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Wintersport in den Alpen:Warum schließen sich Skigebiete zusammen?

Die Zwischenstation Trittkopf ist die neue Verteilerstelle zwischen St. Anton und Lech-Zürs. In beide Richtungen führen Bahnen, nach Zürs geht auch die Piste.

(Foto: Josef Mallaun)

Lech-Zürs und St. Anton haben sich "zum größten zusammenhängenden Skigebiet Österreichs" verbunden. Aber braucht es so viele Pistenkilometer am Stück überhaupt?

Das Museumsgebäude von St. Anton am Arlberg ist eine wunderschöne, mehr als 100 Jahre alte Villa; es liegt nur wenige Gehminuten unterhalb des Remmidemmi-Schuppens Mooserwirt. Vor dem Museum bilden Hütten einen Christkindlmarkt, so regional und heimelig, wie man ihn in einem internationalisierten Skifahrerort wie St. Anton gar nicht mehr vermuten würde. Kinder singen gerade Weihnachtslieder, die nur Eltern gefallen. Drinnen erzählt eine Ausstellung die Geschichte des Ortes, die hier immer auch eine Geschichte des Skifahrens ist. 4000 Jahre alte Fichtenlatten aus Schweden stehen in einer Reihe mit den etwa 4000 Jahre jüngeren Weltmeisterskiern des Lokalhelden Mario Matt. Im Restaurant im Erdgeschoss sitzt der Tourismusdirektor Martin Ebster, für den mindestens schon seit der Saisoneröffnung vor ein paar Tagen Weihnachten ist. Er sagt: "Die Liftverbindung mit Lech-Zürs ist wie die Erfüllung eines Traums."

Es ist nämlich so: Skitouristen lockt man nicht mit einem schönen Museum voller Skigeschichte und Kinderstimmen und Christkindlmärkten, mögen die auch noch so regionaltypisch und heimelig sein. Skitouristen lockt man mit Liften und Pisten und Bahnen, und wo wüsste man das besser als am Arlberg, der gemeinhin als Geburtsstätte des modernen Skilaufs apostrophierten Region. Vor diesem Winter wurden vier Lifte für insgesamt 45 Millionen Euro in die Bergwelt zwischen Albona und Zürs gesetzt, wobei die Flexenbahn das Kernstück des Systems darstellt ( siehe Karte). Sie verlinkt die Skigebiete von St. Anton und Lech-Zürs und gibt den Anliegerorten jetzt auch noch die Möglichkeit, sich über "die Wiege des Skitourismus" hinaus als "größtes zusammenhängendes Skigebiet Österreichs" zu vermarkten. In Zahlen heißt das: 305 Pistenkilometer, 200 Kilometer Tiefschneeabfahrten, 87 Lifte und Bahnen.

Alte und neue Verbindungen

(Foto: SZ-Karte; Foto: Google Earth; Quelle: Flexenbahn)

Für einen wie Ebster ist die Verbindung ein "Qualitätsinstrument" und irgendwie auch die Konsequenz eines jahrzehntelangen Vorspiels; der "infrastrukturelle Abschluss der Bemühungen, den Arlberg gemeinsam zu vermarkten", wie er es formuliert. Schließlich sei schon in alten Aufsichtsratsprotokollen von 1948 mit der Arlberg-Werbegemeinschaft die Zusammenarbeit dokumentiert. Seit 35 Jahren gibt es bereits einen gemeinsamen Skipass, 2013 wurde das Skigebiet Warth-Schröcken über eine Gondel an den Arlberg angedockt. Jetzt freut man sich zusammen: "Der Kreis ist geschlossen."

Für eine Prüfung auf Umweltverträglichkeit war das Projekt nicht groß genug

Nur: Wozu um Himmels willen braucht es in einem wirklich unglaublich vielseitigen Skigebiet 305 Pistenkilometer am Stück, wenn selbst gute Skifahrer unter Vorsatz des Rekordsetzens höchstens die 100 Kilometer an einem Tag knacken und Otto-Normal-Carver gelegentlich die 50er-Marke reißt? Also hinüber mit der Frage, von St. Anton in Tirol auf erstaunlich gut präparierten Kunstschneepisten zur Alpe Rauz in Vorarlberg. Dort fuhr früher in der Hauptsaison alle zehn Minuten ein Pendelbus nach Zürs, auf den es sich im Zweifelsfall eher nicht zu warten lohnte. Heute steht dort eine verglaste Talstation (Moderne Talstationen sind irgendwie immer verglast), aus denen Zehnergondeln in Richtung der verglasten Bergstation sausen.

Eine Umweltverträglichkeitsprüfung hat es trotz der vier neuen Bahnen von insgesamt 6,6 Kilometer Länge über zum Teil neue Trassen nicht gegeben. Die braucht es laut Gesetz in Vorarlberg erst, wenn in eine Gesamtfläche von 20 Hektar Größe eingegriffen wird. Andererseits hat auch noch niemand berechnet, wie viel Abgase durch das Wegfallen der bis zu 140 täglichen Busfahrten eingespart werden. Insgesamt fiel der Widerstand gegen das Großprojekt jedenfalls ungewöhnlich gering aus.

Nach zwei Liftfahrten - wobei statt der weiterführenden Trittkopfbahn auch eine Piste ins Tal führt - ist man tatsächlich grob geschätzte 2:37 Minuten schneller in Zürs angelangt als einst mit dem Skibus. Nach einer zweistündigen Tour sitzt man möglicherweise im Ortszentrum von Lech bei Ebsters Pendant Hermann Fercher.