Süddeutsche Zeitung

Urlaub und Coronavirus:Ist Wellness jetzt gefährlich?

In fast ganz Deutschland sind Spaß- und Heilbäder noch geschlossen, während in Österreich bald alle wieder öffnen dürfen. Wie sicher ist eigentlich der Besuch in Spa und Sauna?

Von Ingrid Brunner

In Deutschland haben alle Bäder geschlossen. Alle Bäder? Nein! In Sachsen sind die Freibäder seit kurzem wieder geöffnet, das Bundesland Nordrhein-Westfalen folgt Ende Mai. "Man kann von föderalistischer Qualität sprechen - oder auch von Chaos", sagt Klaus Batz. Er ist Geschäftsführer der European Waterpark Association (EWA) und vertritt die Interessen der Freizeitbäder, Thermen und Wasserparks. Während also fast ganz Deutschland auf dem Trockenen sitzt, blickt Batz neidvoll nach Österreich. Dort öffnen landesweit einheitlich am 29. Mai alle Bäder.

"Warum ist es in Bayern gefährlich, in ein Bad zu gehen, aber in Österreich nicht?" Ein Bäderbesuch sei nicht riskanter als ein Einkauf im Supermarkt, erklärt Batz ein ums andere Mal. Ob im Spaß-, im Heilbad oder der Therme, überall gelte: Viren haben nach einer Untersuchung des Umweltbundesamtes im gechlorten Wasser keine Überlebenschance.

Nun aber ist das Coronavirus dabei, der Bäderbranche den Todesstoß zu versetzen. 225 Millionen Gäste jährlich nutzten vor Corona die mehr als 500 Freizeitbäder und Thermen in Deutschland, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Batz rechnet vor: 52 000 Arbeitsplätze hingen direkt an der Branche, noch einmal so viele indirekt. Einige dieser Bäder sind touristische Ziele, die Gäste reisen eigens für den Besuch an und buchen Hotelübernachtungen. Doch das Tropical Island bei Berlin, das erst 2019 eröffnete Rulantica im Europapark Rust, die Therme Erding - sie alle sind geschlossen. Auch Bad Füssing, mit 2,5 Millionen Übernachtungen der größte Kurort Europas, hat keine Gäste.

Von Verlusten weiß auch Heinrich Dorfer einiges zu erzählen. Er ist Chef des Quellenhofs im Passeiertal. Das ebenso weitläufige wie luxuriöse Resort in Südtirol ist ein Ganzjahresziel für Erholungssuchende. Doch 10 000 Quadratmeter Wellness- und Spa-Bereich können zu Corona-Zeiten zum Problem werden. "Heizung, Schwimmbäder und Saunaanlagen kosten uns 15 000 Euro pro Tag - mit oder ohne Gäste", sagt Dorfer.

Alles sei bereit für die Wiedereröffnung. "Am 5. Juni machen wir auf", sagt Dorfer, "Sonderdeals" mit der Provinz Bozen und der Regierung in Rom sollen es möglich machen. Aber noch stünden die Regierungen Deutschlands und Bayerns, so sieht er das, der Rückkehr der deutschen Kunden und somit seinem Geschäft im Wege.

Dorfer hat sich generalstabsmäßig auf diese Rückkehr vorbereitet. Eine interne Task Force hat ein hauseigenes Sicherheitskonzept entwickelt. Wärmebildkameras messen permanent die Temperatur von Gästen und Mitarbeitern. "Das merken Sie als Gast gar nicht", sagt Dorfer. Auch Corona-Schnelltests und Tests auf Antikörper sind im Angebot: Die können die Urlauber an der Grenze oder nach Rückkehr beim Arbeitgeber vorweisen. "Wir denken über ein Vier-Tages-Package nach, in das wir den Test inkludieren", sagt Dorfer. Nur der Nassbereich, das Verkaufsargument großer Wellnesshotels, bleibt vorerst geschlossen.

Ginge es nach Rolf Pieper vom Deutschen Sauna-Bund, so stünde dem Sauna-Betrieb nichts im Weg. Soeben hat der Verein ein Infektionsschutzkonzept für öffentliche Saunaanlagen beschlossen: Abstands- und Hygieneregeln, Aufgüsse ohne Wedeln, kein Warmluftbad, Kabinen nur mit Be- und Entlüftungsanlagen. Dann, so Pieper, sei Schwitzen gesund wie eh und je - und nicht gefährlicher als ein Restaurantbesuch. "Aber leider lässt bislang nur Rheinland-Pfalz am 10. Juni die Saunen wieder öffnen."

Doch Lutz Hertel vom Deutschen Wellness-Verband rät zur Vorsicht. Sein Verband kümmert sich um die Zertifizierung von Wellness-Angeboten in Hotels und Thermen. "Nicht das Schwimmen in gut kontrolliertem Wasser stellt ein Infektionsrisiko dar, sondern die Nähe zu anderen Personen im und am Pool", sagt er. In der Sauna könnten Aufgüsse aktivierend auf die Atemwege wirken und Hustenreiz provozieren. "Das Virus-Infektionsrisiko resultiert aus der möglichen Übertragung von Tröpfchen und Aerosolen von nahen Personen ohne Atemschutzmaske."

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Deshalb würde er auf Gesichtsbehandlungen aktuell ganz verzichten, eine Rückenmassage sei hingegen vorstellbar. "Der Hotel-Spa muss neu gemanagt werden, bis Corona ausgestanden ist", sagt Hertel. In den Feucht-Spas könnte man künftig Slots vergeben. Pro Hotelzimmer könnten Gäste dann eine bestimmte Zeit schwimmen oder schwitzen, nach einer Desinfizierung wären dann die nächsten Gäste dran - ähnlich wie beim Friseur oder der Fußpflegerin. Außerdem sei Wellness mehr als nur die schöne Auszeit in gekachelten Räumen.

Wellness in der Natur gelte es neu zu entdecken. Das findet auch Sybille Wiedenmann. Sie vertritt die Allgäu Top Hotels: 80 Mitglieder, 5000 Betten im Drei- bis Fünf-Sterne-Bereich. Natürlich sei auch für diese Betriebe die Lage bedrohlich. Insgesamt 600 Millionen Euro haben die Eigentümer in den vergangenen Jahren investiert. Doch Wellness umfasse ja noch viel mehr: Fasten, Schrothkuren, Kulinarik, mentale Balance durch Yoga und Entspannung: In Kleingruppen ginge das innen, auf der Liegewiese - oder draußen in der Natur. Wer es klug anstelle, dem biete die Corona-Krise die Chance auf einen Paradigmenwechsel: Natur als Wellness-Quell. "Die Gäste fragen nach, sie sind bereit dazu." Aber es müsse nun wirklich bald losgehen, man stehe mit den Nachbarn in Österreich und der Schweiz in Konkurrenz.

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SZ vom 20.05.2020/ihe
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