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Weilheimer Hütte im Estergebirge:Spießer ist aus

om Krottenkopf ist die Hütte mit dem Oberen Risskopf (2049 m) im Hintergrund zu sehen. Bei klarem Wetter reicht der Blick bis weit ins Voralpenland.

Vom Krottenkopf ist die Hütte mit dem Oberen Risskopf (2049 m) im Hintergrund zu sehen. Bei klarem Wetter reicht der Blick bis weit ins Alpenvorland.

(Foto: Christian Weiermann)

Viele kennen es, doch die meisten fahren daran vorbei: Das Estergebirge liegt nur eine Stunde von München entfernt an der Autobahn. Mittendrin steht die Weilheimer Hütte - hier zeigt sich, was Wanderer wirklich suchen.

Dieser Beitrag ist erschienen am 10. Oktober 2013. Wir haben die Übernachtungspreise aktualisiert. Darüber hinaus ist der Text unverändert.

Nach etwas mehr als einer Stunde Aufstieg durch laubenden Mischwald und goldene Farne passiert es dann doch: ein anderer Wanderer kommt einem entgegen. Und eine halbe Stunde später gleich noch einer. Für einen Sonntag Anfang Oktober - und mag der Nebel auch noch so tief hängen - ist das gar nichts. Auf der Weilheimer Hütte in 1946 Metern Höhe trifft man dann auf genau drei Menschen, die hier die Nacht verbringen, Wirt Christian Weiermann inbegriffen. Der sagt: "Das Estergebirge ist Deutschlands geheimstes Gebirge."

Dabei ist das Estergebirge keine deutsche Enklave in den Cottischen Alpen oder im hinteren Transsylvanien. Es liegt nicht einmal eine Autostunde von München entfernt, und zwar ziemlich genau dort, wo die Autobahn nach Garmisch-Partenkirchen in eine einspurige Bundesstraße übergeht. Von ihr kennen Münchens Wander- und Bergfreunde jeden Meter, weil man auf der Hatz nach unberührter Natur und Bergeinsamkeit hier sehr oft im Stau steht. Die Pfade des Estergebirges werden dabei - im Wortsinne - links liegen gelassen.

Weiermann nennt zwei Gründe, warum das so ist. "Erstens haben wir keinen bekannten Gipfel." Tatsächlich macht der Krottenkopf direkt hinter der Hütte - mit 2086 Metern Höhe immerhin der Aussichtsriese der Bayerischen Voralpen - allein wegen seines Namens weniger her als die viel kleiner geratene Prominenz von Benediktenwand bis Herzogstand. "Zweitens sind es vom Tal aus einfach mal 1300 Höhenmeter, die man gehen muss." Von Oberau, Farchant oder Garmisch-Partenkirchen brauchen auch gute Geher mindestens drei Stunden bis zur Hütte. Und selbst wer die Bahn hoch zum Wank nimmt, muss zwischendurch noch einmal hinab zur Esterbergalm.

Es gibt aber noch einen dritten Grund, und der hat auch mit dem paradoxen Verhalten der Wanderer zu tun. Es ist nämlich keineswegs so, dass sämtliche Berge der Nordalpen rund um die Uhr von Touristenmassen überflutet werden, nicht einmal jene im Tagesausflugsradius der Großstadt. Vielmehr muss man sich das Wanderwegegeflecht der Alpen wie ein Straßennetz vorstellen. Mit kleinen Schleichwegen und Sackgassen, mit Fußgängerzonen und Flaniermeilen, mit Bundesstraßen und Autobahnen. Aus irgendeinem Grund bewegen sich sehr viele Menschen sehr gerne auf den Wander-Autobahnen.

An ihnen liegen entsprechend große Unterkünfte, deren Namen wohl aus rein historischen Gründen noch immer mit der Bezeichnung "Hütte" enden. Die Rappenseehütte oder die Kemptner Hütte im Allgäu beispielsweise sind mittlerweile Betriebe mit je rund 300 Betten, und wer reservieren möchte, muss dies per Fax oder Webseite tun. Telefonisch ist nur eine Hütten-Hotline erreichbar, wobei man vergeblich auf jene Ansage wartet, die zumindest beim Online-Banking dringende Fragen erleichtert: "Wenn Sie mit einem Berater verbunden werden wollen, so sagen Sie jetzt bitte: Berater."

Im Vergleich zu den Online-Banking-Hütten ist Weiermanns Haus mit 50 Schlafplätzen die kleine Sparkassenfiliale aus der Ortschaft der Kindheit - mit persönlicher Begrüßung des Chefs: "Du wirkst a bisserl gestresst." Damit hat er ganz sicher recht, sofern er sich selbst als Maßstab nimmt. Wahrscheinlich besteht eine Wechselwirkung zwischen ihm und seinen Gästen, denn Weiermann sagt: "Ich habe das entspannteste Publikum, das du als Wirt haben kannst." Seine Weilheimer Hütte eignet sich weder für Klettersteiggeher noch für Trekkingfetischisten oder Hardcore-Alpinisten. Hier gibt es Bergwandern in Reinform. Wer morgens nach dem Aufbruch nach links und rechts blickt, sieht nicht nur Felsen und Latschenkiefern, sondern trotz oder gerade wegen des Nebels flüchtende Birkhühner und äsende Gämsen. "Was für Genießer", nennt der Hausherr sein Domizil. Er selbst ist 42 Jahre alt und bereits seine 14. Saison hier oben.

Dass er sich den ganzen Abend lang einem einzigen Gast widmen kann, gehört dennoch zu den Ausnahmen. "Die Leute wollen normalerweise einen gemütlichen Hüttenabend", meint Weiermann. Gemütlich heißt: gerne auch mal ein Bierchen mehr. Für ihn selbst ist das dann eher ungemütlich, "auch wenn manche Gäste denken, das ist hier selbst für den Wirt ein Erholungsheim". Während der Hochsaison kommt Weiermann meist erst um elf aus der Küche, um zwei Uhr ins Bett - und steht nach vier Stunden Schlaf wieder am Herd. Der noch ausstehende Samstag bis zum Saisonende ist bislang zwar ausgebucht, doch der angekündigte Schneefall wird wohl so manchen abschrecken.

Für die Wochentage sei vorab keine einzige Anmeldung eingetroffen. Er kann es sich daher zum Ende der Saison sogar manchmal leisten, seine drei Töchter samt Frau, die ihn bei der Arbeit häufig von Krün aus unterstützt, zu besuchen und sich von einem Freund vertreten zu lassen. Dass die rund 2500 Übernachtungen pro Saison plus Tagesgäste trotzdem für eine fünfköpfige Familie reichen ("Klar, es bleibt ein Job"), lässt erahnen, was mit einem 300-Bettenlager-Betrieb und dem sechsfachen an Übernachtungen hängen bleibt.