Schneeschuhwandern in Österreich:Unter Gämsen

Lesezeit: 5 min

Auf Tour mit einer Rangerin: Im Naturpark Karwendel können Besucher Tierfährten lesen lernen. Eine Herausforderung.

Von Johanna Pfund, Pertisau

Normalerweise würde Marina Hausberger jetzt ein wenig länger stehen bleiben und den Gästen erzählen, wie die Gämsen den Winter überleben und warum es so wichtig ist, sie nicht zu stören. Aber bei minus 15 Grad Celsius ist nicht nur das Falzthurntal am südlichen Ende des Achensees schier erstarrt, auch die zehn Gäste, die an der Schneeschuhwanderung teilnehmen und mehr über das Verhalten von Wildtieren im Winter lernen wollen, frieren bei den Erklärungen nahezu ein. Deshalb macht es die Rangerin des Naturparks Karwendel wie die Gämsen: Sie optimiert das Bewegungsverhalten. "Jetzt gehen wir einfach mal, bis wir in die Sonne kommen", sagt die 37-Jährige. Und lacht.

Es geht um Verständnis für die Bedürfnisse der Wildtiere

Abgesehen von der Kälte hat Hausberger ja durchaus eine schöne Aufgabe und genügend Grund zu lachen: Als Rangerin des Naturparks Karwendel kann die begeisterte Bergsteigerin einen Teil ihrer Arbeitszeit dort verbringen, wo sie auch in der Freizeit gerne ist, nämlich in den Bergen. Sie ist zuständig dafür, Menschen wie Adelhaid Kastner-Schulz aus Heidelberg, die mit ihrem Skiclub Urlaub am Achensee macht und das Schneeschuhwandern ausprobieren möchte, die Natur näherzubringen; sie zeigt, wie man die Spuren und Zeichen der Wildtiere lesen kann und versucht, bei den Mitwanderern letztendlich Verständnis dafür zu wecken, dass Wildtiere zum Beispiel auch mal Ruhe brauchen.

Der Naturpark erstreckt sich von Innsbruck im Süden bis Hinterriß kurz vor der Grenze zu Deutschland, von Scharnitz im Westen bis zum Achensee im Osten, das sind 727 Quadratkilometer Berge, Täler, Almen, eine begehrte Erholungslandschaft. Oder, wie es Marina Hausberger ausdrückt: "Es gibt schon sehr schöne Platzerl hier." Im Sommer geht es für die Rangerin, die in Innsbruck wohnt, oft um die Pflege der Almen, um die Lenkung der Besuchermassen. Die Zahl der Gäste hat seit der Corona-Pandemie noch stärker zugenommen, das Thema ist also noch drängender geworden. Im Winter ist die Aufgabe ein wenig leichter, viele Ziele sind wegen des Schnees nicht erreichbar, und die Temperaturen tun wie an diesem Januartag das ihre, um die Leute zurück ins Warme zu locken.

In welche Richtung läuft der Hase?

Am ersten sonnigen Plätzchen legt Marina Hausberger wie versprochen einen Stopp ein. In den luftigen Kristallen des Schnees zeichnen sich zahlreiche Spuren ab. "Das war ein Hase", erläutert Hausberger, die nach einer Ausbildung zur Floristin im zweiten Bildungsweg Geografie studiert und über ein Praktikum dann ihren Weg als Rangerin gefunden hat. Sie hätte den Schneeschuhwanderern zuvor gerne auch die Morphologie des Karwendelgebirges erläutert, aber weil die Infotafel am Langlaufparkplatz Pertisau im Schatten steht, kann sie die Gäste nicht so recht für die Geschichte über den Kalkstein des Karwendels erwärmen. Tierspuren in der Sonne bekommen deutlich mehr Aufmerksamkeit. Die Rangerin erklärt anschaulich, wie der Hase diese markante Spur hinterlässt. Zuerst sieht man zwei Abdrücke hintereinander, das sind die Vorderpfoten, gefolgt von zwei parallel liegenden Abdrücken, denen der Hinterpfoten. "Der Hase überholt sich selbst", sagt Hausberger. Und in welche Richtung ist das Tier jetzt gelaufen? Ha, wie war das mit den Vorder- und den Hinterpfoten? Die Gäste aus der Wachau rätseln mit, auch das Paar aus Limburg. Von rechts nach links?

Schneeschuhwandern in Österreich: Und wer war hier unterwegs? Auf jeden Fall ein kleines und leichtes Tier, so viel steht fest.

Und wer war hier unterwegs? Auf jeden Fall ein kleines und leichtes Tier, so viel steht fest.

(Foto: Johanna Pfund)

Es ist ein kleiner Anfang zu mehr Verständnis, findet Hausberger. "Beim nächsten Spaziergang werden die Leute Spuren sehen und raten, wer da wohl gelaufen ist. Sie wissen dann mehr." Sie kennen dann den Hasen und seine Laufrichtung, die filigrane Spur des Eichhörnchens. Oder sie haben wenigstens einmal im Leben den Lauf eines Stück Rotwilds gesehen. "In der Jägersprache sagt man Lauf zum Bein", erzählt Marina Hausberger beim nächsten Stopp in der Sonne und zieht aus ihrem Rucksack präparierte Läufe von Rotwild, Rehwild und Gämse. Während die Gäste mit viel Respekt die Stücke anfassen, gestikuliert Hausberger mit den Präparaten in der Hand, sie ist es ja gewohnt. So, und weil sie schon mal dabei ist, reicht sie auch noch einen Gamsschädel herum, und die Abwurfstange eines Rothirschs, der im Gegensatz zur Gämse alljährlich das alte Geweih abwirft und ein neues nachschiebt.

Bissspuren an Ästen zeigen, wer da gefressen hat

Dann geht es ohne Pause durch ein Waldstück Richtung Falzthurnalm. Für Hausberger kein Problem, aber auch die Gästegruppe hält gut mit. Im weiten Bachbett lädt die Rangerin zum nächsten Stopp - Ernährungskunde. Sie pflückt ein paar Zweige am Rand des Bachbetts. "Hier sieht man, wer schlechte Zähne hat." Man lernt, dass Hasen glatt abbeißen, das Rehwild hingegen die Zweige eher abreißt. Und dass normalerweise in den sonnigen Hängen oberhalb des Bachbetts Gämsen zu sehen sind. "Die kommen auf der Suche nach Nahrung weiter herunter", erzählt die Rangerin. Aber das Spektiv, das sie eigens für die Tierbeobachtung mitgebracht hat, bleibt an diesem Tag ungenutzt. Trotz Sonne finden es die Gämsen wohl zu kalt. Und sie machen das, was sie gut können: den Energieverbrauch runterfahren, sich ruhig verhalten. "Eine Störung kann für die Gams tödlich sein", erläutert Marina Hausberger. Denn muss sie flüchten wegen irgendwelcher Leute, die in den frühen Morgen- oder Abendstunden durch den Wald marschieren, dann verbraucht sie unnötig Energie - und die könnte ihr am Ende des Winters fehlen.

Schneeschuhwandern in Österreich: Rangerin Marina Hausberger zeigt, wer am Zweig geknabbert hat. Rehwild reißt die Fasern eher ab, Hasen mit ihren scharfen Zähnen beißen die Ästchen glatt durch.

Rangerin Marina Hausberger zeigt, wer am Zweig geknabbert hat. Rehwild reißt die Fasern eher ab, Hasen mit ihren scharfen Zähnen beißen die Ästchen glatt durch.

(Foto: Johanna Pfund)

Wie das so ist mit der Energie und der Wärme, das fühlt die ganze Gästegruppe an diesem Tag. Der Aufwärmstopp in der Alm ist mehr als willkommen. Auf dem Rückweg sinkt die Aufmerksamkeit. Dabei steht noch das Kapitel "Losung lesen lernen" auf dem Programm. Also erkennen, welcher Kot zu welchem Tier gehört. Marina Hausberger hat da eine schöne Plastikbox dabei, mit der Kaffeebohnen gleichen Losung des Rehwilds zum Beispiel, oder mit den kleinen Knödeln, die das Steinwild hinterlässt. Die Schachtel ist schnell rumgereicht, Hausberger hat sie noch gar nicht eingepackt, als die ersten Gäste schon wieder weitermarschieren. Die Rangerin sieht das gelassen. "Es ist mit jeder Gruppe ein bisschen anders. Mit manchen bin ich erst um 16 Uhr wieder am Parkplatz. Aber ich bin da flexibel - es hängt einfach vom Wetter und den Leuten ab."

Schneeschuhwandern in Österreich: Auch an den Hinterlassenschaften, der Losung, kann man erkennen, welche Tiere in der jeweiligen Gegend unterwegs sind.

Auch an den Hinterlassenschaften, der Losung, kann man erkennen, welche Tiere in der jeweiligen Gegend unterwegs sind.

(Foto: Johanna Pfund)

Der Austausch aber, der liegt ihr. "Ich habe schon gern mit Leuten zu tun." Nicht nur mit Gästen, sondern auch mit denen, die dem Naturschutz gegenüber oft skeptisch eingestellt sind, mit Landwirten etwa. Da muss sie viel reden, vielleicht noch mehr als mit den Touristen, die kommen, schauen und dann wieder wegfahren. Die Landwirte aber, die bleiben, und mit denen muss Naturschutz das ganze Jahr über abgestimmt werden "Aber ich hab noch mit jedem einen grünen Zweig gefunden", sagt Hausberger. Das glaubt man nach diesem Tag.

Informationen:

Das Tourismusbüro Achensee bietet unterschiedliche Winterwanderungen an, die von Rangern des Naturparks Karwendel geführt werden. Einige haben den Schwerpunkt Wildtiere, andere lehren das Spurenlesen im Schnee. Im Preis von 15 Euro pro Person ist die Leihausrüstung - Schneeschuhe und Stöcke - inbegriffen. Empfohlen wird zudem warme Kleidung, gutes Schuhwerk, Mütze und Handschuhe. Weitere Informationen und Buchung auf der Webseite achensee.com oder unter der Telefonnummer 0043/595 30 00.

Mehr über die Aufgaben und Projekte des Naturpark Karwendel erfährt man auf der Webseite karwendel.org. Zahlreiche Aktivitäten bietet der Naturpark auch im Sommer an.

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