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Wandern in der Haute Provence:"Ideen sind stärker als Vorurteile, nicht wahr?"

Diese erste Ökobewegung war keine der naturbewegten Herzen, sondern von oben verordnet und straff organisiert. Niemand sang "Mein Freund der Baum". Dafür hat später ein anderer das Ganze mit Poesie unterlegt. Der provenzalische, weltberühmte Schriftsteller Jean Giono schilderte in einer Kurzgeschichte von 1953, wie der Hirte Elzéard Bouffier über viele Jahre hinweg mit buddhistischer Gelassenheit Setzlinge in den Boden pflanzt und eines Tages auf einen Wald als Lebenswerk blickt. "Der Mann, der Bäume pflanzte" ist so etwas wie "Der Kleine Prinz" der Wiederaufforstung. Elf Jahre später, 1964, wird der ONF gegründet.

Agnielles gibt es nicht mehr

Begonnen hat das Projekt vom Wiederfinden zuerst im oberen Tal des unaussprechlichen Baches Buëch. Die Gegend - dunkel und waldreich - liegt zwischen der schon dem Süden zugewandten Gemeinde Sisteron und dem 1200 Meter hohen Col de la Croix Haute, einem Pass, der in Richtung Grenoble führt. Hinterland des Hinterlands. Bewirtschaftet wird hier vom ONF zum Beispiel ein Haus im einstigen Dorf Agnielles.

Agnielles gibt es nicht mehr. Die Tafeln, die zur Erklärung aufgestellt sind, lesen sich wie ein Requiem: 1806 lebten dreihundert Menschen hier; 1910 nur noch hundert. Die Böden sind beschädigt, die Ernten schlecht, der Aberglaube blüht. 1934 verkaufen die meisten Familien ihren Besitz an den Staat, der die Wiederaufforstung betreibt. Als sie gehen, nehmen sie alles mit, was aus Holz ist und sich verkaufen lässt, als Kapital für den Neuanfang, Türen, Fensterstöcke, Dachbalken. Wie nach einem Feuer bleiben nur die Steine stehen. Das Feuer von Agnielles heißt Armut.

Davon muss man keine Ahnung haben, wenn man von Agnielles morgens durch einen sonnenwarmen Kiefernwald zum Col de Lautaret auf 2000 Meter Höhe steigt. Oben ist Handschuhwetter, und später an diesem Tag trifft man den Mann, der sich das Projekt Retrouvance 1996 ausgedacht hat. Jean-Luc Rouquet ist 60 Jahre alt, weiße Haare, feine Brille, Försterkhaki. Er sagt, ihm sei bei seinem ersten restaurierten Forsthaus einfach klar geworden: Dies ist das letzte Haus des Dorfes. Mit ihm würde die Erinnerung an die Menschen und ihre Zivilisation verschwinden. Die wollte er schützen.

"Die Legitimation einer Gegend ist nicht ihr Wald", sagt Jean-Luc Rouquet, und das ist für einen Förster ein gewaltiger Satz. Also suchte er weitere Häuser, um einen Rundweg zu bauen. Oft hörte er, das sei Quatsch, aber er setzte den Quatsch durch. Region, Staat und Europäische Union gaben die Anschubfinanzierung, jetzt trägt es sich, kleine Profite werden rückinvestiert. 200 Leute beschäftigt das Projekt in Frankreich. "Es ist nur ein kleines Unternehmen", gibt Jean-Luc Rouquet zu, aber schließlich wolle man Nachhaltigkeit, keinen Massentourismus.

Außerdem rechnet er sowieso anders. Drei Paare, die in einer Gegend bleiben, das bedeutet wahrscheinlich sechs Kinder, und die Chance steigt, dass die Dorfschule erhalten bleibt. Er lächelt, er weiß, dass man ihn auch für einen Narren halten kann. Deshalb setzt er noch eins drauf. Übrigens verlange er für die Miete keine Anzahlung, da sei eben eine Vertrauensbasis - "für mich ist das eigentlich ein Experiment", so Rouquet. Zum Abschied sagt er: "Die Moral der Geschichte ist doch, dass Ideen stärker sind als Vorurteile, nicht wahr?" Jean-Luc Rouquet wäre nach dem Geschmack von Jean Giono. Ein Mann voller Idealismus, der gestressten Stadtmenschen das gibt, was sie am meisten suchen: Ruhe vor der Welt. Denn ist es nicht so, dass Zivilisationsferne gerade das ist, was der beschleunigte Mensch heute will? Es ist ein ewiges Hin und Her. Man will eben beides.

Und deswegen ist es auch richtig, dass es einer der einst ganz besonders schlimmen Holzfresser ist, mit dem man auf die wirklich schönste Art von den einsamen Höhen des Haut Verdon wieder wegkommt - die berühmte historische Eisenbahnlinie ab Digne-les-Bains, die Pinienbahn: Im Waggonfenster wird die Landschaft nach jedem Tunnel lieblicher, bis der Zug in Nizza einfährt, wo selbst die Förster Badehose tragen.

Informationen

Reisearrangement: In Deutschland bietet Wikinger Reisen in Zusammenarbeit mit der Waldbehörde Office National des Forêts (ONF) unter dem Titel "Verschwundene Dörfer" zehntägige Wanderreisen in den Pyrenäen, im Nationalpark Mercantour und der Haute Provence an. Kosten pro Person inklusive Flug nach Marseille, Transfers, Übernachtungen und Verpflegung ab 1530 Euro, www.wikinger.de; Informationen zum Projekt Retrouvance im Internet unter www.onf.fr/retrouvance

© SZ vom 23.10.2014/ihe

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