Wellness-Ausbildung:Im Schnellkurs zum Knetmeister

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Viele Hotel-Angestellte lassen sich eilig zu Wohlfühlexperten ausbilden und massieren nebenbei noch ihre Gäste.

Christina Warta

Das Besondere an der Vichy-Dusche, so steht es im Katalog, ist die Duschrichtung. Die Duschköpfe sind horizontal angebracht, das Duschen findet im Liegen statt. Und sonst? Wird der Wellness-Suchende etwa mit reinem Wasser aus den berühmten Heilquellen des französischen Kurortes berieselt? Besprengt man ihn mit edlen Essenzen? Nichts dergleichen. Durch eine wechselwarme Dusche, heißt es lapidar, werde der Kreislauf angeregt. Spektakulär ist das nicht - und neu sowieso nicht.

Das gilt für viele Angebote, die mit dem Etikett "Wellness" auf Kundenfang gehen. Allein rund 1200 Hotels in Deutschland locken mit dieser Vokabel, sie bieten Klangschalen- oder Vinotherapie an, Gleitwellen- oder Hot-Stone-Massagen, Hopfen-, Rosenblüten- oder Traubentresterbehandlungen. Zielperson ist der moderne Mensch, der, gestresst durch den hektischen Berufsalltag, nach Entspannung lechzt - und sei sie noch so kurz.

"Die Menschen richten sich zugrunde, und dann sollen zwei Tage Wellness alles wieder in Ordnung bringen", sagt Lutz Hertel. Der Vorsitzende des Deutschen Wellness-Verbandes sieht sich als Kämpfer gegen den Wildwuchs in der Wohlfühlbranche. Sein Verband versteht unter dem Begriff Wellness einen nachhaltigen Gesundheitsansatz, der unter anderem ganz altmodisch auf gesunder Ernährung und Bewegung basiert.

Für den abenteuerlichen Mix aus Esoterik und Exotik dagegen, den manche Hotels anbieten, hat Hertel nur wenig übrig. "Es gibt im Wellnessmarkt viel Hokuspokus", sagt er. "Man kann nur jeden warnen, viel Geld dafür auszugeben." Zum Beispiel für die Klangschalentherapie.

Asiatische Messingschalen werden dabei auf den Rücken aufgelegt und angeschlagen wie ein Gong. Die Vibrationen des Körpers lösen angeblich Verspannungen und befreien von Ängsten. "Die Klangschalen sind ein Kochgeschirr, das aus Asien importiert wird", sagt er. "Diese Therapie ist eine freie Erfindung von Geschäftemachern."

Doch gute Einfälle zahlen sich aus. Die Wellnessbranche hat in den vergangenen acht Jahren stets ein Wachstum von fünf bis sechs Prozent verzeichnet. Laut Hertel geben die Deutschen rund 70 Milliarden Euro im Jahr für ihr körperliches Wohlbefinden aus - kleinere Ausgaben wie die für Duschgel und Haarwaschmittel eingerechnet.

Doch einen boomenden Arbeitsmarkt hat sich die Branche dennoch nicht geschaffen. In den kleineren Hotels erledigen die Angestellten die Pflege der Erholungsuchenden nebenbei. Wer will, kann sich auf die Schnelle in nur 18 Stunden zum Wellnesstrainer oder Massagetherapeuten ausbilden lassen. "Das ist der blanke Hohn", sagt Lutz Hertel und kritisiert, dass der Markt weder reguliert noch geprüft werde.

Doch auch der Deutsche Wellness-Verband verzichtet darauf, schwarze Schafe zu verklagen. "Die schießen schnell scharf, und juristische Auseinandersetzungen können wir uns nicht leisten."

Ein Tatbestand bleibt trotz alledem: Die Deutschen wollen Wellness. "Der Bedarf ist tatsächlich da", gibt Lutz Hertel zu. Auch wenn der Wochenend-Erholungstrip für manche am Ende keineswegs so "vitalisierend" und "verwöhnend" war, wie er angepriesen wurde. "Der Experte hält wenig von Wellness", sagt Wolf-Ingo Worret, Dermatologe am Klinikum rechts der Isar in München, "das hat nichts mit Medizin zu tun, sondern eher mit Psychologie."

Nur manchmal muss sich auch der Mediziner Worret mit Wellness auseinander setzen - vor allem mit ihren Folgen. Werden bei den Behandlungen billige Öle verwendet, können diese hin und wieder sogar "fast toxisch" wirken. Worret, der die Kosmetikabteilung des Universitäts-Klinikums leitet, sagt: "Wir behandeln dann die Allergien, die aufgrund solcher Behandlungen ausgelöst wurden."

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