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Westjordanland:Stilles Fest in Bethlehem

Im Advent herrscht in Bethlehem eine ganz besondere Stimmung. Nach langen Übungsstunden ziehen dann die Pfadfinder als Musikkapelle durch die Stadt. Daran will der Bürgermeister auch im Pandemie-Jahr festhalten.

(Foto: mauritius images / ZUMA Press)

Weihnachten am Geburtsort Jesu - dazu gehören normalerweise Trubel, Kitsch und Feuerwerk. In diesem Jahr ist alles anders.

Von Peter Münch

Dieser Tag ist etwas ganz Besonderes, und deshalb braucht Elias Halabi in jedem Jahr am ersten Samstag im Dezember den perfekten Überblick. Mal stand er auf dem Dach der Stadtverwaltung, mal auf einem Kirchturm weiter hinten, und diesmal ist er am 5. Dezember mit seiner Kamera hoch hinauf aufs Minarett gestiegen, das auf der gegenüberliegenden Seite der Geburtskirche den weltberühmten Sahat al-Mahd, den Krippenplatz, überragt. Zwei Stunden hat er dort oben gewartet, es war kalt, es war nass, und dann hat er sein Foto geschossen vom feierlichen Moment, an dem die Christbaum-Beleuchtung angeknipst wurde in Bethlehem. Das Bild zeigt den hell glänzenden Baum, das Feuerwerk zum Fest des Tages - und ringsherum einen fast gespenstisch leeren Platz.

Ein Feuerwerk fast ohne Zuschauer. In anderen Jahren drängen sich am ersten Samstag im Dezember, zu Beginn des Advents, Tausende auf dem Platz vor der Geburtskirche.

(Foto: Elias Halabi/Elias Halabi)

Bethlehem zur Corona-Weihnacht anno 2020, das ist eine Herausforderung für alle in der Stadt und auch für Elias Halabi, den offiziellen Fotografen der Geburtskirche. Der 36-Jährige ist zuständig für die Bilder von der Mitternachtsmesse, vom Weihnachtsmarkt, vom Weihnachtsbaum und überhaupt vom ganzen Weihnachtszauber am Geburtsort Jesu. Pralle und volle Festivitäten ist er gewohnt. "Voriges Jahr, das war groß. Da haben 15 000 Menschen mitgefeiert, als der Weihnachtsbaum beleuchtet wurde", sagt er. "In diesem Jahr waren nur 50 Teilnehmer zugelassen, und überhaupt ist nun alles ganz still."

Momentan ist auch über Bethlehem ein totaler Lockdown verhängt

Aufrecht und stolz wie immer steht der 15 Meter hohe Baum auf dem Krippenplatz, geschmückt mit goldenen und roten Kugeln, verziert mit einer ordentlichen Reihe Rentiere, gekrönt vom Stern von Bethlehem. Doch ringsherum herrscht heftigste Tristesse. Im St.-Georg-Restaurant sind Türen und Fenster verrammelt. Geschlossen haben auch alle Läden des Platzes vom Holyland Handycraft bis zum Il Bambino Shop. Und wo sich sonst die Menschen drängen, parken nun ein paar Autos, und Jungs spielen Fußball.

Die Pandemie hat auch das palästinensische Westjordanland hart erwischt, und besonders stark getroffen hat es Bethlehem. Hier waren im März die ersten Corona-Fälle der Region in einer griechischen Reisegruppe gemeldet worden. Sie gehörte zu den letzten Gruppen, die noch kamen. 32 000 Einwohner hat die Stadt, aktuell werden dort mehr als 140 neue Fälle am Tag vermeldet, und selbst von offiziellen Stellen ist zu hören, dass die tatsächlichen Zahlen gewiss weit höher sind, weil viele trotz Symptomen nicht zum Testen gingen. In größter Not hat die Palästinensische Autonomiebehörde nun über Bethlehem einen kompletten Lockdown vom 10. bis zum 17. Dezember verhängt. Was danach kommt und wie es an Weihnachten aussehen wird, weiß noch keiner zu sagen.

Dabei ist Weihnachten weit mehr als nur ein Festtag in Bethlehem. Für die Touristen herrscht dort normalerweise das ganze Jahr Weihnachten. Aber auch für die Bewohner, von denen ein Drittel Christen sind, erstreckt sich das Fest zumindest auf eine ganze Saison. Sie beginnt traditionell mit dem Weihnachtsmarkt am letzten Samstag im November, der in diesem Jahr angesichts der Infektionsgefahren abgesagt wurde. Und beendet ist sie noch lange nicht am 24. Dezember. Denn danach kommt noch das Weihnachtsfest der orthodoxen Christen am 6. Januar und das der Armenier am 18. Januar.

Der Fotograf Elias Halabi aus Betlehem

Elias Halabi ist offizieller Fotograf der Geburtskirche. Der 36-Jährige ist damit auch zuständig für die Bilder vom ganzen Weihnachtszauber am Geburtsort Jesu.

(Foto: Peter Münch/Peter Münch)

"Weihnachten dauert bei uns fast zwei Monate", sagt Elias Halabi, "und in dieser Zeit erwacht die Stadt zu wahrem Leben." Er kennt das seit den Kindheitstagen, als er bei den Pfadfindern war, die nach langen Übungsstunden an Weihnachten als Musikkapelle durch die Stadt ziehen. "Ich war an der Trommel", sagt er. Später hat er mit ein paar Gleichgesinnten zur Weihnachtszeit ein Festival namens "Rock to Bethlehem" organisiert. "Vier Tage, 50 Bands, das war ein Erfolg", erinnert er sich. So vielfältig also kann Weihnachten sein in Bethlehem.

Seit März kommen praktisch keine Touristen mehr in die Stadt

Doch auch Elias Halabi weiß, dass es den steten Wechsel gibt zwischen den guten und den schlechten Jahren. Zu seinen frühesten Erinnerungen zählt ein Weihnachtsfest zur Zeit der Ersten Intifada Ende der Achtziger, als am 24. Dezember palästinensische Demonstranten und israelische Soldaten in Bethlehem aufeinanderprallten und Tränengasschwaden in den Straßen hingen. Er weiß noch, dass in den Jahren 2012 und 2014 nach Kriegen um den Gazastreifen die Touristen ausblieben. Aber dann kamen die Rekordjahre 2018 und 2019. Drei Millionen Besucher wurden da in Bethlehem gezählt - und jeder glaubte gern, dass es nun so weitergeht.

Einträglich war dieser Boom auch für Elias al-Arja. Er ist Vorsitzender der örtlichen Hotelvereinigung und stolzer Besitzer des Bethlehem Hotels, das als zwölfstöckiger Klotz an einer der Zufahrtstraßen ins Stadtzentrum aufragt. "Bei uns übernachten Reisegruppen aus der ganzen Welt, aus Asien, aus Amerika und vor allem aus Osteuropa", sagt er. "Wir haben 220 Zimmer und 500 Betten - und seit März haben wir null Gäste."

Kein einziger Tourist mehr hat seit Beginn der Pandemie den Weg nach Bethlehem gefunden. Die Grenze vom Westjordanland nach Jordanien ist dicht, und auch aus Israel kann niemand kommen, weil dort seit dem Frühjahr schon grundsätzlich keine Ausländer mehr einreisen dürfen. In der Halle des Bethlehem Hotels stehen deshalb die Fahnen aus aller Herren Länder eingerollt in einer Ecke. Sechs Uhren, auf denen die Zeit in Washington, London, Moskau, Warschau, Neu-Delhi und Bethlehem angezeigt werden soll, sind einfach stehen geblieben. Kalter Rauch hängt in der Luft. Doch mittendrin blinkt in der Lobby ein Weihnachtsbaum, dessen künstliche Nadeln kaum zu sehen sind vor lauter Kugelschmuck. "Selbst wenn keine Gäste kommen, ist es doch klar, dass wir einen Christbaum aufstellen", meint al-Arja.

Der große Baum steht wie immer vor der Geburtskirche. Mit ihm verbinden die Menschen die Hoffnung auf baldige Besserung.

(Foto: Emmanuel Dunand /AFP)

Der Baum ist das Zeichen, dass sie sich nicht unterkriegen lassen wollen in Bethlehem. An ihm hängt außer den Kugeln auch die Hoffnung auf baldige Besserung. "Doch erst muss die Hälfte der Menschheit gegen Corona geimpft sein", glaubt al-Arja, "erst dann kommen auch wieder Gäste nach Bethlehem."

Bis dahin bleibt ihm und vielen anderen nur übrig, die Verluste zu addieren. "Wir haben in Bethlehem 73 Hotels mit insgesamt 5000 Zimmern", erklärt er. "Wenn sie alle leer stehen so wie jetzt, bedeutet das ein Defizit von 400 000 Dollar täglich." Und es geht ja um weit mehr als nur um die Hotels. Es gibt auch noch die Restaurants und die Läden, die Krippenschnitzer und die Fremdenführer und all die vielen anderen. "Die Hälfte der Menschen in Bethlehem lebt vom Tourismus", sagt er. "Die Intifada und die Kriege waren für uns einfacher zu überstehen. Diese Krise ist die schlimmste, die es hier je gab."

In den Gassen, die vom Krippenplatz aus abzweigen, hallen die Schritte wider von den Wänden. In den wenigen Geschäften, die geöffnet haben, wird jeder Passant mit einem hoffnungsvollen "Welcome" begrüßt. Die meisten Läden aber sind dicht, und auch das Christmas House in der Milchgrotten-Straße ist mit einer blauen Eisentür verschlossen. Doch aus der Werkstatt nebenan dringt das Geräusch von Säge-, Schnitz und Schleifarbeiten nach draußen. Hier findet man den Besitzer Jack Giacaman mit einem Pulli voller Staub und Späne und einem freundlichen Lächeln im Gesicht.

Der Bürgermeister verspricht: "Weihnachten wird nicht abgesagt."

"Über den Sommer haben wir unsere zwölf Arbeiter nach Hause schicken müssen", sagt er, "aber seit Ende Oktober haben wir wieder richtig viel zu tun." Giacaman hat die pandemiebedingte Pause dazu genutzt, seine Webseite herauszuputzen. Nun verkauft er seine Krippen übers Internet. Im Laden stehen die Kisten, die verschickt werden in alle Welt. "Das hier geht in die USA", sagt er mit Fingerzeig auf einen halb gefüllten Karton, "das da ist für Dänemark und das andere für Deutschland." Der Umsatz liegt zwar nur bei 20 Prozent im Vergleich zu früheren Jahren. Aber Giacaman ist zufrieden. "Das ist mehr, als ich erwartet habe."

Weihnachtsmann-Kostüme stehen auch in diesem Jahr zum Verkauf. Es kommen nur keine Touristen, die sie haben wollen.

(Foto: Emmanuel Dunand /AFP)

Zurück zum Krippenplatz, an dem auch der Bürgermeister sein Büro hat - im dritten Stock der Stadtverwaltung mit prächtigem Blick auf den Weihnachtsbaum und einer ansonsten eher düsteren Aussicht. Anton Salman hat gerade selber eine Corona-Infektion überstanden. Nun reiht sich in seinem Haus eine Krisensitzung an die nächste, um fürs nahende Fest noch zu retten, was zu retten ist. Die frohe Botschaft des Bürgermeisters vorweg: "Weihnachten wird nicht abgesagt."

Doch wie genau das Fest gefeiert werden soll in Bethlehem, auf das an diesem Tag die halbe Welt schaut, das kann auch er noch nicht sagen. "Wir werden einen Pfadfinderumzug haben, wir werden Chöre haben auf einer Bühne am Krippenplatz, und ich werde dort als Bürgermeister den Lateinischen Patriarchen empfangen zur Mitternachtsmesse in der Geburtskirche", kündigt er an. "Dieses Weihnachten soll von Bethlehem eine Botschaft der Hoffnung ausgehen, dass sich die Welt von der Pandemie erholen wird."

Doch dass es dabei außer an den Bildschirmen ein größeres Publikum gibt, ist unwahrscheinlich. "Ohne Besucher von außen wird es in diesem Jahr sowieso nur ein lokales Weihnachtsfest geben, und wir müssen vorsichtig sein", sagt Salman. "Wir brauchen Masken, Abstand und keine Küsse."

Bei aller Unklarheit ist allerdings eines klar: Elias Halabi wird zur Stelle sein, als offizieller Fotograf. "Für mich ist Weihnachten sowieso niemals traurig, es ist ein Fest der Freude und der Hoffnung", sagt er. "Und in diesem Jahr ist es hier in Bethlehem fast so wie vor 2000 Jahren. Denn als Jesus geboren wurde, waren auch keine Massen da, sondern nur ein paar Hirten."

© SZ
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