Westafrika:Seepferdchen mit Herzinfarkt

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Sao Tomé und Principe gelten selbst unter Globetrottern als Geheimtipp. Bislang störten nur herunterfallende Kokosnüsse. Doch nun bedroht ein Ölvorkommen vor der Küste das Idyll.

Tiefblau und kristallklar ist das Wasser. Wie in einem riesigen Aquarium fühlt man sich, wenn tausende bunte Fische in den Korallenbänken vor der Küste Sao Tomés beim Tauchen an einem vorbeischwärmen.

Spielende Kinder am Strand von Sao Tomé und Principe. (Foto: Foto: AP)

Jean-Louis Testori streckt die Hand aus, ein winziges Seepferdchen schwimmt hinein. "Man darf nie danach schnappen", erklärt der Franzose später. "Sie geraten sonst in Stress und könnten einen Herzschlag bekommen."

Ruhe, kein Stress - zwei Stichwörter, die geradezu das Motto für das Leben auf den palmenumsäumten Inseln Sao Tomé und Principe sind.

Hier gibt es keinen Massentourismus, keinen Terrorismus und keinen Verkehr. Bislang jedenfalls nicht. Die größte Gefahr, so hat es den Anschein, geht auf Sao Tomé von den Palmen aus: Jedenfalls warnt ein Schild in einem der Hotels vor den fallenden Kokosnüssen in der Nähe des Pools.

Wild und jungfräulich

Flugverbindungen zu dem abgelegenen Inselstaat gibt es nur wenige. Für die Besucher, die trotzdem den Weg hierher gefunden haben, macht genau diese Abgeschiedenheit den Reiz der Insel aus. "Es ist ein Land ohne Touristen", schwärmt der Franzose Jean-Pierre Elophe beim Cocktail, den Blick auf die Bucht zu seinen Füßen gerichtet.

"Es ist wild, jungfräulich", pflichtet ihm seine Frau Martine bei und sucht nach dem richtigen Ausdruck. Schließlich hat sie das treffende Wort gefunden: "Es ist Zen."

Mit der beschaulichen Ruhe könnte es aber bald vorbei sein. Vor den Küsten der beiden Vulkaninseln Sao Tomé und Principe werden Milliarden von Barrel Rohöl im Meeresboden vermutet. Dem idyllische Inselstaat könnten deshalb dramatische Umwälzungen bevorstehen. Erste Bohrrechte wurden Anfang des Jahres an die US-Konzerne Chevron und Exxon verkauft.

Noch aber stößt der Globetrotter auf verwirrte Blicke, berichtet er von Sao Tomé. Selbst in Reisebüros kennt kaum jemand den Ort, der es selten in die internationalen Nachrichten schafft - und in Reiseprospekte schon gar nicht.

"Die erste Frage, die Leute üblicherweise stellen, lautet: Wo liegt das denn. Und die zweite: Was macht man da", erzählt Testori, der vor drei Jahren ein Sportgeschäft auf der Insel eröffnet hat.

Der Inselstaat Sao Tomé und Principe liegt rund 200 Kilometer vor der Küste Westafrikas im Golf von Guinea. Rund 150.000 Menschen leben hier, die überwiegende Mehrheit auf der Hauptinsel Sao Tomé.

Blaue Lagune und ein Höllenschlund

Die Insel wurde im 15. Jahrhundert von portugiesischen Seefahrern in Besitz genommen. Die Portugiesen machten die Insel im Lauf der nächsten Jahrhunderte mit Hilfe afrikanischer Sklaven zu einem Zentrum des Zuckerrohranbaus. Später wurden Kakao- und Kaffeeplantagen angelegt. Sao Tomé und Principe erhielten den Beinamen "die Schokoladeninseln".

1975 wurde der Inselstaat unabhängig. Seitdem hat sich nicht viel verändert. Die meisten Bewohner sind arm. Fische und Meeresfrüchte gibt es aber im Überfluss, und das Leben auf den Insel erscheint verführerisch idyllisch.

Fischer fahren mit ihren Kanus auf die sandigen Strände und verkaufen ihren Fang direkt. Touristen, die selbst fischen wollen, können in den meisten größeren Hotels Angeltouren buchen und versuchen, einen Marlin oder Segelfisch aus dem Meer zu ziehen. Für Schnorchler ist die Lagoa Azul, die "blaue Lagune", ein guter Tipp.

Auf wanderlustige Urlauber wartet die Tour zum Pico de Sao Tomé. Der schlafende Vulkan ist 2.024 Meter hoch.

Vor der Küste von Sao Tomé und Principe wurde Öl entdeckt: das Ende des Inselreichs? (Foto: Foto: AP)

Wer die Insel mit dem Boot oder dem Auto erkundet, kommt am Boca de Inferno vorbei, dem "Höllenschlund", einem Felsenloch an der Küste, durch das mächtige Wellen in die Höhe gejagt werden.

Minister auf dem Motorrad

Die Straßen an der Küsten entlang sind wundervoll und winden sich an Palmen vorbei, die über schwarz-und-weiße Sandstrände hängen. Kaffee- und Kakaoplantagen steigen üppige Hügel empor, die ab und zu vom Nebeldunst eines Wasserfalls unterbrochen werden.

Es ist bemerkenswert, wie entspannt das Leben auf Sao Tome ist. Der Außenminister beispielsweise kurvt allein auf einem Motorrad die Straße entlang - keine Spur von einem Leibwächter. Ernste Straftaten sind selten, Polizisten und Waffen noch seltener.

Die Strände sind bislang von Hotelanlagen verschont geblieben. Im vergangenen Jahrzehnt pendelte die Besucherzahl um rund 6.000 Urlauber und Geschäftsreisende pro Jahr, wie Manuela Lima Rita vom Tourismusministerium mitteilt. Bis zum Jahr 2010 soll sich diese Zahl aber mit Hilfe einer Werbekampagne und neuer Hotelprojekte auf 25.000 Besucher im Jahr mehr als vervierfachen.

"Das ist ein Risiko", räumt sie ein. "Wir sind klein und wollen nicht überrannt werden. Deshalb werden wir selektiv vorgehen. Massentourismus wird es keinen geben."

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