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Cannabis im Urlaub:Haschpfeife zum Sellerie-Sanddorn-Shake

Wird womöglich der Joint im Urlaub zum All-inclusive-Bestandteil jeder Pauschalreise wie der Begrüßungsobstkorb und das Kuchenbuffet am Pool?

(Foto: Imago Stock&People)

Alles muss heutzutage sicher sein, auch auf Reisen: kein Risiko, kein Sex, und natürlich keine Drogen. Wirklich? Immerhin bei Letzterem scheint nun Entspannung in Sicht. Cannabis wird im Urlaub bald eine buchbare Zusatzleistung.

Von Stefan Fischer

Unsere Eltern sind mit offenen, im Wind flatternden Haaren auf dem Motorrad irgendwo ans Mittelmeer in den Urlaub gefahren. Wir müssen uns heutzutage schon einen Helm aufsetzen, wenn wir während der Ferien lediglich mit dem Fahrrad dem Lauf der Weser durch das norddeutsche Tiefland folgen.

Früher reiste man nach San Francisco oder Paris der freien Liebe wegen, inzwischen locken die USA und Frankreich Touristen scharenweise in ihre komplett entsexualisierten Disneyparks. Und irgendwann haben sie sogar aufgehört, einem in Amsterdam Haschisch zu verkaufen. Welche Welt bereisen wir inzwischen eigentlich?

In Sachen Drogen immerhin gibt es vermehrt Hinweise, die man womöglich als eine Rückbesinnung auf einen entspannteren Umgang mit ihnen deuten kann: Im US-Bundesstaat Colorado, der vor allem für Winterurlauber interessant ist, wurde zum Jahreswechsel Marihuana legalisiert.

Das Statistische Bundesamt wiederum wird künftig die Erträge des Drogenhandels ins Bruttoinlandsprodukt einrechnen. Und die Tourismusindustrie hat endlich den Zusammenhang zwischen Enthemmung und Wohlbefinden erkannt und also Cannabis als essenziellen Bestandteil von Wellness-Aufenthalten etabliert.

Die Haschpfeife statt eines Sellerie-Sanddorn-Mango-Milchshakes zum Tagesausklang, ein Kräutertee, dem neben Rosen- und Lindenblüten auch etwas Cannabis beigemischt ist: Nach dem asiatischen Jahrzehnt mit Ayurveda, Yoga und Elefanten-Massage steht dem Wellness-Tourismus nun offenbar ein karibisches ins Haus.

Schön entspannt statt berauscht

Zu diesem Ergebnis kommen jedenfalls zahlreiche Hoteltester, die sich berufshalber überwiegend in Spa-Bereichen herumtreiben. Wer nun befürchtet, fortan unentwegt halluzinierenden Zeitgenossen im Jacuzzi oder in der Sauna zu begegnen, sobald er zum Entspannungswochenende aufbricht, kann beruhigt werden: Die Jamaika-Wellness, wie sie auch genannt wird, wirkt entspannend, nicht berauschend, denn dazu ist der THC-Gehalt solcher Wellness-Produkte zu gering. Geboten wird gewissermaßen die Disney-Variante einer Junkie-Journey.

Das jedoch ist die Krux an dieser neuen Salonfähigkeit der Drogen im Tourismus: Sie sind in das System integriert, werden von der Industrie sogar kapitalisiert. Wo bleibt das Gefühl von Ungezwungenheit, was bleibt vom gesuchten Außenseitertum, wenn der Verzehr jedes Haschkekses in eine Wirtschaftsstatistik eingeht? Wenn hinter der Legalisierung des Hanf-Anbaus in Colorado einzig die Absicht steckt, das Steueraufkommen dort zu erhöhen?

Und wenn womöglich der Joint im Urlaub zum All-inclusive-Bestandteil jeder Pauschalreise wird wie der Begrüßungsobstkorb und das Kuchenbuffet am Pool? Der Urlaub unserer Großeltern in den Fünfzigern am Millstätter See kann nicht spießiger gewesen sein.

Bald werden wir unsere Fahrradhelme auch im Spa tragen, wegen der Rutschgefahr.

Diese Glosse stammt aus der Rubrik "Ende der Reise", die jeden Donnerstag in der SZ Reise erscheint.

© SZ vom 03.04.2014/kaeb

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