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Vulkantourismus auf Teneriffa:Verzauberte Landschaften

Auch bei Lichte besehen ist das Vulkanthema im Norden der Insel omnipräsent. Zum Beispiel bei einer Fahrt durchs Teno-Gebirge zum spektakulär gelegenen Dorf Masca, wo eine bei Touristen wie Einheimischen beliebte Wanderung durch die Schlucht "Barranco de Masca" zum Meer hin beginnt. Steil ragen die bis zu 1000 Meter hohen Felswände auf. Ein Bach plätschert in der Mitte, gleich daneben pflanzten die Tinerfeños genannten Inselbewohner früher Zuckerrohr an - jeder Tropfen Wasser auf der kargen Insel musste genutzt werden. An anderen Stellen sprengten die Bewohner einst Stollen in die Berge, um an Wasserreserven zu kommen, die im Vulkangestein verborgen sind: rund 1000 sogenannte Galerien gab es im 19. Jahrhundert, und insgesamt schlängelten sie sich auf 1700 Kilometern durch die Felsen der Insel.

Heute funktioniert nur noch die Hälfte von ihnen, und der Wassermangel ist immer noch ein Problem. Denn die Bevölkerung ist auf inzwischen fast 900 000 Einwohner gewachsen, wie der Naturführer und Historiker Javier Chirivella erzählt, 2011 haben dazu mehr als fünf Millionen Touristen die Insel besucht. "Es war auch sehr trocken in den vergangenen Jahren", sorgt er sich, "früher hatten die Bäche in den Schluchten das ganze Jahr über Wasser, jetzt nicht mehr." Der 31-Jährige, ein mustergültiger Öko-Missionar, versucht, auf seinen Exkursionen insbesondere Schüler für den Naturschutz zu sensibilisieren: "Die Jugendlichen hier haben nicht viel Bewusstsein dafür." Seit mit dem rasch wachsenden Tourismus in den Siebzigerjahren die Landflucht begann, gebe es sowieso nicht mehr sehr viele Tinerfeños, die im engen Kontakt mit der Natur leben.

Der Ziegenhirte will die Tradition am Leben erhalten. Obwohl die Arbeit hart ist

Das merkt man überdeutlich in einer einsamen Gegend wie dem Teno-Gebirge. Auf kurvenreichen Straßen, immer dicht am Abgrund entlang, fährt man hier durch magische Berglandschaften, vorbei an mit Erika bewachsenen Hängen; nur ein paar Wolken hängen in den Schluchten, weiter hinten sieht man schon das Meer. Doch in den Dörfern inmitten dieser verzauberten Landschaft wohnen fast ausschließlich alte Leute. Nur wenige Junge setzen hier noch auf Landwirtschaft und halten Traditionen aufrecht. Junge wie Alexander, der Ziegenhirte.

Seit vier Jahren zieht Alexander López Rodríguez, 25 Jahre alt, mit 80 Ziegen von einem Weideplatz zum nächsten; Geld bringt ihm allein der Verkauf von Käse. "Es ist eine tägliche Sklaverei, nie hat man Ferien", sagt er, etwas verlegen grinsend. "Doch mir macht das nichts aus, ich mache das, weil ich es will." Außerdem habe er als Hirte viele Vorteile: "Ich arbeite in aller Ruhe. Und man kann davon leben, mit viel Arbeit, aber man lebt." Außerdem will Alexander, dass die Traditionen der Gegend nicht verloren gehen. Der "Hirtensprung" zum Beispiel, bei dem die Schäfer sich einst mit einem langen Stab über Schluchten schwangen. Heute ist Alexander Mitglied in einem Verein, in dem man um die Wette springt. Außerdem hat er sich von einem 95-Jährigen beibringen lassen, wie man früher Dachziegel herstellte. Neben einem alten Ofen an einem abgelegenen Hügel führt er es vor, matscht sorgsam einen Lehmziegel nach dem anderen: "Die hielten früher ein Leben lang", sagt er. Und: "Irgendjemand muss das Erbe bewahren."

Einfach ist das nicht. Die meisten Tinerfeños arbeiten inzwischen im Massentourismus in den Hotels im wüstenähnlichen Süden der Insel. Doch auch der feuchtere, lieblichere Norden ist mit wenigen Ausnahmen wie dem einsamen Teno-Gebirge zersiedelt. Nicht überall ist hier nachzuvollziehen, was Alexander von Humboldt einst schrieb: "Kein Ort der Welt scheint mir geeigneter, die Schwermut zu bannen und einem schmerzlich ergriffenen Gemüte den Frieden wiederzugeben, als Teneriffa und Madeira."

Auch in einem so hübschen Küstenort wie Garachico im Nordwesten lässt sich die Schwermut nicht gänzlich besiegen. Die einst bedeutende Hafen- und Handelsstadt wurde 1706 bei einem Vulkanausbruch teilweise zerstört, der Verlauf der Lavaströme ist jetzt noch sichtbar. Heute wirkt das freundliche Städtchen mit seinen vorbildlich restaurierten historischen Gebäuden auf höchst friedvolle Weise wieder sehr lebendig. Doch wer weiß schon, was unter dem Gestein der zahlreichen Vulkane der Insel brodelt? Etwa alle 100 Jahre, so hat der Höhlenforscher Dragan erzählt, speie auf Teneriffa ein Vulkan Feuer, 1909 war das letzte Mal. Wann wird der nächste Lavastrom den Tanz auf den Vulkanen beenden? Wie grummelte doch der Dämon im Film des Teide-Besucherzentrums: "Ich bin nicht tot, ich schlafe nur sehr viel." Und brach in heiseres Gelächter aus.

Informationen

Anreise: Flug mit Condor, zum Beispiel von München nach Teneriffa Süd, hin und zurück im Frühjahr 2013 ab 390 Euro, condor.com

Übernachtung: Hotels in allen Preisklassen; im Süden der Insel ist eher der Massentourismus zu finden, der Norden bietet Individualreisenden vielfältige Übernachtungsmöglichkeiten. Ein gehobenes Hotel in historischem Ambiente mitten im Städtchen Garachico ist zum Beispiel La Quinta Roja, Doppelzimmer ab 111 Euro, quintaroja.com

Weitere Auskünfte: turismodecanarias.com; Exkursionen organisiert zum Beispiel die ökologisch engagierte Agentur El Cardón, Buenavista del Norte, elcardon.com; ein Höhlenbesuch ist buchbar über Cueva del viento, Icod de los Vinos, cuevadelviento.net

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