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Welt-Geschichten:Mitten in... Absurdistan (II)

Vergebliches Warten auf den Dalai Lama, Schwitzen in Japan und die Tücken afrikanischer Märkte: SZ-Korrespondenten berichten Kurioses aus aller Welt - eine ganz besondere Bildergalerie.

39 Bilder

Mitten in... Buenos Aires

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Mitten in... Buenos Aires

Allen Betroffenen nachträglich noch mal herzlichen Glückwunsch: Gestern war in Argentinien der "Tag der Tante". Am Mittwoch war der "Tag der Sekretärin", am Dienstag folgt der "Tag des Lehrers". Im September steht unter anderem auch noch der "Tag des Freundes", im Sinn von Geliebten, sowie der "Tag des Übersetzers" an. Alles in allem gibt es in diesem Jahr 91 argentinische Ehrentage, wenn wir uns nicht verrechnet haben, es begann mit dem "Tag des Fotografen" am 5. Januar.

Gehuldigt wird und wurde neben vielen anderen außerdem dem "Bierbrauer" (19. Januar), dem "Bildhauer" (6. März), dem "Reisevermittler" (27. April), dem "Fußballer" (20. Mai), dem "Anspruch auf die Malvinas" (10. Juni), zu Englisch Falklands, dem "Großvater" (17. August), dem "Zollbeamten" (20. August), dem "Sportjournalisten" (7. November). Alles Gute!

(Peter Burghardt / SZ vom 8.9.2007)

Foto: iStock

Mitten in... Lingshed

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Mitten in... Lingshed

Der Ort Lingshed in Nordindien ist nur per Helikopter oder zu Fuß erreichbar, weshalb kein Einheimischer die Himalaja-Siedlung einfach so besuchen würde. Doch als sich kürzlich seine Heiligkeit der Dalai Lama angekündigt hatte, quälten sich seinetwegen alte Menschen über 5000 Meter hohe Pässe.

Einer schleppte seine behinderte Mutter, ein 80-Jähriger Mann erklärte drei Tage vor des Dalai Lamas Ankunft, dass er noch drei Tage durchhalten müsse. Danach könne er dann getrost sterben.

Am Vorabend des heiß ersehnten Besuchs wurde im Radio verkündet, dass der Dalai Lama nicht kommen könne. Der Koch ließ wortlos den Teig fallen, die Mönche klagten und 3000 Menschen trauerten. "Es hieß nur, dass kein Helikopter für ihn verfügbar sei. Eine Schande ist das", ärgert sich Tashi, der Dorflehrer. "Sogar die Schäfer, die sonst nur hinter den Mädels her sind, haben geweint."

(Dominik Prantl / SZ vom 1.9.2007)

Foto: Reuters

Mitten in... Ontario

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Mitten in... Ontario

Nach dem Willen von Laurel Broten, Umweltministerin der kanadischen Provinz Ontario, sollen die Besitzer Benzin sparender Autos in Zukunft umsonst parken und die für Fahrzeuge mit mehreren Insassen reservierten Sonderspuren benutzen dürfen. Berechtigen dazu soll sie ein grünes Nummernschild, das sie als Öko-Automobilisten ausweist. Nun planen aber mehrere US-Bundesstaaten zurzeit, verurteilten Sexualstraftätern per Gesetz grüne Nummernschilder aufzuzwingen. Darunter sind Ohio und Wisconsin, beide wenige Autostunden von Ontario entfernt. Daher kritisiert die Opposition Brotens Plan: Umweltbewusste Kanadier könnten sich in den USA einem Mob gegenüber sehen, fürchten sie. Die Ministerin ist unbeirrt und glaubt an das differenzierte Urteil der Nachbarn im Süden. Ontarios Schilder sollen einen eigenen Grünton tragen, sie selbst würde damit unbesorgt nach Ohio fahren.

(Christopher Schrader / SZ vom 1.9.2007)

Foto: oh

Mitten in... Verona

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Mitten in... Verona

Die ersten, fetten Tropfen fallen um viertel nach sieben, gerade, als wir es uns auf den Steinstufen der Arena von Verona, nun ja, nennen wir es mal: gemütlich gemacht haben. Sofort sind die ragazzi da, Studenten, die sich die Kasse aufbessern. "Impermeabile! Nur fünf Euro!", rufen sie.

Irgendwie kostet alles fünf Euro in der Arena. Das Libretto, die Cola, der Regenmantel. Beziehungsweise das, was sich Regenmantel nennt. In Wirklichkeit haben wir einen Müllsack erstanden, immerhin mit Kapuze, die dem Träger etwas Zwergenhaftes verleiht. Impermeabile heißt: undurchdringlich - aber das ist in diesem Fall nicht ganz die Wahrheit.

Auf der Bühne wischt die Putzkolonne mit überdimensionierten Klorollen umher. Vergeblich, denn es schüttet und schüttet. Nach drei tropfnassen Stunden erklingt eine Stimme aus dem Lautsprecher: "Wir können Ihnen nicht sagen, ob wir noch zu spielen anfangen. Wir warten auf den Wetterbericht."

(Nadeschda Scharfenberg / SZ vom 1.9.2007)

Foto: AP

Wiener Schnitzel

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Mitten in ... Wien

Erst kommt das Fressen, dann die Moral, sagt Brecht. Das bewahrheitet sich tagtäglich in Wien, im Tunnel zwischen dem U-Bahnhof Karlsplatz und dem Kunstpavillon Secession. Hier trifft man stets auf Trauben kichernder Menschen vor einer Spiegelfläche mit einer fortlaufenden digitalen Ziffer. Sie nennt die Zahl der Schnitzel, die seit Jahresbeginn in Wien verdrückt worden sind.

Der von dem Kanadier Ken Lum gestaltete Kunstkanal rechnet ebenfalls Kriegstote, Landminenopfer, unterernährte Kinder, Welt-Rüstungsausgaben, die Ausbreitung der Wüsten, den Müllanfall in Österreichs Hauptstadt und noch mehr vor.

Das interessiert nicht, nicht einmal wie viele Liebespaare sich mutmaßlich gerade in Wien aufhalten. Alle eilen vorbei - und halten nur vor dem Wienerschnitzel-Appetit inne. Der bewegt sich gerade auf 13,5 Millionen zu.

(Michael Frank/SZ vom 25.8.2007)

(Foto: Rumpf)

Rad

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Mitten in ... Barcelona

Die Zahl der Radfahrer in Barcelona ist exponentiell gestiegen, man mag es kaum glauben. Vor zehn Jahren waren es gerade einmal 7300 Menschen täglich, die ihr Leben auf zwei Rädern riskierten; mittlerweile sind es fast 50.000, die schwankende Zahl der Nutzer von 86.000 Mieträdern nicht eingerechnet.

Bislang genossen die Radler ein Stadium völliger Gesetzlosigkeit, seit Freitag ist das anders. Da nämlich trat eine Verordnung in Kraft, die das Recht des Stärkeren durch das des Schwächeren ersetzt.

Weil sich die Logik nicht jedem erschließt, wurden 140.000 Merkblätter gedruckt: Verboten ist, Bürgersteige zu befahren, die weniger als fünf Meter breit sind; ebenso, das Rad an eine Ampel zu ketten oder die Busspur zu benützen. Ein paar Tage Toleranz dürfen die Verkehrspolizisten noch walten lassen, dann gibt es Strafzettel.

(Javier Cáceres/SZ vom 25.8.2007)

(Foto: AP, Bislang hatten Spanier Fahrräder nicht so gern, ein altes Rad in der Dürre bei Alcora)

Riga

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Mitten in ... Riga

Die Straßenbahn zuckelt gerade los, als ein alter Mann, auch er ein Fahrgast, auf Deutsch fragt: "Sind Sie zum ersten Mal in Riga?" - "Nein", aber die Antwort ist ihm ohnehin nicht wichtig. "Da vorn ist die Universität", sagt er und deutet auf die Universität. "Hier in dem Gebäude war früher die Post", fährt er fort, "und dort ist die Nationaloper, das alte Deutsche Theater."

82 Jahre alt sei er und in Riga geboren. Aber 1939 habe er mit seiner Familie aussiedeln müssen, erzählt er. Und heute? Lebt er noch immer in Deutschland, aber nach Riga kommt er seit der Unabhängigkeit Lettlands jedes Jahr. Als Tourist. Als Heimkehrer. Ein bisschen auch als Fremdenführer.

Das alte Haus? - "Wir hatten eine Achtzimmer-Wohnung, da leben jetzt junge lettische Familien drin", die habe er mal besucht. Dann zeigt er schon wieder auf das nächste Gebäude.

(Frank Nienhuysen/SZ vom 25.8.2007)

(Foto: AP)

Tittmoning

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Mitten in ... Tittmoning

Die Bewerbungsunterlagen gibt es bei Schreibwaren Schuster, in der Volks- und Raiffeisenbank am Stadtplatz und bei der Bäckerei Bichler, und sie gehen weg wie warme Semmeln.

Es ist nämlich so: "Jeder will dabei sein, wenn wir unsere Identität suchen", sagt Dietmar Cremer, der Bürgermeister. In dem südostoberbayerischen Städtchen ist das Casting-Fieber ausgebrochen.

Die Tittmoninger wollen Super-Tittmoninger werden. Gleich am Anfang meldete sich das Ehepaar Heiß, das gerade seinen 60. Hochzeitstag beging. Kinder hüpfen singend durch die Straßen, weil sie sich aufs Casting vorbereiten.

Was für ein Konkurrenzkampf! Mehr als 300 Leute haben sich schon beworben. Die Sieger zieren das neue Logo der Stadt und dürfen im Tittmoning-Film mitspielen. Die Verlierer müssen sich damit identifizieren - ob sie wollen oder nicht.

(Rudolf Neumaier/SZ vom 25.8.2007)

(Foto: AP, Goaslschnalzer aus Tittmoning)

Mitten in... Kairo

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Mitten in ... Kairo

Zoos dienen der Unterhaltung und der Arterhaltung. Anders in Kairo: Dort schlachtete ein finanziell klammer Metzger nachts zwei seltene Kamele. Der Mann konnte nicht einmal das Taxi bezahlen, also entschädigte er den Fahrer mit zwei Kamelsteaks und gab ihm seine Telefonnummer für den Fall, dass "noch mehr billiges und frisches Fleisch" gewünscht werde.

Der Fahrer, Vegetarier oder Artenschützer, zeigte den Mann an. Das ist gut so: Sonst könnte man vielleicht bald frisches Krokodilfleisch beim Metzger kaufen. Im Zoo gibt es neuerdings Dutzende Jungkrokodile, die der Zoll bei der verbotenen Ausfuhr sicher gestellt hat; der Zoo weiß nicht, wohin mit den Echsen. Wenn aber einer im Gehege zwei Kamele schlachten kann, ohne dass es der Nachtwächter hört, muss befürchtet werden, dass auch im Fall der Krokodile der Metzger um Hilfe gebeten würde: Not leidende Schlachter gibt es in Kairo genug.

(Tomas Avenarius / SZ vom 18.8.2007)

Foto: dpa

Mitten in... Amsterdam

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Mitten in ... Amsterdam

Wer als Besucher am Amsterdamer Hauptbahnhof ankommt, um mit dem Taxi zu seinem Hotel gefahren zu werden, erlebt die erste große Überraschung: Er muss laufen. Die Taxifahrer weigern sich, Fahrten unter zehn Euro auszuführen. Auch wer viele Koffer mit sich herumschleppt, hat keine Chance. Manche der marokkanischen Fahrer nehmen außerdem keine Kunden mit Hunden mit, weil sie diese Tiere als unrein betrachten. Kurzum: Seit Jahren ist der städtische Taximarkt ein Chaos und Ärgernis - und keine Macht des Landes konnte bisher an diesem Zustand etwas ändern. Oder doch?

Ein findiger Unternehmer hat nun bunte dreirädrige Motorrikschas importiert, wie man sie als Tourist aus Bangkok kennt. Die roten und gelben Wägelchen, wegen ihres pumpenden Zweitaktmotors Tuktuk genannt, befördern seit diesem Sommer alle Fahrgäste ins Zentrum der Grachtenstadt. Und das bereits für 3,50 Euro. Sogar einen Hund darf man mitnehmen.

(Siggi Weidemann / SZ vom 18.8.2007)

Foto: dpa

Mitten in... Tokio

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Mitten in ... Tokio

Schwitzen lässt sich im japanischen Sommer nicht vermeiden. Auch dann nicht, wenn man, wie von Ex-Premier Koizumi eingeführt, keine Krawatte tragen muss. Shinzo Abe, der gegenwärtige Premier, hat diese Koizumi-Reform beibehalten. An besonders heißen Tagen darf der Hemdkragen offen bleiben. Selbst in der Regierung. Vielleicht, meinte neulich der Kommentator einer Zeitung, wird das Ende der Krawatte Koizumis nachhaltigste Reform bleiben. Das ist wohl zu optimistisch.

Außerdem läuft der Schweiß auch bei offenem Hemd. Gegen die Hitze ist nun mal jeder machtlos - und deshalb hat praktisch jeder ein Schwitztuch dabei: ein kleines Frotteetuch; zuhause hätten wir gesagt, einen Waschlappen. Den trägt man, akkurat gefaltet in der Hosentasche oder Mappe mit. Wischt sich den Schweiß von der Stirn und faltet das Tuch wieder. Das gehört in Japan zum Benimm.

(Christoph Neidhart / SZ vom 18.8.2007)

Foto: ddp

Mitten in... Brasilien, dpa

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Mitten in ... Brasilien

Neulich habe ich mal wieder in Brasilien vorbeigeschaut. Brasilien liegt direkt neben Kalifornien, beide sind Ortsteile von Schönberg bei Kiel. 24217 Brasilien, Ostseeküste.

Mein Brasilien erkennen Sie daran, dass hier Leute mit Daunenanorak in der Hängematte liegen. Am dritten Urlaubstag haben wir 13 Grad gemessen. 13 Grad. Was ich an den Brasilianern schätze, ist ihre unaufgeregte Schönwetterlaune (Waldbrände? Nicht bei uns!).

Die Hausfrau: "Praktisch. Hier schimmelt die Marmelade auch außerhalb des Kühlschranks nie." Die Mutter: "Super, so kriegt der Kleine keinen Sonnenbrand." Die Badende: "Toll. Den ganzen Strand für uns allein." Die Lokalzeitung: "Ideales Museumswetter". Mein Favorit? Der Wetterprophet nach prüfendem Blick auf die etwa 30 Zentimeter über dem Boden segelnden Schwalbe: "Da ist noch Luft." (Kai Strittmatter/SZ vom 11./12.8.2007) Foto: dpa

Mitten in... München, ddp

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Mitten in ... München

Das Paradies sieht schmierig aus: Fünf rauchende Männer hängen am Kundentresen, und aus dem Lautsprecher brummen die Bässe. Die Schaufenster sind wie mit Nikotin eingeseift, auf dem Boden liegt der Splitt des letzten Winters. Lauter als die Bässe ist nur das "Klonk" der Bierflaschen, die rhythmisch zum stampfenden Sound der Amon Düül aneinanderstoßen.

Kein vernünftiger Mensch käme darauf, diesen Laden aufzusuchen. Aber die, die hier sind, sind nicht vernünftig. Es sind Jäger nach dem schwarzen Gold, Süchtige des Rillenglücks, mit anderen Worten: Schallplattensammler - und die geben alles, um vom Inhaber eine Rarität zu ergattern. Davon gibt es hier viele, doch nicht der Geldbeutel entscheidet über den Verkauf. Im Paradies zählen andere Werte: die Treue zum Inhaber, die Liebe zur Rockmusik, die die fünf am Tresen verbindet. (Marc Hoch/SZ vom 11./12.8.2007) Foto: ddp

Mitten in... Bujumbura, Reuters

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Mitten in ... Bujumbura

Nach der langen Fahrt kommt der Markt in der Hauptstadt Bujumbura gerade recht. Wir wollen Orangen und Bananen kaufen. Der Chauffeur Martin und Pfarrer Raphaël, beide Burunder, verhandeln in der Landessprache Kirundi mit den Marktfrauen. Sie schütteln den Kopf, laufen von Stand zu Stand.

Plötzlich sagt Raphaël: "Du verdirbst das Geschäft mit deiner weißen Haut. Das Obst kostet das Doppelte." Es ist ihm peinlich, dass seine Landsleute die reichen Europäer schröpfen. Also verschwinde ich hinter einem Bus. Zu spät. Die Kunde von der Weißen hat die Runde auf dem Markt gemacht. Raphaël bezahlt etwas verärgert den Aufpreis.

Ich schlage vor, mich das nächste Mal schwarz anzumalen. Da lacht er: "Ich kaufe die Farbe vorher aber alleine!" Anschließend essen wir Obst im Hotelgarten und erörtern die afrikanische Farbenlehre. (Judith Raupp/SZ vom 11./12.8.2007) Foto: Reuters

Mitten in... Salzburg, ddp

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Mitten in ... Salzburg

Früher gab es hier den Martin Kusej zu essen. Gegenüber den Festspielhäusern liegt in Salzburg das Triangel, ein Restaurant, in welches man geht, wenn man dazugehören will. Das Triangel hat Künstler, die mit den Festspielen zu tun haben, auf der Speisekarte.

Kusej etwa war hier in seiner Zeit als Schauspielchef ein blutiges Steak. Jetzt steht er nicht mehr auf der Karte. Oder hat man ihn übersehen? Die Wiener Philharmoniker stehen noch darauf, sie sind ein Wiener Schnitzel. Aber eines vom Schwein. Also eigentlich auch nicht da.

In Salzburg im Sommer gibt es keine Trennung mehr zwischen Realität und Traum, die ganze Stadt ist Theater. Am Tisch geht Marie Bäumer vorbei. Die "Jedermann" -Buhlschaft. Nein, sie war es nicht. Doch, sie war es. Kann man die essen? Will man die essen? In einem Café um die Ecke kann man Venusbrüstchen kaufen. (Egbert Tholl/SZ vom 11./12.8.2007) Foto: ddp

Mitten in ... Umeå, dpa

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Mitten in ... Umeå

Die Stadt Umeå (sprich: Ümeo) liegt in Nordschweden, bis zum Polarkreis sind es etwa 300 Kilometer. Flora: Nadelwälder. Fauna: Elche natürlich; Bären, die man vertreibt, indem man Marschmusik anstimmt; hier und da ein Schimmel. Und neuerdings riesige Spinnen!

In Umeå hat der Autofabrikant Volvo ein Werk, das Lastwagen baut. Nun muss man wissen: Die Führerhäuschen werden aus Brasilien geliefert. In Brasilien gibt es riesige Spinnen. Und immer mehr davon klettern in die Häuschen, überqueren als blinde Passagiere den Atlantik, landen in Umeå - und erschrecken dort die Arbeiter von Volvo.

Ein Lkw-Bauer, der in zwei Wochen sechs große Spinnen gesehen hat, spricht von Streik. Und ein anderer kündigt auf der Homepage des hiesigen Västerbottens-Kuriren sogar seine Kündigung an: "Ein Kollege hat versucht, mich mit einer dieser Spinnen zu bewerfen - ich hatte Todesangst." (Gerhard Fischer/SZ vom 4./5.8.2007) Foto: dpa

Mitten in ... Washington, dpa

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Mitten in ... Washington

Neulich stand in der Straße ein Auto mit einem ungewöhnlichen, geradezu rätselhaften Bumper-Sticker. Das sind die Aufkleber, die Amerikaner mit Vorliebe hinten an den breiten Stoßstangen ihrer Sedans und SUVs, am Kofferraum oder an der Heckklappe befestigen. Auf den ersten Blick war nur eine merkwürdige Zahlenkombination auszumachen: 012009, weiß auf schwarzem Grund, einem Nummernschild nicht unähnlich. Nur dem, der sich den Aufkleber ein bisschen genauer anschaute, wurde klar, dass es sich um eine Datumsangabe handelte: Gemeint war der 20. Januar 2009. "Bush's Last Day" stand klein darunter, in den patriotischen Farben rot-weiß-blau. Der 20. Januar 2009 ist der Tag der Inauguration von George W. Bushs Nachfolger - oder seiner Nachfolgerin. Es bedarf nicht wirklich prophetischer Gaben, um vorherzusagen, dass die Hersteller dieses Bumperstickers richtig viel Geld verdienen werden. (Reymer Klüver/SZ vom 4./5.8.2007) Foto: dpa

Mitten in ... Hossegor, Reuters

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Mitten in ... Hossegor

Männer, die in Hossegor an der südfranzösischen Atlantikküste zu Helden werden wollen, brauchen zwei Bretter. Das Surfbrett. Und das Waschbrett, das nach dem Ritt den am Strand drapierten Bikini-Groupies vorgeführt werden kann.

Der nicht mehr ganz junge Aspirant, der nun mit Todesverachtung auf die fünf Meter hohen Brecher zuschreitet, hat das Surfbrett und sonst nichts. Abschätzige Blicke der lokalen Bigwave-Prominenz: Mit dem Bauch? Jamais!

Der Aspirant steht sehr lange da und blickt aufs Meer hinaus. Dann packt er sein Brett und paddelt los, unter den Brechern hindurch, er erreicht die Wartelinie der Waschbrettbesitzer, ohne sie eines Blickes zu würdigen, er paddelt weiter, immer weiter hinaus und verschwindet. Eine halbe Stunde später sieht man einen kleinen schwarzen Punkt am Horizont, einsam die Monsterwelle abreitend. Zu schade, dass er die bewundernden Blicke der Groupies nicht mitbekommt. (Tanja Rest/SZ vom 4./5.8.2007) Foto: Reuters

Auch in Afghanistan werden die Schuhe vertrauensvoll vor der Moschee abgestellt. Foto: AFP

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Mitten in ... Gaza-Stadt

Was Besuchern im Gaza-Streifen stets in Erinnerung bleibt, ist der Staub dort. Glanz sucht man hier vergebens. Ein elfjähriger Junge ist in Gaza-Stadt Opfer der Anziehungskraft eines glänzenden Paares Schuhe geworden. Der Bub trieb sich im Vorraum einer Moschee herum, wo Hunderte staubige Schuhe standen. Ein Paar stach heraus, denn es war hochpoliert. So nahm der Junge das Paar an sich und wollte es verkaufen. Doch dazu kam es nicht.

Bewaffnete Leibwächter sperrten die Moschee ab. Hektisch suchten die Bodyguards nach den entwendeten Halbschuhen, bis sie den Jungen fanden und zur Rede stellten. Reumütig gab er sie seinem Besitzer zurück - dem in Gaza herrschenden, kurzzeitig auf Socken gestrandeten Hamas-Führer Ismail Hanija.

(Thorsten Schmitz / SZ vom 28.7.2007)

Eine Killerschnecke wird in Schweden gekillt. Foto: AFP

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Mitten in ... Kivik

Ein Abendspaziergang über die Heide hinter dem Ostseestrand bei Kivik ist ein wildromantisches Erlebnis - normalerweise. Derzeit sind die lauschigen Pfade schleimig. Nach einem verregneten Frühsommer sind unzählige Nacktschnecken über Südschweden hergefallen. "Mörderschnecken" werden die aus Spanien eingewanderten Tiere genannt.

Sie sind besonders gefräßig, verspeisen sogar Artgenossen. In Skandinavien haben sie sich mit der Waldschnecke gepaart. Niemand mag die Krautkiller, sie haben nicht mal natürliche Fressfeinde. Gastwirt David Kallós aus Lund will das nun ändern. Der Zeitung Dagens Nyheter verriet er sein Rezept gegen Nacktschnecken: Salzen, den Schleim auskochen, hacken, anbraten und mit Gartenkräutern auf Röstbrot servieren.

(Gunnar Herrmann / SZ vom 28.7.2007)

Am Stachus spielen nicht nur Menschen. Foto: dpa

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Mitten in ... München

Er dribbelt ein paar Meter, stoppt, dreht eine Pirouette oder hebt den Fußball auf seinem Fuß in die Luft. Dann dribbelt er wieder. Bestimmt eine Viertelstunde macht der junge Mann Kunststücke mit dem Ball. Er hat Kopfhörer auf und trägt eine Trainingshose der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Für seine Kunststücke hat er sich den Stachus ausgesucht. Einen Platz, an dem die Fußgängerzone beginnt, eine US-amerikanische Fast-Food-Kette mehr umsetzt als irgendwo sonst in Europa und Jugendliche sich um einen Brunnen drängen.

Doch nur wenige nehmen Notiz von ihm. Dann geht er hinüber zum Taxistand, wo der erste Fahrer in der Reihe gerade weggefahren ist und die anderen nun aufrücken müssen. Der junge Mann steigt in ein Taxi und fährt es auch einen Platz nach vorne. Er hat sich einfach die Zeit vertrieben.

(Martina Farmbauer / SZ vom 28.7.2007)

Istanbul bei Nacht. Foto: Reuters

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Mitten in ... Istanbul

Im Regen laufen wir hoch von der Schiffsanlegestelle nach Beyoglu. Dort sollen die coolsten Bars der Stadt sein. Verwinkelte Gassen führen steil nach oben zur verwestlichten Fußgängermeile Istiklal Caddesi. Rechts und links locken Spelunken mit schäbigen Tischen, an denen Männer sitzen und Karten spielen. Urig wäre das schon, nur Bier gibt es keines, wir ziehen weiter. Dann: eine unscheinbare Türe mit einem schummrig beleuchteten Fenster. Drinnen steht die Luft, aber wenigstens schenken sie hier Alkohol aus.

Am Keyboard sitzt ein Mann, eine Frau singt orientalische Weisen. Nach einer Weile kommt sie an unseren Tisch, intoniert ein Liebeslied. Der Kollege und ich schauen uns an. Wir stammeln: Tesekkür ederim - Danke. Die Frau umarmt uns, junge Türkinnen mit bauchfreien Tops, Männer mit Schnauzer klatschen. Wir sind angekommen.

(Jeanne Rubner / SZ vom 28.7.2007)

Palästinensische Obsthändler, ap

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Mitten in ... Bnei Brak

Schüler einer Religionsschule in Bnei Brak, einer Orthodoxen-Hochburg nahe Tel Aviv, helfen ihrer Gemeinschaft aus der Bredouille. Im kommenden jüdischen Jahr, das Mitte September beginnt, müssen nach orthodoxer Auslegung der Bibel Gemüse- und Obstfelder - wie alle sieben Jahre - eine Pause einlegen und dürfen nicht genutzt werden.

Nur nicht-jüdische Bauern dürfen dann die Orthodoxen mit Äpfeln, Avocados und Auberginen beliefern, Christen etwa oder Muslime.

Ursprünglich sollten die Palästinenser im Gaza-Streifen die Gemüseversorgung übernehmen. Doch die neuen Hamas-Herrscher wollen mit Israel kein Geschäft betreiben.

Die Lösung der Religionsstudenten von Bnei Brak lautet: Felder im Nachbarland Jordanien nach koscherem Brauch beackern zu lassen. Und Jordanien hat auch zugestimmt. (Thorsten Schmitz / SZ vom 21./22.7.2007)

Mitten in ... Prag, pixelio

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Mitten in ... Prag

Es gibt in Prag höfliche Menschen, junge Leute zum Beispiel, die in der Straßenbahn den älteren ihren Platz anbieten. Und es gibt andere.

Autofahrer, die voller Wut ihren Kleinlaster nach links reißen und einem Pkw, dessen Fahrer mittels Hupe um Einfädelung ersucht, erst recht den Weg versperren.

Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr ist in Tschechien keine Seltenheit, derzeit nimmt sie nach einer Studie des Zentralen Auto-Moto-Klubs sprunghaft zu. Eine neue Straßenverkehrsordnung, die vor einem Jahr Strafpunkte einführte, brachte nur kurze Besserung. Dann stellten populistische Politiker die unbeliebte Neuerung in Frage.

Jetzt hat die Zahl der Verkehrstoten wieder Rekordniveau erreicht: 106 im Monat Juni in ganz Tschechien. Die Zeitung Mlada fronta Dnes titelte deshalb: "Drei von uns werden heute auf der Straße sterben." (Klaus Brill / SZ vom 21./22.7.2007)

Mitten in ... Istanbul, AP

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Mitten in ... Istanbul

Magische Momente. Ich auf der städtischen Fähre in die Stadt. Der alte Kahn, wie üblich im Sommer, voller Bosporus-Touristen. Eben noch starren alle den Tanker an, der sich an uns vorüberschiebt, dann, mit einem Mal, ein Ruck zur anderen Seite: Dort ist eine schlanke Barke aufgetaucht, wunderschön weißgolden verziert, livrierter Steuermann am Bug.

Japanisches Entzücken, deutsches "Hier, hier, hier!", die Masse hechtet hinüber, fast muss man Schlagseite befürchten, Hunderte Kameras richten sich auf die majestätische Barke, fehlt nur noch der gnädig uns zuwinkende Sultan.

In diesem Moment richten sich in der Barke zwei Männer auf, in Shorts, mit Schlapphut und Rucksack, und knipsen unsere Fähre. Zwei Bootsladungen voller Touristen, den jeweils anderen für das exotische Istanbul nehmend. (Kai Strittmatter / SZ vom 21./22.7.2007)

Mitten in ... Berlin, AP

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Mitten in ... Berlin

Die russische Botschaft liegt an der Straße Unter den Linden und ist eines jener Gebäude, die man schon deswegen so beeindruckend findet, weil man so schwer hineinkommt. Sie ist dann aber noch wesentlich beeindruckender.

Auf der einen Seite gibt es einen Raum, der sich eigentlich über das gesamte Geschoss erstreckt und lückenlos mit Kronleuchtern vollgehängt ist. Auf der anderen Seite liegt der Ballsaal, von dem es in den Innenhof und zur Lenin-Büste hinausgeht. Der Bau ist insgesamt feinster Stalinismus, die Party jedoch, die der Modekonzern Hugo Boss jetzt darin feierte, kriegt so wahrscheinlich nur der Kapitalismus hin.

Zweitausend Leute, Champagner aus Magnumflaschen, um Mitternacht Lichtshow im Hof und danach gab die große Anne Clark ein kleines Konzert, bei dem jedes gesprochene Wort galt.

Am Ende, es graute der Tag, stand das Mädchen hinter der Bar nicht mehr dahinter sondern oben drauf, und goss den Leuten den Wodka aus der Flasche direkt in den Mund. (Marcus Jauer / SZ vom 14./15.7.2007)

Mitten in ... Berlin, AP

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Mitten in ... Berlin

Es ist inzwischen keine so große Sensation mehr, wenn Brad Pitt wieder in der Stadt ist, ohne dass sein Film Premiere hätte. Er schaut häufiger bei den Architekten des Büros Graft vorbei, um über Häuser zu reden, die sie ihm bauen könnten, und angeblich haben sich Angelina Jolie und er ein 600 Quadratmeter Dachgeschoss in Mitte gekauft, was eher nach Straßenzug als nach Wohnung klingt.

Es kam daher auch nicht zum Zusammenbruch des gastronomischen Betriebs, als er jetzt in einem Lokal an der Torstraße auftauchte. Das Bandol sur Mer war einmal ein Dönerladen. Dann kamen Leute, die schon immer ein französisches Restaurant aufmachen wollten. Sie stellten ein paar Tische hinein und Schränke aus dem Palast der Republik und schrieben mit Kreide an die Wand, was es zu essen gibt.

Brad Pitt nahm das Entrecote, obwohl das Lamm fast noch besser ist. Später sah man ihn mit einer Zigarette draußen vor der Tür stehen. Drinnen ist nämlich Rauchverbot.

(Benny Gothe / SZ vom 14./15.7.2007)

Mitten in ... Berlin, dpa

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Mitten in ... Berlin

Die Meldung der B.Z., im Hotel "Regent" seien Wände eingerissen worden, weil Tom Cruise die Gemächer des Hauses zu klein erschienen, hatte man mit Beunruhigung gelesen, weil das eigene Büro vom "Regent" nur ein Steinwürflein weit entfernt liegt.

Also fragt man den Direktor, ob etwa herabstürzende Steine auf dem Schreibtisch zu befürchten seien. "Wir als Hotel haben noch nie Wände eingerissen", sagt er, und man habe sich, was Tom Cruise und seinen Stauffenberg-Film betrifft, zum Schweigen verpflichtet.

Schweigen? Eine Freundin hatte sich in Babelsberg um einen Fahrerjob beworben, als Cruise dort "Mission Impossible II" drehte. Ob sie schweigen könne, wurde sie gefragt, und was ihre Körpergröße sei. Für Tom Cruise (1, 69) war sie (1, 74) zu groß. Da es als unwahrscheinlich gelten darf, dass meine Freundin in letzter Zeit nennenswert geschrumpft oder Tom Cruise sich nennenswert gestreckt hat, wollte sie sich jetzt, für "Valkyrie", gar nicht erst bewerben.

(Renate Meinhof / SZ vom 14./15.7.2007)

Mitten in: Las Vegas, The Wynn

Quelle: SZ

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Mitten in ... Las Vegas

Im schönen "Wynn". Morgens tritt man an das Pult von Jennifer, die sagt, sie sei Jennifer und man sehe super aus. Man sagt Jennifer, sie sehe auch super aus. Frühstück für Zwei. Draußen? Drinnen? Draußen. Jennifer schaut plötzlich ernst wie ein special agent aus der Serie 24. Durch ein headset spricht sie mit Sarah, die nur drei Meter weiter draußen hinter einer Glastür steht. Adleräugig wandert draußen Sarahs Blick über die Tische. Viele sind frei. Sarah spricht ins headset. Jennifer nickt drinnen: "Wartezeit zehn Minuten, Ihr Süßen!"

Man setzt sich auf ein Sofa vor die Glastür, hinter der Sarah steht. Nach zehn Minuten bewegt Sarah wieder den Mund. Jennifer bittet uns 'raus zu Sarah. Draußen sagt Sarah, sie heiße Sarah und man sehe super aus. Man sagt Sarah, sie sehe auch super aus. Das Frühstück ist köstlich. (Alexander Gorkow / SZ vom 7./8.7.2007)

Mitten in: Caracas, Reuters

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Mitten in ... Caracas

Es gibt gute Nachrichten für Revolutionstouristen in Caracas: Die Chavez-Puppen sind wieder erhältlich. Zuletzt waren die Marionetten von Venezuelas Präsidenten wegen der großen Nachfrage vergriffen, doch die Hersteller sorgten für Nachschub. Dank der Inflation sind die Dinger, made in China, sogar billiger denn je. In der Altstadt kosten sie 30.000 Bolivares, nach dem gegenwärtigen Schwarzmarktkurs sechs Euro.

Der Hugo Chavez fürs Regal ist aus Plastik und etwa 40 Zentimeter hoch, trägt entweder olivgrüne Uniform oder rotes Hemd und auf dem Kopf immer ein rotes Barett. Und er kann sprechen. "Ich bin gekommen, um alles Menschenmögliche zu tun, um dem venezolanischen Volk nützlich zu sein in seinen Träumen, seinen Hoffnungen und seinem Willen, frei und gleichberechtigt zu sein." Das wiederholt er auf Knopfdruck auf dem Rücken. So lange die Batterie reicht. (Peter Burghardt / SZ vom 7./8.7.2007)

Mitten in: Madrid, Reuters

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Mitten in ... Madrid

Die Zerstörung von Hotelmobiliar war einst eine Domäne von Rockstars aller Art. Doch die sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, die brachiale Gewalt verflüchtigt sich. Bei den Hotelbetreibern scheint dies mittlerweile zu Phantomschmerzen zu führen. Anders ist kaum erklärbar, dass eine Hotelkette dazu einlud, renovierungsbedürftige Räume einer Absteige in Madrid zu zerlegen. Zum Abbau von Stress, wie es hieß.

1000 Freiwillige sollen sich gemeldet haben; den Eignungstest, der unter anderem darin bestand, auf Chefpuppen einzuprügeln, überstanden 40 Personen. Sie bekamen einen Vorschlaghammer in die Hand und durften vor laufenden Kameras alles kurz und klein hauen: funktionstüchtige Lampen, Fernseher, Kühlschränke und sonstiges. Da können die Veranstalter von Führungskräfteseminaren noch etwas lernen. (Javier Caceres / SZ vom 7./8.7.2007)

Mtiten in: Jalta, Reuters

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Mitten in ... Jalta

Lenin ist groß. Vier Meter hoch, dazu der Sockel, noch einmal fünf. Lenin schaut auf den Hafen und die Promenade von Jalta. Lenin schaut auf einen verrosteten Sowjetkutter, der auf dem Wasser wippt. Auf das Schiff "Kiew", mit buntem, frischem Anstrich. Lenin schaut auf McDonalds und auf eine Bude mit Namen "Kasino-Spielautomaten". Lenin schaut auf ein junges Paar in Adidas-Anzügen, das sich umarmt. Lenin schaut auf glückliche Kinder, die auf einer Hüpfburg hüpfen. Lenin schaut auf Kinder, die mit Elektroautos Jagd auf die Wadenbeine der Großen machen. Lenin schaut auf ein glückliches Volk, das flaniert, Eis isst. Lenin schaut auf einen Schießstand, an dem Männer mit Kalaschnikows auf zerbeulte Tuborg-Dosen zielen. Lenin schaut auf eine zuckelnde Boeing 747 im Kleinformat. Lenin schaut nachdenklich. (Frank Nienhuysen / SZ vom 7./8.7.2007)

Foto: AP

Quelle: SZ

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Mitten in ... Haifa

Die Israelis lieben das Reden, folglich auch das Telefonieren mit Handys. Sie tun es jederzeit und überall, auf dem Fahrrad, im Supermarkt, im Kino, ja sogar im Flugzeug. Neulich im Zug von Haifa nach Tel Aviv die übliche Handy-Kakophonie: Die Soldatin lästert über ihren Führungsoffizier, ein Makler preist lautstark eine Wohnung, eine Schülerin bittet ihre Mutter um Rührei zum Mittagessen, und ein Arzt lässt die Nachtschicht Revue passieren.

Ich blättere unterdessen in der größten Tageszeitung Jediot Achronot und stoße auf einen passenden Artikel. Die polnische Regierung, so heißt es dort, habe offiziell Beschwerde eingelegt in Jerusalem über israelische Schülergruppen. Viele Jugendliche verstießen in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz gegen das Handyverbot und riefen lachend zu Hause in Israel an: "Hallo Mama, ich ruf gerade aus der Gaskammer an."

(Thorsten Schmitz / SZ vom 30.6.2007)

Foto: AP

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Mitten in ... Berlin

Die Gegend um den Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg dürfte Berlins Innensenator Eckhart Körting oft schlaflose Nächte bereiten. Am 1. Mai fliegen hier Steine und Flaschen, Autos brennen aus, und an Häusern finden sich Parolen wie "Kapitalismus tötet" - oder auch deren Kurzschlussfolgerung: "Tötet den Kapitalismus". Wie unbegründet jedoch die Sorge um das Viertel in Wahrheit ist, wird klar, wenn man sich bei einem Schauer in einen der vielen Secondhandshops flüchtet:

"Haben Sie Regenschirme?" "Klar", sagt die nasengepiercte Verkäuferin und deutet auf ein Regal. Sie wird sich heute durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Auch nicht durch die Frage, ob acht Euro für einen kaputten Tchibo-Knirps nicht Kapitalismus von seiner hässlichsten Seite sind. "Nö, so is dit mit Anjebot und Nachfrage", sagt sie. "Wir sind hier der einz'je Laden mit Schirme in Anjebot. Und dit regnet stark."

(Marten Rolff / SZ vom 30.6.2007)

Monica Lewinsky, Foto: Reuters

Quelle: SZ

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Mitten in ... Washington

Neulich konnten ein paar Journalisten die Labore des FBI besichtigen. Super modern sind die und mächtig beeindruckend und streng geheim. Kameras sind verboten, Kassettenrekorder auch, Mobiltelefone sowieso. Melissa Smrc arbeitet dort, Special Agent war sie einst, Agentin im Außendienst. Heute ist sie etwas rundlich und hantiert nicht mehr mit der Glock-22-Dienstpistole, sondern mit dem Mikroskop, Spezialität: Samenanalyse. Ihr bekanntester Fall, erzählt sie, liegt ein paar Jahre zurück und hatte mit einer Praktikantin im Weißen Haus zu tun und einem Präsidenten und Spuren auf dem blauen Kleid der jungen Dame.

Special Agent a. D. Smrc könnte jetzt ihre fünf Minuten Ruhm haben und der Saga von Monica Lewinsky und Bill Clinton neue Nahrung geben. Doch sie schweigt: Alles, sagt sie nur noch, sei doch "öffentliches Wissen". Was stimmt. Vermutlich.

(Reymer Klüver / SZ vom 30.6.2007)

Foto: ddp

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Mitten in ... München

Freitagabend, 0.56 Uhr, S-Bahn-Linie 4. Am Hauptbahnhof steigt einer zu, Mitte 30, etwas strubbelig, einen Schalenkoffer schleppend. Hackerbrücke. Es kommt einer rein, der den Spiegel in der Hand hält, und setzt sich gegenüber. Donnersbergerbrücke. Laim. Der Spiegel-Leser hält dem Schalenkoffermann plötzlich das aufgeschlagene Blatt entgegen. "Hier!", fährt er ihn an.

"Lesen Sie mal! Und dann machen Sie sich mal'n paar Gedanken!" Der Angesprochene antwortet - nichts. Er schaut nicht mal verwundert. Lässt sich den Spiegel in die Hand drücken und fängt sofort zu lesen an, wie befohlen: einen Artikel über Facharbeitermangel. Pasing. Der, der den Befehl gegeben hat, steigt aus. Langwied. Die Strecke geht jetzt übers Feld, keine Lichter mehr links und rechts. Der Mann schaut hoch; das kommt ihm seltsam vor. "Ist Pasing schon vorbei?", fragt er. Es ist die letzte S-Bahn.

(Detlef Esslinger / SZ vom 30.6.2007)

Wanderschuh mit Kreuz, dpa

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Mitten in ... Höslwang

Am Samstag um fünf Uhr früh wird Robert Kailer die Strapaze eines 35 Kilometer langen Fußmarsches nach Tuntenhausen auf sich nehmen. Kailer ist Schriftführer des Vereins "Die 13 Höslwanger" und ein guter Katholik. Zusammen mit dem Pfarrer hat er zu einem Bittgang aufgerufen, um für den 8. Juli schönes Wetter zu erflehen.

Der Herr soll Regenwolken vom Chiemgau fernhalten, wenn Luca Toni und Oliver Kahn nach Höslwang kommen. Der FC Bayern München bereitet sich mit einem Kick gegen das Allstar-Team "13 Höslwanger" auf die neue Saison vor. Neben dem Fußballfeld wird eine Tribüne für 10.000 Leute aufgestellt. Dabei gibt es nur 1200 Höslwanger. Für Verpflegung sorgt Bayern-Manager Uli Hoeneß: Er hat 25.000 Bratwürstchen versprochen. Es wird ein Großereignis. Höslwang dürfte beben.

(Rudolf Neumaier / SZ vom 23.6.2007)

Schneechaos in Argentinien, dpa

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Mitten in ... Buenos Aires

Man wird es sich in tropischen Ländern wie Deutschland nicht vorstellen können, aber es gibt Gegenden auf dieser Welt, in denen ist Winter. Manche davon liegen in Südamerika. In Argentinien begann diese Saison "nach astronomischen Studien", wie die Zeitung La Nacion meldet, am Donnerstag um 15.06 Uhr, und der Klimawandel macht sich dergestalt bemerkbar, dass es kälter ist als in den Jahren zuvor. In Buenos Aires war zuletzt tagelang das Gas knapp, weil Heizungsbesitzer ununterbrochen ihre Boiler befeuern.

Das führte dazu, dass gasbetriebene Taxis stehenbleiben mussten und Staatspräsident Nestor Kirchner eine Energiekrise ins hoffentlich gut geheizte Haus steht. Am Grenzübergang bei Mendoza nach Chile steckten Lastwagen im Schneesturm fest. Aus dem schönen Patagonien werden beste Skibedingungen gemeldet.

(Peter Burghardt / SZ vom 23.6.2007)

Uschguli, oh

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Mitten in ... Uschguli

Neulich ist in Uschguli die erste Bar eröffnet worden. Sie besteht aus ein paar Plastiktischen sowie Stühlen im Hof eines alten Bauernhauses und ist ausgestattet mit einem Zapfhahn nebst der runden Leuchttafel einer Brauerei - der ersten Leuchttafel Uschgulis, wie sich versteht. Der Ort liegt auf 2200 Meter Höhe in der abgeschiedenen georgischen Gebirgsregion Swanetien, weshalb die gut 50 ansässigen Familien den Titel "Höchstes Dorf Europas" reklamieren.

Ungebetenen Besuch gab es früher wegen des beschwerlichen Wegs und der vielen Wehrtürme selten. Nun aber sucht Uschguli Anschluss an jene Welt, in der eine Bar zum Mindeststandard zählt. Zur Eröffnung gaben junge Europäer und Amerikaner vom Workshop "Swanetische Sakralmusik" ein Gratiskonzert. Die Swaneten waren gerührt und bestellten noch ein Bier.

(Daniel Brössler / SZ vom 23.6.2007)

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