Süddeutsche Zeitung

Weitwanderwege:Sieben Touren, die Sie kennen sollten

Auf einem Pilgerweg in Japan, entlang der Steilküste in Tasmanien oder einmal rund um den Mont Blanc: Weitwanderwege gibt es auf allen Kontinenten. SZ-Autoren stellen sieben Touren vor.

Von SZ-Autoren

Blitze am Baum

Auf dem Kumano Kodo in Japan

Man kann sich mühen als Gast, und wird doch wenig verstehen: Kaum, was es mit dem dreibeinigen Raben, Yata-garasu, auf sich hat, der so etwas wie das Maskottchen des Pilgerwegs ist. Nicht, wie Shide funktionieren - gefaltete Zettel in Form von Blitzen. Sie werden an heiligen Orten entlang des Kumano Kodo an Bäumen zur rituellen Reinigung aufgehängt, weil hier Kami, Gottheiten, zugegen sind. Man kann all die Schreine und die Tore, die den Übergang zur spirituellen Welt symbolisieren, anschauen und sich erfreuen an der religiösen Vielfalt. Sie zu durchdringen, erfordert wohl Jahre - und das liegt nicht nur daran, dass man sich auf Englisch in der japanischen Provinz Wakayama nur mühsam unterhalten kann. Dieser Glaube ist dem christlich sozialisierten Westeuropäer einfach so fremd.

Aber schön sind sie, die abgelegenen, feuchten Kii-Berge mit ihren tiefen Wasserfällen und verwunschenen Wäldern. Mit etwas Kondition lassen sie sich durchwandern. Übernachtet wird in traditionellen Herbergen, ab und an mit Onsen. Der Wanderer kommt durch Dörfer, in denen die Alten noch ihre Gärten pflegen, während die Jungen in die Stadt abgewandert sind, kostet Algenspeisen und übt sich, den kompletten Fisch in der Suppe mit Stäbchen zu essen. Man taucht ein in eine vergangene und zugleich existente Welt.

Die frühesten der Pilgerrouten sind tausend Jahre alt. Auf dem mehrere hundert Kilometer umfassenden Wegenetz gibt es buddhistische Einflüsse, Shintoismus und Pfade, die Anhänger der synkretistischen Shugendo-Religion nutzen. Seit 2004 ist der Großteil der Routen Unesco-Welterbe, seit mehr als 20 Jahren unterhält die Region eine Partnerschaft zum Jakobsweg. Japanern, die in Europa unterwegs sind, mag das Orientierung geben. Trinität und Auferstehung nehmen es ja locker mit einem Schwarm dreibeiniger Raben auf. (de.visitwakayama.jp) Monika Maier-Albang

Wilde Küste

Der Freycinet Trail in Tasmanien

Die Wineglass Bay ist so schön wie ihr Name. Eine weiße Sandsichel, an die das türkisfarbene Meer brandet, eingefasst von steilen Hängen, auf denen rund gewaschene, gespaltene Felsen aus dem dichten Busch ragen. Für dieses Neid-Garantie-Foto trotten im Südsommer an manchen Tagen Tausende in einer Karawane zum Aussichtspunkt hoch.

Auf den anderen Wegen des Nationalparks dagegen wandert man meist allein. Vor allem, wenn man die Freycinet Experience bucht, einen der Great Walks of Australia. Am ersten Tag setzt einen das Boot nach Schouten Island über, wo sich die Gruppe auf dem Bear Hill warm läuft und ihr Abendessen angelt. Am zweiten Tag steigt man, teils über Felsen kraxelnd, auf den 580 Meter hohen Mount Graham, berauscht sich am Rundumblick und wandert in einem langen Bogen hinab in die Wineglass Bay. Ihr hübscher Name stammt übrigens aus der Zeit, als die Walfänger in der Bucht so viele Wale zusammentrieben und schlachteten, bis das Meer rot war. Die Knochen liegen noch unter dem Sand.

Richtig einsam wird's dann am dritten Tag. Auf einem Pfad, der auf keiner Karte eingezeichnet ist, führt der Guide über einen Kamm, 200 Meter über dem Pazifik. Zwischen Eukalypten, Kasuarinen und Teebäumen öffnen sich immer wieder Blicke auf die Klippen und das glitzernde Meer, Blauflügelkookaburras flattern auf, manchmal sieht man Robben und Wale. Oder Keilschwanzadler, die mit Seeadlern in wilden Flugmanövern die Krallen kreuzen. Nach einem langen Hatsch über den tatsächlich blendend weißen Friendly Beach kommt man wie jeden Abend zurück in die Lodge, die sich hinter dem Strand im Busch versteckt. Und schwärmt am Kamin bei Austern, Lachs und Sekt davon, wie wild und schön Tasmanien immer noch ist (freycinet.com.au; parks.tas.gov.au). Florian Sanktjohanser

Der Höchste

Einmal um den Mont Blanc

Plötzlich steht er da, der Steinbock, vor perfekten Zick-Zack-Bergen mit Schneespitzen. Und man denkt: Schon wieder so ein Bilderbuch-Moment! Solche erlebt andauernd, wer auf der "Tour du Mont-Blanc" den höchsten Berg der Alpen umwandert. Etwa, wenn man sich nach einem langen Marsch auf einer Bank vor dem Nachtquartier niederlässt, nur die Kuhglocken bimmeln in der Ferne, sonst herrscht Stille. Wenn die Sonne dann langsam immer tiefer sinkt und die Felswände, die sich vor einem auftürmen, rosa-orange aufleuchten. Oder wenn man an einem Regentag völlig durchnässt in die Berghütte Alp Bovine stolpert und dort gerade ein dampfender Bratapfel aus dem Ofen geholt wird.

Aber die Ausblicke und kulinarischen Köstlichkeiten muss man sich erst einmal verdienen. 170 Kilometer geht es auf gut beschilderten Wegen durch drei Länder: Frankreich, Italien und Schweiz. Mehr als 9000 Höhenmeter muss man bergauf überwinden, etwa 8000 bergab. Der anspruchsvolle Weg führt über viele Pässe, so etwa über den Col des Fours mit 2665 Metern. Es geht immer entlang am Bergmassiv des Mont Blanc. Aber auch nach Tagen - zehn bis zwölf sollte man für die ganze Runde einplanen - sieht man sich nicht satt an den mächtigen Gipfeln, den Gletschern, den Bergseen, den Hängen voller Wildblumen.

Nicht ohne Grund zählt die "Tour du Mont-Blanc" zu den Klassikern der Fernwanderwege in den Alpen. Wirklich allein ist man deshalb fast nie und auch koreanische Reisegruppen scheinen die Region für sich entdeckt zu haben. Die Unterkünfte, die mal ein umgebauter Stall mit Bettenlager und ohne Dusche sein können, mal aber auch eine eigene Hütte mit Badezimmer, sollte man vorher buchen. (autourdumontblanc.com) Michaela Schwinn

27 Paar Schuhe

Der längste Weg führt durch Kanada

Wer ihn gehen will, sollte Bärenspray und Insektenschutz einpacken. Vor allem aber sollte man Zeit mitbringen für den Great Trail, den längsten Wanderweg der Welt. So wie Dana Meise, 45, ein Mann aus Alberta: Zehn Jahre - mit Unterbrechungen - und 27 Paar Schuhe hat er gebraucht, um die 18 078 Kilometer vom Atlantik zum Pazifik und schließlich zum Arktischen Meer zu laufen, wo er 2018 seine Tour in Tuktoyaktuk beendet hat. Rechnet man die Wasserwege hinzu, misst der Great Trail sogar 24 134 Kilometer. Der Great Trail geht an Seen und Steilküsten entlang, auf alten Eisenbahnbrücken führt er über Schluchten, durch die Rocky Mountains, die Prärie und über den Dempster Highway. Besonders abenteuerlich ist der Itijjagiaq Trail auf der Baffininsel. Er verläuft ohne Markierungen auf den Wegen der Inuit von Iqaluit nach Kimmirut.

Die Idee zum Great Trail hatte die gemeinnützige Trans Canada Trail Foundation: Ein Radwanderweg sollte alle 13 Provinzen und Territorien des Landes verbinden, als Symbol für Kanadas Einheit. Nach 25 Jahren Bauzeit wurde er pünktlich zur 150-Jahr-Feier im Jahr 2017 eröffnet. Sportler, Künstler, Schriftsteller, Naturschützer, Firmen und Politiker unterstützten das Projekt, freiwillige Helfer legten die Wege an und halten sie instand.

Derzeit ist die Filmemacherin Dianne Whelan unterwegs, zu Fuß, mit dem Rad, im Kajak. Der Videoblog "500 Days in the Wild" zeigt ihre bisherigen Etappen. Dana Meise schob - weniger medientauglich - seinen voll beladenen Geländebuggy 21 000 Kilometer vor sich her. Wer wie er auch während des langen kanadischen Winters laufen will, kann Teile der Strecke auf Langlaufskiern und mit Schlittenhunden absolvieren. Oder, wenn die Füße nicht mehr wollen, mit dem Schneemobil (thegreattrail.ca). Ingrid Brunner

Wandern in Portugal, Norwegen und auf dem Balkan

Stoischer Storch

Auf der Rota Vicentina an Portugals Küste

Wenn man am Cabo Sardão ankommt, nach ein paar Stunden auf dem sandigen Pfad, der oben an der Steilküste entlangführt und viel Wind, salzig-ätherische Düfte und jede Menge umwerfende Aussichten geboten hat, ist man doch etwas perplex, dass es noch schöner, wilder und ursprünglicher geht. Denn nicht nur, dass die Klippen hier 200 Meter in den tobenden Atlantik abfallen; auf den kantigen Abbrüchen sitzen wie hingemalt in ihren Nestern Weißstörche. Stoisch stehen sie im harten Wind, der das Gefieder zerzaust, ihnen aber nichts auszumachen scheint. Es soll europaweit der einzige Platz sein, an dem die sonst nur auf Gebäuden nistenden Störche auf Felsklippen brüten.

Wer auf der Rota Vicentina durch den Naturpark Sudoeste Alentejano wandert, muss sich aber nicht unbedingt für Störche oder andere der hier zahlreich vorkommenden Vögel interessieren. Die bunte Küstenvegetation, die rötlich-ockerfarbenen Felsen, die weiten, vom Meer glattgeleckten Sandbuchten: Es ist eine der schönsten und naturbelassensten Küsten ganz Europas, an der man hier auf vier Etappen und mehreren Anschlusswegen insgesamt 125 Kilometer entlangwandern kann. Besonders schön sind die Abschnitte zwischen Almograve und Zambujeira do Mar sowie zwischen Vila Nova do Milfontes und Porto Covo. Man trifft hier viele junge Wanderer mit Rucksack und Zelt, meist Deutsche, die den ganzen Weg bis zum Cabo de São Vicente gehen. Muss man aber nicht. Wer nur Tagestouren machen will, kann mit dem Bus wieder zurück zum Ausgangspunkt fahren.

Der Weg ist sehr gut markiert, geht immer leicht auf und ab, ist aber wegen des Sandes relativ anstrengend. Seit kurzem gibt es neben dem "Fischerpfad" an der Küste eine historische Rota Vicentina, die in zwölf Etappen durchs Hinterland mit seinen Dörfern und Kulturlandschaften führt. Das hat den Vorteil, dass man an vielen guten Restaurants vorbeikommt, zum Beispiel an der Tasca do Celso in Vila Nova. Wer nicht einkehrt, ist selber schuld (de.rotavicentina.com). Hans Gasser

Im Land der Skipetaren

Drei Länder, ein Weg: der "Peaks of the Balkans"

Wo noch vor 20 Jahren Krieg herrschte, führt heute ein Weg in eine bessere Zukunft: der "Peaks of the Balkans Trail", 200 Kilometer durch das Karstgebirge im Dreiländereck von Albanien, Kosovo und Montenegro. Es ist das Prokletije, der südliche Abschluss des Dinarischen Gebirges, das in Italien beginnt und parallel zur Adria verläuft. Jezerca in Albanien und Gjeravica in Kosovo sind mit 2694 und 2656 Metern die höchsten Gipfel, der Arapi mit seiner 800 Meter hohen Südwand ist der eindrucksvollste. "Verwunschene Berge" oder "Verfluchte Berge" wird das Gebirge auch genannt - je nachdem, ob man einen Naturfex oder einen gehfaulen Busfahrer im Tal nach der Übersetzung fragt.

In zehn Tagesetappen geht es durch eine wilde, touristisch kaum entwickelte Region. Jahrzehntelang von Bunkern und Panzergräben abgeschottet und von den blutigen Konflikten an seinen Rändern erschüttert, hat sich hier eine alpine Urlandschaft erhalten. Unterwegs auf den Pfaden der Hirten und Waffenschmuggler schläft man am Berg in primitiven Hütten, teils in umgebauten Schafställen, im Tal in kleinen Lodges und Gästehäusern. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Deutsche Alpenverein (DAV), die den Weg vor fünf Jahren eingerichtet haben, schulen die Einheimischen zu Bergführern und Gastgebern.

Für Wanderer, die alle paar Kilometer eine bewirtschaftete Alm gewohnt sind, ist der Weg trotzdem ein Abenteuer. Für die Einheimischen schafft er Einkommen, er bremst die Landflucht und bringt die Menschen zusammen. Nachts, wenn sich ein Wolf den Schafsherden nähert, kann schon mal ein Gewehr krachen.

Man darf hier auf eigene Faust losgehen, sollte aber lieber einen Guide oder eine organisierte Tour buchen, denn die Beschilderung lässt teils zu wünschen übrig. Um möglichst viele Interessen zu befriedigen, verläuft der Trail nicht immer auf der Ideallinie, und um die grünen Grenzen zu übertreten, sind mehr oder weniger umständlich einzuholende polizeiliche Genehmigungen erforderlich. Ansonsten ist es wie bei Karl May: die Schluchten des Balkans und das Land der Skipetaren - hier sind sie. (peaksofthebalkans.com, dav-summit-club.de) Jochen Temsch

Beten im Stall

Pilgern auf dem Olavsweg in Norwegen

Wem der Jakobsweg zu überlaufen ist, der sollte nach Norden ausweichen. 643 Kilometer weit windet sich der Olavsweg von Oslo bis zum Nidarosdom in Trondheim, der Kathedrale des norwegischen Nationalheiligen. Im Mittelalter wanderten ihn Tausende, manche barfuß - bis der dänische König seinen norwegischen Untertanen 1536 die Reformation verordnete und das Pilgern verbot, zeitweise bei Todesstrafe. Der moderne Olavsweg, 1997 von Kronprinz Haakon Magnus eingeweiht, wird heute professionell als Netzwerk von Pilgerwegen nach Trondheim vermarktet. In den vergangenen Jahren verbesserte man die Markierung, alle Flüsse haben jetzt Brücken. Und doch geht man hier noch ganze Tage allein, über die Felder und Weiden des Gudbrandstals, durch Birkenhaine voller Wildblumen, über Hochmoore und vorbei an schilfgesäumten Seen. Erst abends trifft man die Mitwanderer in den Pilgerherbergen wieder. Geschlafen wird in Pensionen, Berghütten und uralten Bauernhöfen.

Wer nur einen Abschnitt wandern will, sollte das Dovrefjell wählen. Im Nationalpark verläuft der wildeste Teil des Olavswegs, selbst im Sommer kann es hier schneien. Die beste Zeit zum Wandern ist Juli bis Mitte August, wer im Hochsommer geht, sollte allerdings die Unterkunft Wochen im Voraus buchen. Früher im Jahr liegt auf dem Dovrefjell manchmal noch Schnee, danach schließen schon die ersten Hotels. Man wandert über weite Bergrücken, auf denen nur hüfthohe Zwergbirken und Rentierflechten wachsen, in der Ferne schimmern die Schneefelder von Jotunheimen, des höchsten Gebirges in Norwegen. Mitten in dieser grandiosen Ödnis liegt Fokstugu, der wohl spirituellste Ort des Weges. Auf dem Bauernhof hat das tief gläubige Besitzerpaar aus den Ruinen eines Schafstalls eine Kapelle gebaut. Dort, in der Stille der Berge, findet mancher Pilger endlich das, was er gesucht hat: Einkehr. (pilegrimsleden.no/de) Florian Sanktjohanser

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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Quelle:
SZ vom 14.08.2019/edi
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