Wien Krawuzi Kapuzi

Wer mit dem ORF sozialisiert wurde, verehrt Kasperl und Pezi. Heute gibt es beide auf Youtube. Aber am besten ist es immer noch im Urania-Puppentheater.

Von Hans Gasser

Alle, wirklich alle sind da. Vorsichtig nebeneinander gebettet in große Kartonschubladen, sortiert nach Berufsbild: Hier die Feen, dort die Könige und Prinzessinnen, und da drüben, gleich in mehreren Schubladen: die Hexen. Die liebe Knusperhexe, die hochnäsige Serafine, die üble Krumpeltrulla und die absolut böse Okultatia. "Kinder sind fasziniert von Hexen", sagt Manfred Müller, "weil das Böse sich nicht an Grenzen hält, ähnlich wie die Kinder selbst".

Müller muss es wissen. Denn Kinder, die Unterhaltung von Kindern, ist seit mehr als 40 Jahren sein Beruf, ach was: sein Leben. Müller, ein Mann mit kurzen weißen Haaren, glatt rasiertem Gesicht und einer äußerst angenehmen, tief gerauchten Stimme, ist Theaterdirektor des Urania Puppentheaters in Wien. Gerade steht er im Puppenarchiv, das in einem großen Raum seines Hauses in Trautmannsdorf bei Wien untergebracht ist. 460 Puppen lagern hier, die meisten hat Müller selbst gemacht, vom Schnitzen des Kopfs aus Linden- oder Zirbenholz über das Bemalen mit ausdrucksstarken Grimassen bis hin zum Nähen der prächtigen Gewänder. "Nojo", sagt Müller bescheiden in seinem feinen Wiener Duktus, "des hab i mir halt beigebracht". Dann holt er die zwei Hauptfiguren aus dem Karton: Kasperl und Pezi.

Für Menschen, die mit dem ORF-Fernsehen sozialisiert wurden, sind Kasperl und Pezi ungefähr das, was die Augsburger Puppenkiste in Deutschland ist, nur mit einer ordentlichen Portion Wiener Schmäh: für Kinder ein Kosmos, für Erwachsene Kult. Von 1957 bis 2002 lief im ORF jeden Mittwoch um 17 Uhr das Kasperltheater. Der "siebengescheite Kasperl" (Müller) und sein ideenreicher Freund mit der für Erwachsene unerträglich nasalen Stimme, der kleine Bär Pezi, erlebten dort ihre Abenteuer. Mal als Protagonisten in bekannten Märchen oder in ganz eigenen Geschichten, in denen sie zum Kaiser von China oder sogar bis zur Sonne reisen. Dann strukturierte der ORF sein Kinderprogramm neu und man befand, Müllers Geschichten seien nicht mehr "kasperllike".

Müller erzählt das ohne Gram und mit ein wenig Spott, schließlich hat er es trotz aller Rückschläge geschafft, sein Kasperltheater in die digitale Zeit zu retten, "ohne einen Euro Subvention". Heute hat das Kasperl eine Internetseite und einen Youtube-Kanal. Aber der Fix- und Höhepunkt ist immer noch die richtige Aufführung im Mittleren Saal der Urania. Die wurde 1910 als Volksbildungshaus mit Sternwarte direkt an den Donaukanal gebaut, ein längliches, schiffartiges Gebäude im Neobarock. Während der Saison zwischen Oktober und April werden sieben verschiedene Stücke aufgeführt, werktags gibt es eine Vorstellung, am Wochenende zwei.

Generationen von Wiener Kindern sind durch dieses Theater gegangen, das nach dem Zweiten Weltkrieg von den aus Böhmen vertriebenen Volksschullehrern Hans und Marianne Kraus gegründet wurde. Anfangs war es eine Sommerunterhaltung im Strandbad Gänsehäufel, seit 1950 ist das Theater permanent in der Urania. Müller ist 1974 eingestiegen und hat das Theater nach dem Tod der Gründer 1999 übernommen.

Er hat gleich mal mit dem pädagogischen Ansatz des Ehepaars Kraus gebrochen. "Erziehen müssen die Eltern, das Theater muss unterhalten und verzaubern", so Müller. Zudem habe er die Geschwindigkeit der Stücke an die heutigen Sehgewohnheiten der Kinder angepasst, die von Fernsehen und Internet geprägt sind. "Man braucht heute eine viel schnellere Folge von Spannung und Auflösung, schon Vierjährige sind vom iPad gewohnt, dass sie immer sofort ein Feedback kriegen", so Müller. Aber solange es sich "mit Herz und Hirn" anpasse, sei sein Theater nicht durch das Internet bedroht, im Gegenteil: "Es gibt ein Bedürfnis nach solch dreidimensionalen Erlebnissen wie einem Theaterbesuch." 34 000 Besucher kamen 2014. Zudem haben 1000 Gäste ein Abo. Schon die Hinfahrt sei etwas Besonderes, das Warten im Foyer, das Zahlen an der Kassa. Und wenn der Billeteur, von den Kindern nur Onkel Karl genannt, mal krank sei, erkundigten sie sich gleich nach ihm.

Und endlich geht der Vorhang auf, fünf Meter breit ist die goldgerahmte Bühne, links und rechts eine Kanzel, auf der Kasperl und Pezi immer am Anfang erscheinen. "Krawuzi Kapuzi" ist Pezis österreichweit bekannter Schlachtruf, von dem nicht mal der Theaterdirektor mehr weiß, wer ihn erfunden hat. Am Wochenende ist der Saal mit 260 Zuschauern oft ausverkauft. 60 Prozent Erwachsene, sagt der Theaterdirektor, denn ein Kind wird meist von Oma und Opa, oft auch noch von Mama oder Papa begleitet, die den Kasperl noch von früher kennen. Persiflagen, Anspielungen auf aktuelle politische Skandale, die nur die Erwachsenen verstehen, seien deshalb sehr wichtig, sagt Müller. Schließlich müssen auch die Erwachsenen gut unterhalten werden. So treten beim Urania-Kasperl immer wieder der Bürgermeister samt seiner sich mächtig aufspielenden Gattin sowie dem obersten Beamten Dr. Servatius auf. Der schleimt sich vorne rum ein ("Gschamster Diener"), gleichzeitig aber sägt er am Stuhl des Bürgermeisters. Nur die Putzfrau Rosl behält den Überblick und bleibt ehrlich: "Aans is gwiss: der Dokter spinnt!" Hier zeigen sich die Wurzeln der Kasperl-Figur, die ein direkter Nachfolger des Hanswurst aus dem Wiener Volkstheater ist: Die derb-komischen Stegreif-Stücke haben Ventilfunktion für die einfachen Leute.

Apropos Ventilfunktion. Die ist bei den heutigen Kindern auch von großer Bedeutung. Vor allem das Böse spielt da eine wichtige Rolle. Wenn ein Zauberer es gar zu wild treibt, wenn er Kasperl und Pezi in arge Bedrängnis bringt, da kann es schon mal sein, dass ein Kind ihn lauthals eine "Hurenpeitlsau" nennt, erzählt der Theaterdirektor. Überhaupt ist ja die Interaktion mit dem Publikum ein Wesensmerkmal des Kasperltheaters. Immer wieder werden die Kinder gefragt, nicht nur, ob sie alle da sind, sondern auch, was der Wolf mit dem Rotkäppchen in der letzten Szene gemacht hat, damit Kasperl und Pezi seine Schandtaten verhindern können.

Der Wolf wird zum Raubtier wider Willen: Die Großmutter verlangt, von ihm gefressen zu werden

Wobei der Wolf in Müllers Rotkäppchen-Adaption unfreiwillig zum Übeltäter wird. Er hat es nur auf den Kuchen der Großmutter abgesehen. Doch die fordert ihn dazu auf, ihr aus dem Märchenbuch vorzulesen und da steht, dass der Wolf sie mit einem Bissen verschluckt. "Blödsinn, der Grimm hat noch nie Universum geschaut", sagt der Wolf in Anspielung auf die ORF-Natursendung. Und die Oma fordert ihn sogleich zur Tat auf, im Dienst der Wissenschaft. Worauf ihm sehr schlecht wird. Und dann kommt Rotkäppchen und verlangt ebenfalls "geschluckt" zu werden, wie es im Buch steht. "Die a no!" jammert der Wolf. Am Ende retten Kasperl und Pezi den Wolf aus dem Brunnen.

Die Kinder finden das sehr lustig und brüllen, die Eltern schmunzeln. Aber es sei auch eine Anpassung an den Zeitgeist, sagt Müller. Die alte Diskussion, ob die grausamen Märchen den Kindern heute noch zuzumuten seien, dauere an: "Märchen kann ich nur noch zwei pro Spielzeit bringen."

Stattdessen verlangt das Publikum nach dem etwas trotteligen Drachen Dagobert, der spricht wie ein Zweijähriger und der alle mit seinem "Bussi-Bussi-Bussi" beglückt. Die Figur sei leider etwas eindimensional, sagt der Theaterdirektor, aber in der 65. Spielzeit, die im Oktober beginnt, ist der Drache in vier von sieben Stücken dabei. Das bereitet dem Direktor, so scheint es, ein bisschen Bauchgrimmen. Mit dem Dagobert sei es nämlich wie mit dem herrlichen Kaiserschmarrn der Tante Jolesch: "Als die auf dem Sterbebett gefragt wird, was dessen Geheimnis ist, sagt die Tante: ,Es gab immer zu wenig'."

Informationen: Die neue Spielzeit geht am 3. Oktober los, ein Ticket kostet 8 Euro, zur Urania mit der U1 bis Schwedenplatz, von dort fünf Minuten zu Fuß, www.kasperlundpezi.at