Wachstumsbranche Boom auf Europas Werften

Bis 2024 sollen 56 neue Kreuzfahrtschiffe mit 156000 Betten entstehen. Was bedeutet das für die Hotellerie an Land?

Von Frank Behling

Vor wenigen Tagen erreichte der Auftragsbestand der Werften einen neuen Höchststand: 56 große Kreuzfahrtschiffe mit mehr als 165 000 Betten sind weltweit bei Werften in den Auftragsbüchern. Bis 2024 reicht der Auftragsbestand inzwischen. Die Durchschnittsgröße der Neubauten hat längst die Marke von 3000 Betten pro Schiff erreicht. Am 24. Mai bestellte die US-Reederei Royal Caribbean Cruise Line bei der französischen Werft STX France in St. Nazaire drei weitere Schiffe. Dazu gehörte auch ein fünftes Schiff der "Oasis"-Klasse mit Betten für 6000 Passagieren. Damit hält die Nummer zwei im Markt Anschluss an Marktführer Carnival, der unlängst gleich neun Neubauten bei Werften in Italien, Deutschland und Finnland orderte.

Die Order von Royal Caribbean war der vorläufige Höhepunkt einer Einkaufsrallye großer Reedereien. Damit waren seit Jahresbeginn die letzten verbliebenen Kapazitäten bei den großen Kreuzfahrtwerften in Europa belegt worden. Bis 2020 ist bei den Werften Meyer, STX und Fincantieri kein Bauplatz mehr für ein Kreuzfahrtschiff mit einer Länge von über 300 Metern zu bekommen. Die bislang bei der Meyer-Werft in der Kundenliste stehende Genting-Gruppe aus Malaysia war durch Aufträge der großen US-Konzerne sprichwörtlich ausgebootet worden und machte aus der Not eine Tugend. Kurzerhand kaufte sich Genting eine eigene deutsche Werft: Auf der Lloyd-Werft in Bremerhaven sowie bei den drei Betrieben der Nordic-Gruppe in Mecklenburg-Vorpommern will Genting seine neue Flotte bauen.

Nun mangelt es auf dem Weltmarkt gerade nicht an Werften. "Es mangelt aber an Werften mit Erfahrung und Zuverlässigkeit im Kreuzfahrtsegment", sagt ein Reedereimanager. Werften mit Know-how im Kreuzfahrtschiffsbau sind rar. Diese Erfahrung musste Deutschlands Marktführer Aida machen. Der Schritt nach Asien 2011 mit der Bestellung von zwei Neubauten bei Mitsubishi Heavy Industries in Japan wurde bei der Zeitplanung zum Fiasko. In Deutschland dominiert Aida Cruises (Rostock) trotz der Probleme mit den Japan-Neubauten den Markt. 824 000 Buchungen erreichte die Kussmundmarke im vorigen Jahr. Das ist neuer Rekord. Spätestens 2017 wollen die Rostocker die Marke von einer Million Passagieren knacken. Und die Zeichen stehen in Deutschland auf Wachstum. Getragen wird dies aber nur zum Teil durch neue Schiffe. "Vor zehn Jahren war eins unserer damals vier Schiffe im Sommer in Deutschland. In diesem Jahr starten sieben von elf Aida-Schiffen von deutschen Häfen aus", sagt Felix Eichhorn. Der Präsident der deutschen Tochter im US-Konzern Carnival Cruise Corporation ist zufrieden. Es gibt gleichzeitig eine Verlagerung in die Heimatgewässer. Der Start des neuen Flaggschiffes Aidaprima hat daran großen Anteil. Der 300 Meter lange Neubau hat so überzeugt, dass Aida dieses Schiff bislang ohne Sonderangebote füllt.

Die Devise lautet: Neue Märkte oder neue Zielgruppen zu finden und zu erschließen

Mit der Aidaprima startete die Kussmund-Marke ihr seit acht Jahren geplantes Projekt der ganzjährigen Stationierung eines Schiffes in Norddeutschland. "Wir sehen im Markt die Nachfrage nach Reisen von deutschen Häfen steigen. Mit der Aidaprima haben wir ein Schiff, das unabhängig von der Jahreszeit in Deutschland eingesetzt werden kann", sagt Hansjörg Kunze von Aida. Tropisches Strandambiente unter Palmen bei wohligen 24 Grad sind gesetzt. Selbst dann, wenn draußen der norddeutsche Novemberregen aufs Deck prasselt. Die Lösung hat sich das Aida-Neubauteam in München abgeguckt. Die großen Decksbereiche mit dem Beachclub und dem Sportpark "Four Elements" sind mit Foliendächern geschützt. Diese Folie aus Ethylen-Tetrafluorethylen umhüllt in München die Allianz-Arena. Die Spezialfolie ist leicht, robust und lässt UV-Strahlung durch. Bräunen unter Schutz ist möglich. Bereits jetzt sind weitere Schiffsneubauprojekte mit diesen Folien in Planung.

Der Weg von Aida ist nur einer, mit dem Schiffe gefüllt werden. Die Marke von zwei Millionen Passagieren in Deutschland wird möglicherweise 2017 erreicht, wenn mit der Aidaperla und der Mein Schiff 6 zwei weitere Neubauten kommen. Der Hamburger Mitbewerber Tui Cruises holt ebenfalls neue Zielgruppen auf die Schiffe. Am 15. Juli wird vor Travemünde mit der Mein Schiff 5 der dritte von sechs Neubauten getauft. Damit ist Tui Cruises der einzig verbliebene ernsthafte Konkurrent für Aida. Und auch den Hamburgern fällt es anscheinend leicht, die Schiffe zu füllen.

Die Mein Schiff 3 hatte im Frühjahr mit ihrem Rockliner-Auftritt Schlagzeilen gemacht. Udo Lindenberg und sein Panikorchester hatten es geschafft, mehr als 2500 Menschen für eine Reise durchs Mittelmeer zu begeistern. Nach 20 Minuten war die Reise ausverkauft. Es war bereits der vierte Rockliner seit 2010. "Wenn Udo mitmacht, würden wir sofort den Rockliner 5 starten", sagte Tui-Geschäftsführerin Wybcke Meier.