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Städtereise nach Wien:Oma macht den Besten

Cafe Vollpension Wien

Im Cafe Vollpension in Wien arbeiten Seniorinnen - hier noch nicht auf Abstand, vor der Pandemie.

(Foto: Mark Glassner)

Im Café Vollpension in Wien backen Seniorinnen nach alten Familienrezepten. In Corona-Zeiten muss das anders ablaufen - nun wird am Comeback gearbeitet.

Im Januar war für Doris Horvath die Welt noch in Ordnung. Die resolute 66-Jährige stand im Eingangsbereich des Cafés Vollpension im vierten Wiener Bezirk. Mit weißer Schürze, sorgsam frisierten Haaren und einer funkelnden Libellenbrosche begrüßte sie die Gäste, die massenhaft in das beliebte Lokal strömten. Als "Oma vom Dienst" räumte sie Tische ab, füllte Besteckkästen auf und schritt beherzt ein, wenn die Eingangstür zu lange offenstand. "Please shut the door", wies sie die Touristen dann zurecht. Ordnung muss sein.

Wenige Monate später ist alles anders. Weltweit geht das Coronavirus um, Österreich bildet da keine Ausnahme. Während die Kaffeehäuser, Kneipen und Restaurants allmählich wieder zum Leben erwachen, hält sich Doris Horvath fern. "Ich bin sehr gerne unter Menschen und kann mit allen", erzählt die Seniorin am Telefon. Doch sie weiß, dass sie zu denjenigen gehört, die gesundheitlich besonders gefährdet sind. "Also bleibe ich zu Hause und mache das Beste daraus", sagt die 66-Jährige. Die "Oma vom Dienst" ist außer Dienst.

Die "Vollpension", in der sie normalerweise arbeitet, sieht auf den ersten Blick wie eines der vielen Hipsterlokale aus, die es überall auf der Welt gibt: rustikale Holztische, Secondhand-Ohrensessel, unverputzte Wände, an denen Gemälde hängen. Das Konzept, das dahintersteckt, ist jedoch besonders, denn die Hälfte der Belegschaft hat das Rentenalter bereits erreicht. Als Teilzeitkräfte arbeiten sie entweder im Service oder in der Küche, in der sie nach ihren eigenen Familienrezepten kochen und backen. Mit diesem Ansatz versteht sich die Vollpension als Sozialunternehmen, das verschiedene Generationen zusammenbringt und gleichzeitig einen Beitrag gegen Altersarmut leistet. Daher auch der Name Vollpension, eine Anspielung auf die oftmals kargen Renten, die in Österreich generell als Pension bezeichnet werden.

Cafe Vollpension Wien

So sieht das Cafe an der Schleifmühlengasse von innen aus.

(Foto: Mark Glassner)

Ursprünglich war die Idee nur als Kurzzeitprojekt gedacht: ein Stand auf der Vienna Design Week 2012, ins Leben gerufen von einer Gruppe junger Leute, die Appetit auf Kuchen hatten, der wie zu Großmutters Zeiten schmeckt. Schnell sprach sich dieser Ansatz herum; der österreichische Tourismusverband wurde auf die backenden Seniorinnen aufmerksam und schickte sie in einem VW-Bus drei Monate lang quer durchs Land. 2015 eröffnete schließlich das erste dauerhafte Lokal in der Schleifmühlgasse in Wien.

"Am Anfang haben wir im Supermarkt einen Aushang gemacht, weil wir Omas suchten", erinnert sich Hanna Lux, 33, eine der drei Gesellschafterinnen des Sozialunternehmens. Diese Zeiten sind vorbei. Werden heute Jobs vergeben, bewerben sich schon mal mehrere Hundert Seniorinnen und Senioren auf eine Stelle. "Es freut uns natürlich, dass wir so gefragt sind", sagt Lux, "aber es macht uns auch traurig. Politisch gesehen ist es ein Armutszeugnis, dass sich 65-Jährige noch einen Job suchen müssen."

Als hilflose Bedürftige sieht man die Omas und Opas (es sind auch einige Männer darunter) aber nicht. "Sie backen nicht nur Kuchen, sondern leisten einen wichtigen Beitrag", betont Hanna Lux. In der Vollpension könnten verschiedene Generationen zwanglos und ohne Vorurteile aufeinandertreffen - eine Möglichkeit, die in Großstädten längst nicht selbstverständlich sei. "Einsamkeit im Alter ist im urbanen Raum ein Riesenproblem", sagt Lux. Allein in Österreich leben mehr als 600 000 alleinstehende Seniorinnen und Senioren, wie eine Infotafel am Eingang der Vollpension verrät.

Cafe Vollpension Wien

Die Auswahl an Kuchen ist so groß wie die Fülle an Rezepten, die die Initiatorinnen mitgebracht haben.

(Foto: Mark Glassner)

So wie Doris Horvath. Die "Oma vom Dienst" hat früher in Spanien gelebt und dort als Englischlehrerin gearbeitet. "Ich war immer viel im Ausland", sagt sie, "aber viele meiner Verträge wurden in Österreich nicht anerkannt." Nun müsse sie mit einer sehr geringen Rente auskommen. "Der Job in der Vollpension gibt mir die Möglichkeit, überhaupt in Wien leben zu können", sagt Horvath. "Außerdem lerne ich viele junge Leute kennen und baue überschüssige Energie ab."

Im September 2019 eröffnete die Vollpension eine weitere Filiale, diesmal in der Musik- und Kunst-Privatuniversität in der Johannesgasse 4a im ersten Bezirk, ganz in der Nähe des Stephansdoms und der Oper. Insgesamt arbeiten 80 Personen aus 21 Nationen in dem Sozialunternehmen. Die Jüngsten sind 18 Jahre alt, die Ältesten 84. Sie stellen nicht nur Kuchen, sondern auch Klassiker wie Wiener Saftgulasch oder Linseneintopf her. Normalerweise können die Kunden die Back-Omis und -Opis durchs Schaufenster dabei beobachten, wie sie Eier aufschlagen, Teig kneten und in Kochtöpfen rühren. Normalerweise - also dann, wenn nicht gerade eine Pandemie die Welt lahmlegt.

Im März, noch vor den offiziellen Regierungsbeschlüssen, legte die Vollpension ihren Betrieb vorsorglich still. "Uns hat es besonders hart getroffen", erzählt Gesellschafterin Hanna Lux. "Wir hatten mit unserer neuen Filiale gerade erst expandiert und besitzen deshalb kaum Rücklagen. Ein großer Teil unseres Teams gehört zur Risikogruppe und kann nicht einmal Kurzarbeit anmelden, da es sich um Minijobs handelt." Die Einsamkeit von Seniorinnen und Senioren sei schon vor der Krise groß gewesen - gerade dagegen habe man mit der Vollpension ja ankämpfen wollen. "Jetzt haben wir das Problem doppelt und dreifach."

Das Café musste somit gleich zwei Probleme lösen: Die Omas und Opas weiterhin unterstützen - und dabei nicht pleitegehen. Um trotz der Geschäftsschließung an Geld zu kommen, startete der Betrieb eine Crowdfunding-Aktion, bei der laut Lux bisher 80 000 Euro zusammengekommen sind. Auf diese Weise habe man die Hälfte der Senioren normal weiterbezahlen können. "Wir haben das individuell besprochen", sagt Lux. Manche hätten freiwillig auf den Lohn verzichtet, da sie finanziell gut abgesichert seien und vor allem wegen der Geselligkeit in der Vollpension arbeiteten. Andere hingegen bräuchten jeden Cent.

Inzwischen arbeitet die Vollpension an einem Comeback. Seit dem 1. Juni ist die Filiale in der Schleifmühlgasse wieder geöffnet, allerdings nur als "Halbpension" mit der Hälfte der Tische. Die Back-Omas und Back-Opas werden nicht im Lokal sein, sondern in der zweiten, immer noch geschlossenen Filiale ihre Gerichte herstellen. "Das Risiko wäre sonst einfach zu groß", sagt Hanna Lux. Die Gäste wiederum müssen vorab online einen Tisch reservieren und ein bestimmtes Verzehrpaket buchen. Wer eine Stunde bleiben möchte, zahlt beispielsweise 9,90 Euro und erhält dafür ein Stück Kuchen sowie unbegrenzt viel Tee, Kaffee und Limonade. Diese Variante soll zunächst bis Mitte Juni getestet werden. Wie es danach weitergeht? "Keine Ahnung", räumt Hanna Lux ein. "Wir hoffen einfach, dass es klappt."

Am schwierigsten ist die Situation für die "Omas vom Dienst", die normalerweise persönlich die Gäste begrüßen - ein No-Go in Corona-Zeiten. "Ich verstehe, dass wir zu Hause bleiben müssen", sagt Doris Horvath, "aber natürlich fehlen mir die Späßchen mit den Kollegen." Um den Zusammenhalt zwischen Jung und Alt zumindest ein wenig aufrechtzuerhalten, tauscht sich die Belegschaft regelmäßig über Videokonferenzen aus. Auch beim Einkaufen gab es Unterstützung. "Wir überlegen gerade, wie wir die besondere Atmosphäre der Vollpension auch für die Gäste beibehalten können", sagt Horvath und berichtet von aufgenommenen Oma-Videos, die auf Tablets abgespielt werden könnten.

"Das sind erst einmal nur Ideen", sagt Horvath. Aber Ideen machen Mut. Sie selbst hofft, ab Juli wieder persönlich mit ihrer weißen Schürze und der funkelnden Libellenbrosche im Eingangsbereich stehen zu können. Falls nicht, will sie trotzdem nicht meckern. "Ich weiß mir meine Zeit schon selbst zu gestalten", sagt die 66-Jährige trotzig. "Und ich bin gesund. Das ist das doch Wichtigste."

Seit 1. Juni ist die Filiale in der Schleifmühlgasse 16 wieder geöffnet - nur mit halb so vielen Sitzplätzen. Mehrere U-Bahn-Stationen (Karlsplatz, Kettenbrückengasse, Taubstummengasse) befinden sich in der Nähe. Aktuelle Informationen und Reservierungen unter: www.vollpension.wien

© SZ vom 04.06.2020/ihe

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