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Wien:Es lebe der Zentralbahnhof!

Immerhin fährt hier bereits die alte U-Bahnlinie 1 vorbei, die aber nach Ansicht der Planer als Zubringer nicht reichen wird. Denn die Zukunftsprognosen für den Personenverkehr schwanken zwischen realistischen 45000 Menschen pro Tag und phantastischen 140000. Viele von den Reisenden aber werden gar nicht aussteigen.

Die Vergangenheit: Der Wiener Nordbahnhof, erbaut 1858 bis 1865

(Foto: Foto: Ullstein)

Österreichs Bundesbahnen (ÖBB) sind dabei, die großen Strecken im Lande mit hohem Aufwand auszubauen. Zwar, so heißt es, werde das Alpenland wegen des schwierigen Geländes nie ein Hochgeschwindigkeitsland. Aber gen Westen, nach Innsbruck oder Bregenz, haben sich die Fahrzeiten schon erstaunlich verkürzt. Die Westbahn wird durch einen gewaltigen Tunnel unter dem Wienerwald und dem Lainzer Tiergarten hindurch in den neuen Bahnhof am Südrand der City geleitet.

Früher endete die Strecke im heute schon ziemlich heruntergekommenen und engen Westbahnhof. Dessen großer Hallenbau wird als Architekturdenkmal, sicher aber nicht als Verkehrsknoten überleben. Die Einfahrt in den Westbahnhof und die anschließende große Kurve über ein wackliges Umgehungsgleis auf die Süd- und Ostbahn kostete bislang mehr als eine Dreiviertelstunde Fahrzeit.

Es gab Zeiten, da funktionierte nicht einmal dieses Bahngleis der Südumgehung. Da stiegen die Reisenden beim Westbahnhof auf die Straßenbahnen oder ins Taxi um, um zum Südostbahnhof zu kommen für die Weiterreise nach Kaschau, Lemberg, Kiew, oder auch nur nach Bruck an der Leitha, an den Semmering oder den Neusiedlersee.

Schon kleine Verspätungen hatten für Weitreisende oft die missliche Folge, dass man eine unvorhergesehene Übernachtung einlegen musste. Noch heute ist das nicht selten, weil man bei späten Zügen zum Umsteigen nicht einfach das Gleis wechseln kann, sondern zu einem kilometerweit entfernten Bahnhof gelangen muss.

Der neue Zentralbahnhof liegt in der Nähe des alten Südbahnhofs, dessen ungemein schäbiger Bau mit dem venezianischen Marcus-Löwen in der Halle - hier gingen und gehen die Züge nach Norditalien ab - einen der kuriosesten Bahnhöfe der Welt bildet, einen Doppelkopfbahnhof: Es sind in Wahrheit zwei Bahnhöfe, im beinahe rechten Winkel sind die Enden von Südbahn und Ostbahn angeordnet.

Hier wird man auch die alte Nordbahn von Brünn und Prag einspeisen. Als einziger Kopfbahnhof wird der nördlich gelegene Franz-Josefs-Bahnhof bleiben. Seit der legendäre Vindobona, der ,,politische'' Zug zwischen Wien und dem einstigen DDR-amtlichen Ostberliner Zentralbahnhof Lichtenberg, hier nicht mehr einläuft und über Prag und Brünn geführt wird, hat die Franz-Josefs-Bahn nur noch regionale Bedeutung.

Heute noch sind die Mythen der Wiener Zugmisere beliebte Bestandteile von Reiseberichten und Stadtplanerklagen. Nicht mehr lange. Der Bau des neuen Wiener Zentralbahnhofs - 2013 soll er in Betrieb gehen - ist der mit Händen zu greifende, auf Schienen verlegte Wandel der Zeiten. Das austro-ungarische Imperium hat sein letztes Recht verloren, nämlich zumindest verkehrstechnisch Anfang und Ende allen Reisens in Mitteleuropa zu sein.

© SZ vom 20.06.2007

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