Musical "Wicked":Ein Märchen für heute

Premiere "Wicked"

Die Geschichte der grünen Hexe Elphaba , wie sie derzeit in Hamburg aufgeführt wird, verdient die Bezeichnung "Neuinszenierung" tatsächlich.

(Foto: Brinkhoff/Moegenburg)

Selbstbewusste Mädchen, ein Trump-ähnlicher Zauberer und Umweltschutz: In Hamburg wird der Kampf der grünen Hexe modern inszeniert.

Von Till Briegleb, Hamburg

Wer große amerikanische oder englische Musical-Produktionen in Deutschland herausbringt, hat eigentlich keine Lizenz zur Hexerei. Die Übernahme ist meist bis zu Inszenierungsdetails vertraglich vorgeschrieben. Ein bisschen Freiheit bei der Übersetzung und bei inhaltlichen Aspekten, die beim überseeischen Kulturtransfer unverständlich blieben, sind gestattet. Aber die meisten Erfolgsmusicals, die für den deutschen Markt adaptiert wurden, sahen ziemlich exakt so aus wie am Broadway oder im West End. Wegen "Tina", "Mamma Mia" oder "The Lion King" muss man nicht nach London oder New York reisen. Aber vielleicht wegen "Wicked" nach Hamburg.

Denn diese neue Version des Singmärchens von Regisseur Lindsay Posner über die grüne Hexe Elphaba und ihren Widerstand gegen das Regime des Zauberers von Oz, das in der Original-Broadway-Fassung ab 2007 bereits in Stuttgart und Oberhausen zu sehen war, verdient die Bezeichnung "Neuinszenierung" wirklich.

Statt Zahnradstadt, Maisfeld und Blockhütte im amerikanischen Nostalgiestil hat der Bühnenbildner Jon Bausor nun Hochhauskulissen, Überwachungszentrale und einen Hurrikan aus Brettern, Kuh und Hausrat als Bühnenportal entworfen. Die ursprünglichen Rüschenkostüme im Stil des 19. Jahrhunderts sind bei dem Kostümbildner Moritz Junge nun grellgrünen Uniformen gewichen, die von tyrannischer Gleichschaltung erzählen. Und der böse Zauberer versteckt sich hinter einer Präsidenten-Fratze, die stark an den abgewählten Albtraum aus dem Weißen Haus erinnert.

Premiere "Wicked"

Grellgrüne Uniformen statt Rüschenkostümen: "Wicked" in Hamburg verabschiedet sich vom Nostalgiestil.

(Foto: Brinkhoff/Moegenburg)

In diesem Stil kritischer Aufrüstung ist der gesamte Stoff aufgeladen mit politischen Gegenwartsbezügen, von Rassismus- und Diskriminierungsaspekten über Tierschutz und destruktive Wetterphänomene bis zum Gendern. Und trotzdem ist diese Bühnenzauberei, die am 5. September diesen Jahres umjubelte Premiere im Neuen Flora-Theater von Stage Entertainment in Altona hatte, vielleicht noch mehr Spektakel als die Ur-Version.

In atemberaubender Schlagzahl verwandeln sich die Kulissen in faszinierende Räume, Zitate aus dem Science-Fiction-Genre von "Metropolis" bis "Tron" schaffen neue Assoziationen, und mit besonderen Effekten digitaler wie mechanischer Art entlockt die etwa zehn Millionen Euro teure Neuproduktion selbst den emsigsten Musical-Fans spontane Laute der Entzückung.

Nostalgische Einwände vermissen in dieser Erzählung über selbstbewusste Mädchen und ihren Kampf gegen eine manipulative Diktatur zwar das Märchenhafte und die Magie der alten Version. Aber für eine moderne Gesellschaft, die ein paar Wunder braucht um ihre Konflikte mit den grünen Themen Umwelt und Gleichberechtigung zu lösen, kommt dieser unterhaltsame Wirbelsturm der Showeffekte und schönen Lieder gerade wegen seiner kritischen Töne genau richtig. Und auch die Moral stimmt: Grün ist nämlich gar nicht böse. Kann aber fliegen. Was will man mehr.

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