Süddeutsche Zeitung

Wolkenkratzer:Das hier ist die Höhe

Hongkong ist eine Stadt in der Vertikalen, und seine Bewohner richten ihr Leben dementsprechend aus.

Jörg Häntzschel

Man könnte meinen, man sei in Positano, wären da nicht die kleinen Tempelchen, an denen Tag und Nacht die Räucherstäbchen glühen. Früher war dies ein Fischerdorf, heute ist es ein idyllischer Vorort von Hongkong.

Michael Wolf, ein deutsch-amerikanischer Fotograf, der hier seit Jahren mit Frau und Kind in einem der kleinen, freundlichen Apartmenthäuser zwei Minuten vom Strand lebt, ist glücklich über die Nähe zum Meer. Noch glücklicher wäre er allerdings in einer Wohnung mit Aussicht in dem 75-stöckigen Wolkenkratzer gleich um die Ecke. "Höher ist immer besser in Hongkong! Leider kann ich es mir nicht leisten."

Seit zehn Jahren wandert Wolf mit seiner Kamera durch die Stadt. Er ist Fotograf und Künstler, aber eigentlich müsste man ihn als Forscher bezeichnen, als Anthropologen. Sein Forschungsobjekt liegt gleich vor der Haustür: Die Stadt Hongkong, die immer höher wächst, und ihre Bewohner, die immer enger aufeinander sitzen.

Anfang des 20. Jahrhunderts, als New Yorks Boom seinen Höhepunkt erreichte, träumten Utopisten von der vertikalen Stadt. Gebäude von nie dagewesener Höhe sollten nur die Grundpfeiler einer städtischen Infrastruktur darstellen, die geflechtartig gen Himmel wuchs, weil am Boden kein Platz mehr war. Fritz Lang verwandelte diese Utopie in einen Albtraum: "Metropolis".

Doch nicht in New York ist diese Vision Wirklichkeit geworden, sondern in Hongkong. Der "duftende Hafen" eignet sich zwar vorzüglich zum Anlanden von Schiffen, doch für eine Stadt mit sieben Millionen Einwohnern ist er noch unbrauchbarer als die enge Insel Manhattan.

Nur wenige hundert Meter halbwegs flachen Lands erstrecken sich in der Innenstadt am Pazifik, bis sich der 552 Meter hohe Victoria Peak steil erhebt. Und auch in der Umgebung herrscht drangvolle Enge. Hongkong ist das drittdichtest besiedelte Land der Erde: Pro Quadratkilometer drängen sich 6500 Menschen. In Deutschland sind es 230.

Während sich die meisten Metropolen in Ringen entwickelten - Geschäfts- und Verwaltungszentren in der Mitte, Mittel- und Unterschichtsquartiere darum herum, schließlich am äußersten Rand grüne Vororte für Wohlhabende - wohnte man auf der atemberaubend steilen Flanke des Victoria Peak im Innenstadtbezirk Central immer schon in Schichten: Das Zentrum liegt am ehemaligen Hafen, darüber stapeln sich die einfacheren Quartiere, ganz oben, auf der Spitze des Hügels, stehen die prachtvollen Villen - zumindest seit 1888, als die berühmte kabelgezogene Peak Tram den zuvor beschwerlichen Anstieg zu Fuß oder zu Pferd durch eine zehnminütige unterhaltsame Fahrt ersetzte.

Das hier ist die Höhe

Gut 100 Jahre später, 1993, kam zu der Cable-Car für Pendler aus den besseren Ständen der demokratische Mid-Levels Escalator, der die mittleren Höhen des Victoria Peak bedient. Die 800 Meter lange Kette von 20 überdachten Rolltreppen und drei Laufbändern, die mitten durch die verbauten Hänge schneidet, stammt direkt aus den Sci-Fi-Phantasien von der Jahrhundertwende. Wie im Zeitraffer bewegt man sich durch die Höhenlinien der Stadt und sieht wie durch die Lupe in ihr Inneres: späht in Fenster, blickt über Terrassen, riecht die Restaurantküchen. Wie im Skilift gleitet man binnen Minuten aus den verspiegelten Büroschluchten bis an die waldigen Hänge des Peak.

Bodenberührung muss nicht sein

Doch auch zwischen den Wolkenkratzern von Central wuchert die Stadt in die Höhe. Fußgängerbrücken queren die Connaught Road, die Voeux Road, die Chater Road, doch sie führen nicht von Gehsteig zu Gehsteig, sondern verbinden die höheren Etagen: Von Armani geht es zu Prada, ohne dass man je den Erdboden berühren müsste. So weitverzweigt sind die Brücken, dass Wegweiser notwendig sind. Die weniger relevanten Läden oder Straßen liegen im Schatten der "walkways" und sind umtost vom Verkehr.

Viel Platz ist also nicht übrig am steilen Hang. Doch ein bisschen höher geht es immer noch. Zwar sind eigentlich alle Bauten verboten, die den Peak verdecken, "aber das ist eines von vielen derartigen Gesetzen, die nur gelten, bis jemand genug investieren will", sagt Wolf.

So geschehen beim Two IFC, dem höchsten Gebäude in Hongkong (und dem vierthöchsten der Welt), hinter dem der Gipfel verschwindet. Nächster Rekordhalter wird das International Commerce Center, derzeit im Bau, das gut 50 Meter höher werden soll, als das World Trade Center war.

Ausweichen ins Meer

Und wenn nach oben wirklich gar nichts mehr geht, weicht man eben ins Meer aus. Von Central aus sieht man im gegenüberliegenden Kowloon Baumaschinen eine gigantische Brache plattwalzen, die von nagelneuen Wolkenkratzern umgeben ist. Das Kulturzentrum inklusive Guggenheim-Museum, das hier entstehen sollte, liegt nach Anwohnerprotesten allerdings auf Eis.

Auch der alte Hafen wird zugeschüttet. Dass das Star Ferry Terminal, eine der beliebtesten Touristenattraktionen, dadurch auf dem Trockenen liegt, stört die Verantwortlichen wenig. Man baut statt des Originalterminals einfach die Replik eines älteren Vorgängers ans Wasser und hofft, dass es den Touristen egal ist. "Alles, was alt ist, wird abgerissen", klagt Wolf und klingt dabei ganz überraschend sehr deutsch. "Wenn überall nur Einkaufszentren übrigbleiben, ist die Stadt ruiniert. Dann wird es hier sein wie in Singapur."

Das gesamte Land befindet sich in staatlichem Besitz. Um die Nachfrage hochzuhalten, werden immer nur kleine Parzellen verkauft, die dann Unsummen kosten. Die Erlöse aus diesen Verkäufen finanzieren zu einem großen Teil den öffentlichen Haushalt und erlauben es im Gegenzug, die Steuern niedrig zu halten.

Das hier ist die Höhe

Und weil die Investoren so viel bezahlen müssen, lassen sich die Grundstücke nur mit Hochhäusern profitabel bebauen. Die ultradichte Besiedlung macht eine Infrastruktur möglich, von der man selbst in Deutschland nur träumen kann. "Modernere, schnellere und vergleichsweise billige U-Bahnen und Züge gibt es nirgends auf der Welt. Die Regierung weiß, dass sich die Investition in den öffentlichen Nahverkehr immer lohnt. Man muss die Menschen effizient verwalten, damit die Wirtschaft läuft", sagt Wolf.

So gigantisch sind die Hochhauskomplexe, dass sie zu Städten in der Stadt werden. Das fängt bei der U-Bahnstation an und hört beim Swimmingpool am Dach auf. Dazwischen liegen Supermarkt, Kindergarten und Restaurants.

Die Bewohner müssen das Haus kaum noch verlassen. Wenn sie es dennoch tun, dann vor allem, weil sie die Enge nicht mehr aushalten. Eine Mittelklassefamilie kann sich glücklich schätzen, 70 Quadratmeter ihr eigen zu nennen, viele kommen aber zu fünft mit der Hälfte aus.

Leben auf neun Quadratmetern

In seinem jüngsten Projekt "100 x 100" besuchte Wolf 100 Menschen, die jeweils auf neun Quadratmetern, 100 Quadratfuß, leben, der Standardgröße von Sozialwohnungen aus den fünfziger Jahren. "Die meisten von ihnen sind arme Arbeiter. Es ist erschreckend, dass es so etwas in einer reichen Stadt wie Hongkong noch gibt. Ich fand es spannend zu sehen, wie die mit der Enge umgehen. Wie die ihre Tüten an die Wände hängen, mit Haken und Schnüren, das sieht teilweise aus wie eine Kunstinstallation."

"Man muss improvisieren, um Betten, Tische und Stühle überhaupt unterzubringen, dazu gehört sogar die Außenwand", sagt Wolf. "Hier gab es Klappmöbel, lange bevor Ikea erfunden war. Wenn man den Eimer oder den Besen raushängen kann, hat man innen schon wieder Platz gespart."

Doch in Hongkong sind auch radikalere Methoden üblich. Bis vor wenigen Jahren waren halsbrecherische Anbauten im x-ten Stock von Hochhäusern gang und gäbe. Todesmutig schoben die Bewohner die selbstgebastelten Veranden auf Bambus und an Seilen ins Leere. "Das Problem war, dass alle sechs Monate so ein illegaler Balkon herunterbrach und jemanden auf der Straße totschlug. Deshalb sieht man viel weniger davon als früher. Schade, es hat der Stadt ein gewisses Flair gegeben."

Bleibt also nur die Flucht auf die Straße: "In Hongkong lernt man, den öffentlichen Raum privat zu nutzen. Man trifft sich in Einkaufszentren, isst in Restaurants, wandert durch die Stadt."

Am radikalsten praktizieren es die philippinischen Dienstmädchen. Immer am Sonntag, ihrem freien Tag, lassen sie sich überall in der Stadt wie Zugvögel auf dem Acker nieder, um gemeinsam Picknick zu machen, Post zu tauschen und das Heimweh zu kurieren. Im Zentrum werden dafür sogar Straßen gesperrt: "Das ist wie Wasser. Irgendwo müssen sie ja hin. Schließlich funktioniert die Stadt nur, wenn zwei Leute arbeiten und einer zu Hause auf die Kinder aufpasst."

Zurück auf der Autobahn Richtung Flughafen fällt eine breite, abgenagte Bergflanke an der Straße entlang auf. Noch eine Hochgeschwindigkeitstrasse, noch eine neue Kaskade von Wohnregalen? Doch was man sieht, wirkt eher wie ein steil aufragendes römisches Amphitheater, nach außen gestülpt. Es ist ein Friedhof, Gräberreihe für Gräberreihe treppt sich den Steilhang hinauf. Doch immerhin: Jedes der kleinen Mini-Tempelchen steht - auf dem Boden.

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Quelle:
SZ vom 23.11.2006
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