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Wandern auf Teneriffa:Schmuckkästen unter Hotelklötzen

Auch der damals 29 Jahre alte Forschungsreisende kam auf dem Weg zum Teide durch den Kiefernwald. Im Juni 1799 verbrachte Humboldt eine Woche auf Teneriffa, bevor er nach Amerika segelte. Der Kapitän seines Schiffs Pizarro hatte wenig Lust, lange auf ihn zu warten. Humboldt musste sich beeilen. Er wohnte bei der Kaufmannsfamilie Cólogan am Kirchplatz des heutigen Touristenzentrums Puerto de la Cruz. Die Architektur des Gebäudes blieb erhalten, heute befindet sich das Drei-Sterne-Hotel Marquesa darin. Mit seinem überdachten Innenhof und der Galerie aus dunkler Kanarenkiefer vermittelt das Hotel noch immer eine Ahnung vom glanzvollen Leben der gebildeten Stände im 18. Jahrhundert. Eine Sehenswürdigkeit ist das historische Schmuckkästchen inmitten hässlicher Hotelklötze aus der Anfangszeit des Massentourismus ohnehin.

Innerhalb von sechs Tagen traf Humboldt wichtige Persönlichkeiten der Insel und vertiefte sich in Flora und Fauna. Er bestieg den Pico del Teide und hinterließ der Tourismusindustrie jenen Ausspruch, der heute in keinem Reiseführer fehlt: Nachdem er die Welt bereist habe, müsse er gestehen, "nirgends ein so mannigfaltiges, so anziehendes, durch die Verteilung von Grün und Felsmassen so harmonisches Gemälde vor mir gehabt zu haben".

Arg ramponiert

Als Schauplatz dieser Gefühlswallung wird der Aussichtspunkt Mirador de Humboldt vermarktet, eine in den Fels gehauene Terrasse mit Café und einer lässig auf der Brüstung sitzenden Humboldt-Statue unterhalb von Orotava. Das Panorama reicht von Puerto de la Cruz und dschungelartig wuchernden Bananenplantagen bis hinauf zur Kaldera des Teide über das gesamte Orotavatal.

Das "harmonische Gemälde" allerdings, von dem Humboldt schwärmt, wurde in den vergangenen 200 Jahren arg ramponiert. Betonklötze aus den Siebzigerjahren sprenkeln das Bild. Eine mehrspurige Schnellstraße zerschneidet es. Die Autos übertönen selbst in dieser Höhe noch das Zischen der Kaffeemaschine. Teneriffa und Humboldt - das ist eine alte Geschichte. Aber nicht so alt, dass sich anhand von ihr nicht auch etwas über die spanische Gegenwart erzählen ließe. Am Rande der historischen Route jedenfalls begegnet man immer wieder Menschen, die die massentouristische Entwicklung ihrer Insel mit gemischten Gefühlen erleben.

Zum Beispiel Carlos Quemada Conde. Der 40-Jährige mit dem herzlichen Lachen und dem kräftigen Händedruck stammt aus einer Familie von Bauunternehmern. Er errichtete Hotels und legte Straßen an, zum Beispiel hoch zum Teide-Nationalpark. Als die Wirtschaftskrise auch auf Teneriffa zuschlug, den Bauboom beendete und Aufträge ausbleiben ließ, sah er sich nach einer Alternative um. Zusammen mit seiner Frau übernahm er das leer stehende Hotel Alta Montaña auf 1400 Metern Höhe. Die beiden zogen von der Inselhauptstadt Santa Cruz in das verschlafene Bergdorf Vilaflor und beschlossen, die zwei Hektar Grund des Hotels zu beackern. "Wir hatten absolut keine Ahnung, wie man Landwirtschaft betreibt", sagt Carlos Quemada, "wir lernten es durch Ausprobieren und dank der Hilfe unserer Nachbarn."

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Vor allem die älteren Leute aus dem Dorf hätten Solidarität gezeigt und ihnen erklärt, wie man Wein, Kartoffeln, Obst und Gemüse anbaut. Viele Tinerfeños haben sich in der Krise notgedrungen auf die Selbstversorgung besonnen. Überall auf der Insel sieht man Anpflanzungen, wo viele Jahre lang die Felder brachlagen.