mal offen. Dieses Leben ist verloren gegangen." Das hat vor allem mit dem Kolorieren zu tun, das mittlerweile auch am Computer passiert. Wenn man da eine Fläche mit offenen Linien farbig ausfüllt, "dann läuft die Farbe aus", wie es der Animator formuliert. Deswegen werden nun alle Linien mit festem Strich nachgezogen und so geschlossen. "Da hat der Zeichentrick eine Menge Charme verloren."

Dass heute keine 2-D-Filme der alten Schule mehr produziert werden, liegt ihm zufolge auch an der mangelnden Nachfrage. Die Filmförderungsanstalten und die Verleihe sprächen handgezeichneten Filmen nur geringe Erfolgschancen zu. Keine Frage: Die Sehgewohnheiten des Publikums haben sich gewandelt. Heute macht eher die Perfektion den Reiz aus. "3-D wird eingesetzt, um möglichst schöne Bilder zu erzeugen", sagt Bohl. Früher habe die Faszination auch darin gelegen, dass Trickfilmfiguren plötzlich alles nur Vorstellbare machen konnten. "Das war wie ein Wunder."

Für Gisela Schäfer von Wunderwerk ist es "nahezu unvorstellbar", dass heute ein Film noch einmal komplett per Hand auf Papier entsteht. Dennoch bleibe das Medium relevant, besonders für den Animationsnachwuchs: "Studenten würde ich noch immer raten, auf Papier anzufangen. Das hat etwas Haptisches, da kommen sie besser rein in die Figuren." Es sei Aufgabe der Hochschulen zu zeigen, was man alles mit Papier machen könne.

Mit dieser Forderung rennt sie in der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg offene Türen ein. Nachdem dort die Zeichen voll auf Digitalisierung standen, macht sich im Institut für Animationsfilm eine Gegenströmung bemerkbar. "Die Studierenden bestehen mittlerweile wieder darauf, den klassisch analogen Prozess vermittelt zu bekommen", sagt Andreas Hykade. Eine Entwicklung, die der Institutsleiter begrüßt: "Die Studierenden sind gut gerüstet, wenn sie die Animation von der Pike auf erlernen." Vom Tod des klassischen Mediums im Bereich Animationsfilm will er nichts wissen: "Im Entstehungsprozess ist nichts effektiver als Stift und Papier."