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Zagreb:Träume hinter Tesafilm

Im Spagat zwischen Demut und Selbstüberschätzung: Ein Streifzug durch die kroatische Hauptstadt Zagreb.

Als um vier Uhr morgens die Dieselmaschinen anspringen, denkst du, sie sind unter das Bett geschraubt. Wenn man die Ohren mit Oropax verstopft, nimmt die Vibration im Bauch noch zu.

Zagreb

Panorama von Zagreb.

(Foto: Foto: Milan Babic/Croatian Tourist Board)

Man schaut hinter die Vorhänge und weiß, dass der Tag niemals hell werden wird. Ist das der Zeitpunkt, das Bett stramm zu ziehen, die Galauniform anzulegen und sich zu vergiften?

Vom Eckzimmer des "Regent Esplanade" in Zagreb hat man den Blick auf die Bahngleise und auf den Tomislavov-Platz der Unterstadt. Im Bahnhof laufen die Dieselloks warm. Kein Gedanke mehr an Schlaf, und man knöpft sich die Geschichte des Hauses vor, in dem man nächtigt.

Im "Esplanade" bündelt sich die neuere Geschichte Zagrebs. In den wilden Zwanzigern als Herberge für die illustren Gäste des Orientexpress gebaut und im Art-Déco-Stil eingerichtet, begann hier das Balkanabenteuer.

Das "Esplanade" überlebte das Königreich Jugoslawien, die Besetzung durch die Nazis (das Hotel war Hauptquartier der Wehrmacht und der SS), das Jugoslawien Titos und den Unabhängigkeitskrieg gegen Serbien.

Liebesnest für Seitensprünge

Bald nach der Eröffnung im Jahr 1925 wurde das Haus zum diskreten Liebesnest für Seitensprünge der Haute Volée, später zum Treffpunkt internationaler Filmstars, Musiker, Literaten, Politiker.

Im Gästebuch finden sich Namen wie Asta Nielsen, Josephine Baker, Charles Lindbergh, Orson Welles, Yul Brynner, Arthur Miller, Maria Callas, Louis Armstrong, Leonid Breschnjew, Helmut Kohl. Journalisten und Agenten nutzten das Hotel in Kriegszeiten als Schreib- und Sendezentrale, zuletzt 1991. Im November 2004 wurde das Haus im originalen Art-Déco-Stil als "Regent" wiedereröffnet.

Ihre Großmutter sei sehr stolz gewesen, erzählt Tea, die Marketing Managerin, als sie erfahren habe, dass sie im "Esplanade" arbeite. Die Großmutter war während des Zweiten Weltkriegs hier als Hausdame beschäftigt.

Sie hat Tea erzählt, wie man die jungen Nazioffiziere nach der Kapitulation in Galauniform vergiftet in ihren Betten fand. Das war das Ende des profaschistischen Regimes von Ante Paveli und der Ustaschabewegung mit ihrem Terror gegen Juden, Sinti, Roma und vor allen Serben, die im Tito-Staat und nach dessen Ende zurückschlugen.

Aber die Großmutter, sagt Tea später nach dem Dinner, die Großmutter habe immer glänzende Augen gehabt, wenn sie von den toten Soldaten in den Betten erzählt habe.

Große Rätsel

Das "Esplanade" ist ein weißer Riese in der geometrischen Unterstadt aus dem 19. Jahrhundert. Von hier aus enträtselt sich Zagreb in wenigen Nachmittagen. Man muss nur aus der Haustür und dann geradeaus, um zu dem Platz zu kommen, auf dem sich die Zagreber Geschichte abgespielt hat.

Österreicher, Deutsche, Faschisten, Kommunisten. Alle sind hier aufmarschiert, und allen wurde zugewinkt. Je mehr man aber meint, hinter diese Stadt gekommen zu sein, desto rätselhafter wird sie. Man kann sich im hufeisenförmigen Straßenverlauf der Oberstadt schnell verirren.

Landet immer wieder unter dem Bogen eines alten Stadttores, in dessen Nische Frauen und Mütter der im letzten Balkankrieg verschollenen Söhne und Männer vor einer Marienstatue beten. Und unten schreit die gelbe Straßenbahn in der Schienenkurve, beklebt mit der deutschsprachigen Werbung: "Gin Tonic - nicht ganz normal".

Auf der Südseite der Bahngleise blüht der Plattenbau. Die Neustadt erstreckt sich von da aus kilometerweit wie eine Kakteensteppe bis zum Flughafen. Zagreb liegt im Auge des Pulpo. Der Staat hat die Form eines Tintenfischs.