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Warteschlangen überall:Lemminge der Lüfte

Wartende Passagiere Flughafen Düsseldorf

Am Schalter, am Gepäckband, stets gilt das Prinzip der Masse. Kommt es zu Rempeleien, heißt es, angefangen haben die anderen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wer sich einmal mit der Masse bewegt, wird sie nicht mehr los. Auf dem Parkplatz an der Talstation, am Lift, auf der Hütte, sogar im Flugzeug heißt es drängeln, anstellen, warten. Sind wir zu doof zum Zerstreuen?

"Wer in einer Masse, die vorwärts drängt, stehen bleibt, leistet so gut Widerstand, als trät' er ihr entgegen, er wird zertreten." Georg Büchner hat diese Zeilen in "Dantons Tod" verewigt, und wahrscheinlich hatte Büchner recht.

Wie sonst ist zu erklären, dass der Mensch einen Großteil seines Daseins irgendwo einschert, sich anstellt, mitschwimmt. Und zwar nicht nur im Stau, der ja längst per Navigationssystem umfahren wird - wodurch der Erholungssuchende auf einmal Leonhardsbuch und das Gewerbegebiet Ziegelberg unweit der A9 meterweise kennenlernt.

Nein, wer sich einmal mit der Masse bewegt, der kriegt sie nicht mehr los. Auf dem Parkplatz an der Talstation steht der Wichtigtuer mit seinem Q7, der gerade noch rechts überholt hat, plötzlich wieder neben einem. Am Lift quetscht sich die Mini-Fahrerin auf Skiern an der Schlange vorbei. Auf der Hütte degeneriert die Essenausgabe zur A9 der Selbstbedienung.

Ist das großen Stauen also möglicherweise eine Art unvermeidliche Plage der Moderne, ungefähr so wie Dschungelcamps, Immobilienmakler und Visagebühren? Braucht der Mensch das Zusammenballen in seiner Freizeit, um sich irgendwie noch zugehörig zu fühlen? Oder sind wir schlicht zu doof zum Zerstreuen?

Im Grunde ist der Mensch für Massenbewegungen ungeeignet. Der Nachweis ist in Form eines Videos im Internet unter "traffic jams without bottlenecks" (Verkehrsstaus ohne Flaschenhals) zu finden. Das Video zeigt einen Versuch in Japan, für den 22 Autofahrer beauftragt wurden, bei einer Geschwindigkeit von etwa 30 Kilometer pro Stunde auf einem 230-Meter-Kurs im Kreis zu fahren und den etwa fünf Meter großen Abstand zum Vordermann zu halten. Nach knapp einer Minute gerät der Verkehr ins Stocken.

Wären Menschen also Zugvögel oder Fische in einem Schwarm, würden sie mit Sicherheit niemals vor einem Raubfisch flüchten können, geschweige denn Afrika erreichen.

Aber für Reisen wurde ja glücklicherweise das Flugzeug erfunden. Nur: Das Prinzip der Masse gilt auch hier. Kaum wird zum Einsteigen aufgerufen, springen alle aus ihren Sitzschalen, um sich am Check-in wie die Lemminge einzureihen. Alle wollen sofort ins Flugzeug. Erlöschen nach dem Flug die Anschnallzeichen - gerne auch früher - wollen alle sofort wieder raus. Das ist schon deshalb Quatsch, weil sich die meisten Stehaufmännchen am Gepäckband wieder treffen.

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An dem stehen sie dann so nah dran, dass ja niemand anderes ohne Rempeleien an seinen Koffer kommt. Und während man sich darüber ärgert, hat man sich schon eingereiht und fährt die Ellbogen aus. Angefangen haben natürlich immer die anderen.

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Clever anstellen

Diese Glosse stammt aus der Rubrik "Ende der Reise", die jeden Donnerstag in der SZ Reise erscheint.

© SZ vom 13.02.2014/cag
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