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Weltreise:"Einmal hatten wir zehn Platten hintereinander"

Drei Jahre waren Elis Martinelli und Lukas Werner unterwegs: 21 000 Kilometer mit dem Rad, 5000 Seemeilen mit dem Segelschiff. Dann kam Corona.

Interview von Stefan Fischer

Das Segelboot, mit dem Elis Martinelli und Lukas Werner (beide 26) per Anhalter von Thailand nach Zypern gesegelt sind, trägt den Namen Complexity. Passend, denn die fünfmonatige Heimfahrt der beiden Biologie-Studenten wurde durch die Corona-Pandemie zu einer unerwartet komplizierten Angelegenheit. Und das nach einer 21 000 Kilometer langen Fahrradreise, zu der sie im April 2017 aufgebrochen waren, und die sie über Osteuropa nach Zentralasien bis in den Westen Chinas und nach Singapur geführt hatte.

Frau Martinelli, Herr Werner, Ihre Reise hat ein unerwartetes Ende genommen. Hat Sie das nach den zweieinhalb Jahren noch überrascht?

Lukas Werner: Von Anfang an haben wir uns treiben lassen und nie länger im Voraus geplant. Wir sind Spontaneität und Überraschungen gewohnt. Und die Bootsreise war eben auch ganz anders, als wir gedacht hatten.

Wie hätte sie denn sein sollen?

Elis Martinelli: Wir wollten in Eritrea und Sudan ankern und uns beide Länder ansehen. Weil wir nicht an Land durften und auf elf Meter Boot beschränkt waren, wurde uns die Freiheit genommen, die wir zwei Jahre lang auf dem Fahrrad hatten. Corona hat die Reise stressiger gemacht.

Lukas Werner: Aber auch abenteuerlicher.

Hatten Sie je das Gefühl, dass die Versorgungslage auf dem Schiff prekär wird?

Lukas Werner: In Dschibuti Anfang März war schon abzusehen, was auf uns zukommen könnte. Schon dort durften wir zwischendurch nicht an Land. Als es einmal erlaubt wurde, haben wir das Boot so vollgepackt wie möglich mit Lebensmitteln.

Elis Martinelli: Wir sind dann auch im Konvoi durchs Rote Meer gesegelt mit vier weiteren Booten. So konnten wir uns gegenseitig helfen. Wenn einer Besatzung etwas ausgegangen ist, hatten die anderen meistens noch etwas davon. Da hat sich eine richtige Gemeinschaft gebildet.

War das von Anfang an der Plan: Hin mit dem Rad, zurück in einem Boot?

Lukas Werner: Das war anfangs mehr ein Traum. In China haben wir dann jedoch einen anderen Reisenden getroffen, der schon öfter auf Segelbooten angeheuert hatte. Der hat uns ermuntert und entsprechende Webseiten empfohlen. Das haben wir ausprobiert, und ein sehr nettes amerikanisches Segler-Ehepaar hat uns mitgenommen. Wir kamen letztlich nur bis Zypern, von wo wir Anfang Juni heimgeflogen sind. Eigentlich wollten wir bis nach Griechenland oder Italien segeln, aber Amerikaner dürfen dort nicht einreisen.

Wie frei konnten Sie sich mit Ihren Fahrrädern tatsächlich bewegen?

Elis Martinelli: Grundsätzlich hat man mit einem deutschen Pass viele Freiheiten. Das erste schwierigere Land war Iran, wir brauchten eine Einladung, um einreisen zu können. Durch Zentralasien mussten wir uns ein bisschen beeilen. Das Visum gilt immer nur für 30 oder 40 Tage, und das sind zum Teil keine kleinen Länder.

Gab es auf der Reise Menschen, denen Sie immer wieder begegnet sind?

Lukas Werner: Total viele. In Zentralasien gibt es wenige geeignete Straßen, deswegen fahren alle auf denselben. Aber es gab auch bewusste Entscheidungen: In Istanbul haben wir einen guten Freund kennengelernt, mit ihm sind wir durch die Türkei geradelt. Weil er Engländer ist, durfte er nicht nach Iran. Danach haben wir uns in Armenien wieder getroffen und sind zusammen bis nach Kirgisistan gefahren.

Hat Sie das irritiert, dass Sie als Individualreisende dann doch wieder in einer Herde unterwegs waren?

Lukas Werner: Ich fand es schon verblüffend, dass es so viele Leute gibt, die das auch machen. Wir waren zum Beispiel in einer Whatsappgruppe mit 250 anderen Radreisenden.

Elis Martinelli: In gewissen Situationen war es schön, mit anderen zusammen zu sein. In Zentralasien gibt es kaum Ersatzteile, da ist es erforderlich, sich gegenseitig zu helfen. Außerdem ist es wichtig, immer wieder mit anderen Leuten zu reden, nicht nur mit dem eigenen Partner.

Das sind aber alles Menschen aus der westlichen Welt?

Lukas Werner: Lange Asientouren unternehmen überwiegend Europäer. Aber wir sind auch ein Stück mit einem Iraner gefahren. Und viele Chinesen fahren Touren, aber eben nur in China. In Thailand haben wir Leute von einem Radklub getroffen, die viel in Südostasien unterwegs sind.

Wie haben die Einheimischen auf Sie reagiert?

Lukas Werner: In Iran haben wir große Gastfreundschaft erlebt, die Menschen waren sehr aufgeschlossen und neugierig. In Laos sind wir uns wie Aliens vorgekommen, in Thailand nicht weiter aufgefallen.

Elis Martinelli: Wenn wir mit dem Fahrrad unterwegs waren, haben uns die Leute fast überall freundlich behandelt. Wir haben immer versucht, ein paar Brocken der Landessprache zu lernen. In Südostasien sind die Sprachen für uns aber richtig schwer. Wenn die Menschen verstanden haben, was wir sagen wollen, haben sie uns immer korrigiert - für uns klang das alles gleich. Und sobald wir zwischendurch die Räder mal stehen gelassen haben und wie Backpacker losgezogen sind, haben wir gemerkt, dass wir nicht mehr als Reisende, sondern als Touristen angesehen werden, denen man etwas verkaufen kann.

Wo haben Sie übernachtet?

Elis Martinelli: Wir haben hauptsächlich gecampt, Hostels nur sehr selten genutzt. Ab und zu waren wir in einem Homestay, das ist sehr schön, weil man mit den Gastgebern zusammenlebt und an ihrem Alltag teilnimmt. In Zentralasien mussten wir uns ab und zu offiziell in einer Unterkunft registrieren. Da sind wir stets in eine Art Motel gegangen, wo die Trucker übernachten - sehr untouristisch!

Sind Sie mit den Fernfahrern in Kontakt gekommen?

Lukas Werner: Sprachlich ist das oft begrenzt, aber wir haben uns immer mit Händen und Füßen verständigen können. Vor allem unterwegs waren die Truckfahrer sehr hilfreich. Einmal hatten wir zehn Platten hintereinander, Flickzeug und Schläuche sind uns ausgegangen. Da sind wir per Anhalter mit Trucks in die nächste Stadt gefahren. In Tadschikistan gibt es den "Tunnel of Doom", ein unbeleuchteter Tunnel, mit Schlaglöchern und sehr eng. Der ist berüchtigt unter Radreisenden, manche fahren durch, aber die meisten strecken den Daumen raus. Ein bisschen mit den Fahrern zu quatschen, war immer interessant.

Wie viel kriegt man auf so einer Reise mit von den sozialen und politischen Konflikten in einem Land?

Elis Martinelli: Einiges, vor allem in Gegenden, die nicht touristisch sind. In der chinesischen Provinz Xinjiang haben wir mit eigenen Augen gesehen, wie die Uiguren behandelt werden. Das ist eindeutiger, sichtbarer Rassismus. In Kaschgar durften sich die Han-Chinesen und auch wir frei bewegen. Die Uiguren unterdessen hatten eine ID-Card und mussten an jeder Straßeneinmündung durch einen Scanner laufen, es gab Kameras überall.

Lukas Werner: Früh morgens haben wir immer eine Trillerpfeife gehört, dann mussten sich alle Uiguren vor ihren Geschäften und Häusern aufstellen und wurden abgeschritten. Wenn jemand nicht da war, ist er offenkundig bestraft worden.

Wie fühlt sich das an, wenn die eigene Weltoffenheit an der Realität zerschellt?

Lukas Werner: Das war tatsächlich der krasseste Kulturschock.

Elis Martinelli: Einige Leute sagen, man darf da gar nicht hin, weil man sonst das Regime unterstützt. Wenn man aber so anfängt zu denken, darf man nirgends hin, weil in allen Ländern Dinge passieren, deretwegen man sie eigentlich meiden müsste. Ich fand es wichtig, dass wir das gesehen haben. Und gleichzeitig sehr bedrückend.

Ihre Erlebnisse in den Volunteer-Projekten waren vermutlich ermutigender.

Elis Martinelli: Klar. Bevor wir mit dem Master beginnen, wollten wir herausfinden, welche Richtung wir in der Biologie einschlagen sollen. Wir haben in Rumänien geholfen, Wisente auszuwildern und in Südostasien bei verschiedenen Schutz- und Rescue-Projekten mitgearbeitet. Da ging es um den Schutz bedrohter Arten wie Schildkröten und Gibbons und um Wiederaufforstung. Sie haben uns dazu gebracht, dass wir jetzt im Bereich Naturschutz und Biodiversität weiterstudieren wollen.

Elis Martinelli und Lukas Werner haben ihre Reise auf dem Blog follow-the-sunrise.webs.com dokumentiert. Dort geht es auch um die Umweltschutzprojekte, bei denen sich die beiden engagieren.

© SZ vom 20.08.2020/edi
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