Zehn Leben Im Namen der Freundschaft

Die Azores vor wenigen Tagen im Hafen von Kuşadası. Das bald 68 Jahre alte Schiff war unter dem Namen Völkerfreundschaft auch schon in Diensten der DDR.

(Foto: miwo)

Am Anfang hieß sie "Stockholm", nun heißt sie "Azores": das bewegte Leben eines Schiffes, das auch schon in Diensten der DDR stand.

Von Michael Wolf

Sie passierte als einzige die Blockade zur Kuba-Krise, versenkte die legendäre Andrea Doria - und wurde zeitweise zum Asylbewerberheim degradiert. Kaum ein anderes Kreuzfahrtschiff hat so viel Geschichte erlebt, so viele Namen getragen, so viel Politik miterlebt, wie die heutige Azores. Das für jetzige Begriffe winzige Schiff, auf dem derzeit 550 Passagiere Platz finden, begeistert viele Kreuzfahrtfans noch immer durch seine eleganten klassischen Linien, die großen Decksflächen und sicher auch durch 67 Jahre Kreuzfahrtgeschichte, das es geschrieben hat.

1946 feiert man die Kiellegung der Stockholm - so der Geburtsname - auf der Werft Götaverken in Göteborg. Der mit 11 650 BRT seinerzeit größte Schiffsneubau einer schwedischen Werft ist als Transatlantikliner ausgelegt - folgerichtig findet die Jungfernfahrt am 21. Februar 1948 von Göteborg nach New York statt. Schon vier Jahre später wird der Liner erstmals umgebaut, erhält neue Kabinen für 86 Passagiere in der ersten und 584 in der Touristenklasse und erreicht danach mit seinen 12 644 BRT eine beachtliche Schiffsgröße.

Der 25. Juli 1956 bringt die Stockholm in die Schlagzeilen der Weltpresse: Nach dem Auslaufen aus New York kollidiert sie in dichtem Nebel bei Nantucket mit der wesentlich größeren Andrea Doria, die sich auf ihrer 100. Atlantiküberquerung befindet. Das Drama nimmt seinen Lauf: 46 Passagiere des italienischen Schiffes - von insgesamt 1706 - verlieren ihr Leben, elf Stunden später versinkt der damalige Stolz der italienischen Kreuzfahrtflotte in den Fluten des eiskalten Atlantiks, noch heute besungen von Udo Lindenberg. Auch an Bord der Stockholm sind fünf Tote zu beklagen; sie fährt trotz des zerstörten Bugs zurück nach New York, mit einem Teil der geretteten Andrea Doria-Passagiere.

Das sicher interessanteste Kapitel der Stockholm beginnt am 15. Mai 1959: der VEB Deutsche Seereederei erwirbt sie für 21 Millionen schwedische Kronen (damals etwa 17,5 Millionen D-Mark), neuer Heimathafen wird Rostock. Am 3. Januar 1960 erhält das für den Feriendienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) bestimmte Schiff seinen neuen Namen: Völkerfreundschaft .

In der Kubakrise fährt es als einziges Schiff bis zur US-Blockade - und darf passieren

Verdiente Arbeiter und Kombinate sollten auf dem Kreuzfahrtschiff ihre Ferien genießen, das für damalige Verhältnisse recht komfortabel ist. So verfügt es unter anderem über ein Kino, ein Veranda-Café mit Tanzfläche, ein Seewasser- und ein Hallenschwimmbad, Friseursalon, Bordshop und sogar eine kleine Klinik mit Operationssaal und Röntgenlabor. Aber meist sind doch Funktionäre oder Delegationen an Bord. Doch unter einer Kreuzfahrt hatten sich die meisten Passagiere etwas anderes vorgestellt - denn in westlichen Gebieten wurde fast nie festgemacht. So geht es bei einer Fahrt nonstop vom bulgarischen Varna bis Rostock - vorbei an den schönsten Inseln und Häfen des Mittelmeers. Zu groß war die Angst der Offiziellen, dass Passagiere fliehen könnten. Dennoch gelingt fast 200 Personen im Lauf der Jahre die Flucht in den Westen - meist durch einen beherzten Sprung ins küstennahe Meer.

Kreuzfahrtgeschichte schreibt die Völkerfreundschaft bei einem Besuch bei den sozialistischen Brüdern auf Kuba, just in der Kuba-Krise. Als einziges Schiff fährt es bis zur US-Blockade, begleitet vom amerikanischen Zerstörer Pierce. Im amerikanischen Notstandskabinett ExComm wird auf höchster Ebene diskutiert, ob das DDR-Schiff kontrolliert werden soll oder nicht, mutmaßt man doch "Raketentechniker" an Bord. Aber Präsident Kennedy lässt es passieren. Im Hafen von Havanna wird anschließend gefeiert, selbst Fidel Castro schaut herein. Als er hört, dass es auf dem Schiff keinen kubanischen Rum gebe, lässt er tags darauf einige Kisten liefern.

Etwa 300 000 Menschen sind auf der Völkerfreundschaft gefahren, schätzt der ehemalige Kapitän Gerd Peters, der seine Ausbildung zum nautischen Offizier 1963 auf dem Schiff begann. Aber dieses wird zum Subventionsgrab - allein in den Jahren 1976 bis 1980 gibt die DDR mehr als 50 Millionen Mark für das Schiff aus, darunter kostspielige Reparaturen in Schweden.

1985 ist Schluss mit Völkerfreundschaft - die Reederei Neptunus Rex Enterprises kauft das Schiff und verlegt es unter dem Namen Volker nach Southampton. Dann folgt im Dezember 1986 wohl eines der dunkelsten Kapitel des stolzen Kreuzfahrtschiffes: Als Fridtjof Nansen wird es zum Heim für Asylbewerber in Oslo.

Ein Ende der Misere zeichnet sich auch 1989 mit dem Verkauf der Fridtjof Nansen an den italienischen Seereisenveranstalter Star Lauro Societata noch nicht ab. Neuer Heimathafen des Schiffes wird Neapel, die neue Flagge italienisch. Und nur wenige Wochen später holen die Ereignisse der Vergangenheit das Schiff wieder ein: Als es am 27. Mai 1989 zum Auflegen in Genua, dem ehemaligen Heimathafen der Andrea Doria eintrifft, berichtet die Presse groß von seiner Ankunft als "la nave della morte", dem Schiff des Todes.

Drei lange Jahre folgen - bis endlich ein neuer Hoffnungsschimmer für den kleinen Kreuzer am Horizont auftaucht. Die Fridtjof Nansen wird - mitfinanziert von einem maritimen Subventionsprogramm des italienischen Staates - auf der Genueser Werft Varco Chiapelli fast völlig entkernt, komplett neu ausgestattet. Und wieder einmal umbenannt. Aber der neue Name Italia I steht nicht lange am Bug - schon ein Jahr später, am 31. Oktober 1994, beginnt die neu (um-)getaufte Italia Prima ihre erste Kreuzfahrt für die italienische Reederei Nina Cia. di Navigazione. Im Dezember 1995 kommen wieder deutsche Gäste an Bord - Veranstalter Neckermann Seereisen hat das Schiff langfristig gechartert. Das geht etwa zwei Jahre gut - bis die Italia Prima wegen finanzieller Probleme im Januar 1998 in Genua wieder aufgelegt wird. Die italienische Reederei verchartert es deshalb kurzfristig als Ausstellungsschiff im Hafen von Lissabon.

Rundreisen um Kuba bietet ab September 1998 der deutsche Veranstalter Air Maritim Seereisen mit der Valtur Prima an - so heißt das Schiff ab sofort. Doch auch hier bleibt der große Erfolg aus - 2001 wird das Schiff in Havanna aufgelegt. 2002 übernimmt der italienische Veranstalter Festival Crociere SpA die Caribe, wieder ein neuer Name. Doch kein neues Glück: Denn alles läuft wieder wie gehabt. Im Oktober 2004 folgt die Auflegung in Lissabon.

Noch im selben Jahr erwirbt der bekannte Reeder George Potamianos das Schiff für seine CIC (Classic International Cruises), lässt es umfassend renovieren, nach Portugal umflaggen und - natürlich - umtaufen. Der deutsche Veranstalter Vivamare Urlaubsreisen chartert die Athena - und geht in Insolvenz. 2009 ersetzt die Athena bei Phoenix Reisen kurz die Alexander von Humboldt, ein englischer Veranstalter folgt. 2012 wird das Schiff in Marseille wegen Forderungen von Gläubigern an die seit Oktober insolvente Reederei in die Kette gelegt - und bleibt dort bis zum Februar 2013. Neuer Besitzer wird der portugiesische Veranstalter Portuscale Cruises, neuer Name: Azores. Der deutsche Veranstalter Ambiente Kreuzfahrten, ein SPD-eigenes Unternehmen, chartert im März 2014 die Azores - die Zusammenarbeit zwischen Reederei und Veranstalter wird aber bereits wenige Monate später wegen mangelnder Passagierzahlen eingestellt.

Seit Beginn dieses Jahres fährt die Azores jetzt als Charterschiff für die englische Gesellschaft CMV, die im Übrigen auch den deutschen Traditionsveranstalter TransOcean Kreuzfahrten übernommen hat.

2016 soll die Azores wieder im Mittelmeer fahren - wahrscheinlich unter dem neuen Namen Astoria. Dann wird die Schiffsdame ihren 68. Geburtstag feiern.