Süddeutsche Zeitung

Vorurteile über Kreuzfahrten:Nur Rentner an Bord - oder?

Wie viel Traumschiff steckt in einer Kreuzfahrt? Geben Animateure auch mal Ruhe? Und werden die Tage auf See nicht langweilig? Zehn Vorurteile über Kreuzfahrten im Realitätstest.

Susanne Popp

Das Horn dröhnt, Sektkorken knallen, zum Auslaufen schallt das orchestrale Schiffslied: Der Beginn einer Kreuzfahrt erinnert an Klischees aus ZDF-Filmen. Aber wie viel Traumschiff steckt in einer Kreuzfahrt? Susanne Popp hat sich eine Woche an Bord eines Kreuzfahrtschiffes begeben (Kategorie Clubschiff) und nach einer Antwort gesucht - zehn Vorurteile über Kreuzfahrten im Realitätstest.

Vorurteil 1: "Kreuzfahrten sind überteuert."

Grundsätzlich stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis bei Kreuzfahrten. Im Vergleich zu einem Last-Minute-Pauschalangebot am Mittelmeer ist eine Woche an Bord zwar teuer. Hotels gleichen Standards (4 oder 5 Sterne) erreichen allerdings ein ähnliches Preisniveau. Zudem erhalten Passagiere auf den Schiffen neben An-und Abreise sowie Unterkunft das Versprechen der "alles inklusive"-Reise: Animationsprogramm, Sport und Essen rund um die Uhr.

Eigene Erfahrung an Bord: Die Schiffsreise wird doch etwas teurer als der Pauschalpreis - zumindest für diejenigen, die nicht auf Zusatzangebote wie Cocktails an der Poolbar, Wellness-Anwendungen oder geführte Ausflüge verzichten wollen.

Vorurteil 2: "Auf Kreuzfahrten liegt das Durchschnittsalter bei 70 Jahren."

Laut Statistiken des Deutschen Reiseverbandes sind die meisten Passagiere zwischen 41 und 55 Jahre alt. Als Ausnahmen gelten Fahrten mit traditionellen Schiffen, nördliche Routen oder Flusskreuzfahrten: Dort zählt das Publikum häufig zur Generation 60 plus. Größere europäische und amerikanische Kreuzfahrtschiffe wenden sich hingegen verstärkt an junge Urlauber und Familien mit Kindern. So sinkt das Durchschnittsalter bei Reisen auf dem Mittelmeer und zur Ferienzeit seit einigen Jahren stetig.

Deshalb verjüngen nicht nur die Clubschiffe von AIDA Cruises, sondern auch MSC, TUI Cruises, Hapag-Lloyd Kreuzfahrten oder Transocean ihr Angebot. Jugendliche und junge Erwachsene reisen vielfach zu günstigeren Konditionen, Kinder teilweise umsonst in der Elternkabine.

Eigene Erfahrung an Bord: Ja, es gibt Passagiere zwischen 20 und 30 Jahren an Bord - nur machen sie höchstens zehn Prozent aus. Damit sich das ändert, wird von den Anbietern "Aktivurlaub in entspannter Clubatmosphäre" angeboten. Also werden neben den herkömmlichen Landausflügen auch Besuche in Wasserparks oder Hiking-Touren eingeplant. Für die Clubstimmung tönen aus den Bordlautsprechern massenkompatible Sommerhits wie "Ai se eu te pego" von Michel Teló ("Wenn ich dich kriege") oder "Dragostea din tei" von O-Zone (deutscher Songtext: "Noch mehr hii, noch mehr huu, noch mehr hoo, noch mehr haa haa").

Haben Passagiere nun mehr Angst auf der Kreuzfahrt?

Nach dem Kentern der Costa Concordia vor der italienischen Insel Giglio stellten sich nicht nur künftige Schiffstouristen die Frage nach der Sicherheit auf Kreuzfahrten. Doch wie sehr lassen sich Passagiere von dem tragischen Vorfall beeinflussen?

Vorurteil 3: "Passagiere haben nach dem Costa-Concordia-Unglück Angst um ihre Sicherheit."

Trotz der Katastrophe in Italien zählen Kreuzfahrten laut Statistik nach wie vor zu den sichersten Reiseformen (mehr zu Gefahren und dem richtigen Verhalten bei Notfällen lesen Sie im Artikel "Wie sicher sind Kreuzfahrten?"): Auf 100 Millionen Passagiere kamen seit 2005 16 Todesfälle. Mittlerweile melden die großen Kreuzfahrtunternehmen Carnival und Royal Caribbean allerdings deutliche Buchungsrückgänge von bis zu 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Eigene Erfahrung an Bord: Knapp eine Woche nach der Havarie der Costa Concordia gaben sich die Passagiere an Bord der AIDAsol betont entspannt. "Wir fühlen uns sicher und vertrauen der Crew", sagte etwa ein Ehepaar aus Süddeutschland. Stornieren war zumindest für sie nicht in Frage gekommen.

An Bord der AIDA wird die Sicherheit ernst, im Vergleich zu früheren Fahrten vielleicht auch noch ernster genommen. Die vorgeschriebene Rettungsübung fand diesmal bereits am ersten Abend noch vor dem Auslaufen statt. Sieben kurze und ein langer Signalton forderten die Passagiere auf, ihre Rettungswesten anzulegen und die Kabinen zu verlassen. Die Reisenden folgten zügig und drängten auf Gängen und Treppen zu den Sammelstellen. Selbst hier machte der Bordfotograf Bilder von den Menschen mit den roten Schwimmwesten, was einige Gäste etwas unpassend fanden. Als die Stimme des Kapitäns über Lautsprecher das Verhalten im Ernstfall erläuterte, verstummten diesmal sofort Gespräche und Gelächter. Selbst wer zuvor mit ironischen Sprüchen aufgefallen war, lauschte konzentriert. Auch die Crew bestätigte: Die Aufmerksamkeit der Gäste ist nach dem Costa-Concordia-Unglück größer.

Gemäß den internationalen Vorschriften wurde während der Übung jede einzelne Kabinennummer aufgerufen. Am Ende der langen Liste war die Ernsthaftigkeit fast wieder verflogen und die Durchsagen kaum noch zu verstehen. "Ich glaube, im Notfall funktioniert die Evakuierung schon", gab sich ein junger Reisender zuversichtlich. Im Ernstfall würden die Passagiere anschließend auf die Rettungsboote verteilt. Dass das Alarmsignal auf der Route tatsächlich noch einmal ertönen würde, davon ging keiner der Reisenden aus.

Wie langweilig sind Tage auf hoher See?

Ein Tag auf dem Meer mag noch kurzweilig sein, aber werden mehrere Tage auf hoher See irgendwann eintönig? Und muss man wirklich noch Frack und Cocktailkleid mit an Bord nehmen?

Vorurteil 4: "Ein Tag auf See ist langweilig."

Die meisten Anbieter haben für die Tage auf See vorgesorgt, nicht nur das Animationsprogramm soll die Zeit verkürzen, auch für Schiffe eher ungewöhnliche Einrichtungen wie Rollschuhbahnen, Brauhäuser oder Grill-Stationen, an denen die Gäste ihr Steak selbst brutzeln können.

Eigene Erfahrung an den Seetagen: Frühaufsteher sind schon vor sieben Uhr auf den oberen Decks. Gräulich-blau, dann leicht orange schimmernd und schließlich fast rötlich erscheint der Himmel, wenn sich am Morgen die Sonne aus dem Meer am Horizont hebt. Dieses Urlaubsfoto belohnt das frühe Aufstehen.

Danach liegt ein Tag auf offenem Meer beziehungsweise auf 14 Decks vor den Passagieren. Wer die Liegezeiten in den Häfen zu Ausflügen nutzt, findet manchmal nur an diesen Tagen auf dem Meer Zeit für Wellness und Sport - was allerdings bedeutet, dass man sich die Sauna mit deutlich mehr Mitreisenden teilen muss.

Sieht die Route mehrere Tage ohne Landgang vor, kann das Schiff eng werden. Aktive Passagiere, die aber nicht am Animationsprogramm interessiert sind und sich weder durch mögliche Walsichtungen noch von Büchern ablenken lassen, klagen dann tatsächlich über Langeweile.

Vorurteil 5: "An Bord trifft man abends nur Anzugträger."

Gerade auf modernen Clubschiffen ist festliche Abendgarderobe die Ausnahme. Die Bordhinweise beschreiben die Kleiderordnung als "zwanglos, aber mit Stil". So sind Tennissocken zu kurzen Shorts beim Dinner geächtet und lange Hosen erwünscht, allgemein dominieren aber sportlich-legere Outfits. Auf klassischen Kreuzfahrtschiffen trägt man hingegen zum Dinner noch Anzug und Fliege oder Cocktailkleid. Hier wird die Kleiderordnung für die Abendveranstaltungen per Kabinenpost mitgeteilt.

Eigene Erfahrung an Bord: Das Polohemd in allen farblichen und preislichen Varianten scheint die bevorzugte Wahl bei männlichen und weiblichen Gästen zu sein.

Massenabfertigung im schwimmenden Clubhotel?

Muss man auf dem Kreuzfahrtschiff immer mit der Masse mitlaufen? Und haben Ruhebedürftige eine Chance, den Animateuren zu entkommen?

Vorurteil 6: "Kreuzfahrten sind nichts für Individualtouristen, sondern Massenabfertigung."

Das Konzept an sich spricht gegen Individualtourismus, schließlich sind die Rahmenbedingungen sehr eng gesteckt: Hunderte Urlauber müssen zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten sein - und alle zufrieden gestellt werden.

Eigene Erfahrung: Überzeugte Rucksacktouristen werden sich schwer in die Gruppe Mountainbiker einreihen, die dem Scout bergauf und -ab auf teuren Hightech-Rädern mit buntem Reederei-Logo folgt und sie werden ebenso ungern mit 30 Mitreisenden in einem Bus auf "Das Beste von..."-Tour gehen. Massentouristische Aspekte lassen sich bei einer Kreuzfahrt nicht umgehen. Wenn ein oder mehrere Schiffe in einem Hafen anlegen, warten häufig bereits lange Taxischlangen auf die Kunden. Tausende Passagiere strömen gleichzeitig in die Orte.

Dort gilt aber: Jeder kann seinen Ausflug individuell gestalten, geführte Touren sind nicht verpflichtend. Ab und an gelingt es so tatsächlich, auf eigene Faust einen kleinen Fischerort zu entdecken, ohne dabei auf mitreisende Kreuzfahrer zu treffen.

Das Bordleben hingegen ist auf die enormen Kontingente ausgerichtet und standardisiert. In den Kabinen dominiert schlichtes Design. Die Buffetrestaurants servieren statt einheimischer Spezialitäten internationale Küche. Immerhin: Neben den aus Clubhotels bekannten Pommes und Spaghetti gibt es kulinarisch abwechslungsreichere Speisen - von asiatischen Meeresfrüchtesalaten und Currys über Churrasco bis zu mexikanischen Burritos.

Vorurteil 7: "Die Schiffe sind wie Clubhotels, man muss ständig aufdringliche Animateure abwimmeln."

Kreuzfahrtschiffe sind - egal ob Luxusdampfer mit älteren Gästen oder Partyschiff im Mittelmeer - tatsächlich schwimmende Clubhotels. Wer die einsame Poolliege sucht, um dem Meeresrauschen zu lauschen, wird enttäuscht. Allerdings gibt es auf einigen Decks ruhigere Bereiche, in denen keine Animateure zum Volleyball, Dart oder Cocktailmixen rufen.

Eigene Erfahrung an Bord: Grundsätzlich gilt für alle Angebote: Jeder kann, keiner muss mitmachen. Die Mehrzahl der Reisenden sucht und schätzt das "Clubgefühl", angefangen mit gemeinsamen Aktivitäten bis zum unvermeidlichen Clubsong und -tanz. Ansonsten reicht ein "Nein, danke", um wieder seine Ruhe zu haben.

Ein Hauch von "Traumschiff"?

Essen rund um die Uhr oder ein Dasein wie im Film - wie geht es wirklich auf "Traumschiffen" zu? Und wie sehr schaden die Kreuzfahrtriesen der Umwelt?

Vorurteil 8: "Alles dreht sich ums Essen. Sportler sind auf Kreuzfahrtschiffen fehl am Platz."

Es gibt tatsächlich rund um die Uhr Essen und Getränke. Vom Frühaufsteher-Frühstück über Langschläfer-Buffet, Mittagessen, Kaffee und Kuchen bis zum Abendessen und abschließendem Mitternachtssnack.

Eigene Erfahrung an Bord: Zum Ausgleich finden Sportler eine Joggingstrecke an Bord. Die wenigen hundert Meter einmal um die oberen Decks bergen aber Drehwurmgefahr nach den ersten zehn Runden. Das angebotene Sportprogramm mit Biken, Tauchen oder Surfen bietet wenigstens die Illusion, alle angehäuften Kalorien schnell wieder abtrainieren zu können.

Vorurteil 9: "An Bord geht es zu wie auf dem 'Traumschiff'."

"'Das Traumschiff' ist zugleich opulentes Starfernsehen, Familienunterhaltung und begeisterndes Reiseerlebnis", schwärmte Thomas Bellut, Programmdirektor des ZDF, anlässlich der 30 Jahre "edle Art des Eskapismus und Quotenerfolg". Doch wie geht es wirklich an Bord eines Kreuzfahrtschiffes zu?

Eigene Erfahrung: Gegessen wird an großen Tischen, gesprochen wird deutsch - so lernt man unweigerlich Mitreisende kennen. Die Urlaubsatmosphäre ist gerade auf Clubschiffen auf Kommunikation und Gemeinsamkeit ausgelegt. Dabei lässt sich das menschliche Bedürfnis nach Klatsch und Tratsch schwer unterdrücken. Warum hat sich das junge Paar gegenüber nichts zu sagen? Wie findet es der Teenager mit Brille, mit seinem Vater abends in der Disco zu stehen?

Wissenschaftler rechtfertigen diese Neugier: Um sich in ihrem Umfeld zurechtzufinden, benötigen Menschen möglichst umfangreiche Informationen über das Verhalten und die Stellung ihrer Mitmenschen. Genau das liefern Klatschgeschichten in Dorf oder Stadt, am Arbeitsplatz und eben auch auf Kreuzfahrtschiffen. Nicht jeder muss mitreden. Und dramatische Liebesgeschichten, Verwicklungen und Familienskandale bleiben meist dem TV-Traumschiff vorbehalten.

Vorurteil 10: "Kreuzfahrten schaden der Umwelt."

Der Naturschutzbund Deutschland hat die Kreuzfahrtunternehmen AIDA und TUI Cruises zu "Umwelt-Dinosauriern des Jahres 2011" ernannt, da deren Schiffe auf hoher See immer noch mit giftigem Schweröl fahren. Ein einziges Kreuzfahrtschiff produziert so auf einer Reise genauso viele Schadstoffe wie fünf Millionen PKW auf der gleichen Strecke. Die Naturschützer fordern deshalb die Umstellung auf schwefelarmen Schiffsdiesel, den Einbau von Filtern und langsamere Geschwindigkeiten. Zudem liegen die "weißen Riesen" häufig mit laufenden Maschinen in den Häfen, um auch im Ruhezustand ihre Passagiere zu verwöhnen: Wellness-Angebot geht vor Umweltbelastung.

Eigene Erfahrung: Selbst wer sich für die Fahrt auf dem "Umwelt-Dinosaurier" entschieden hat, könnte an Bord zumindest noch kleine Beiträge zum Umweltschutz leisten: Dasselbe Poolhandtuch ließe sich beispielsweise mehrere Tage lang nutzen, so dass der abendliche Stapel benutzter Wäsche neben den Sonnenliegen etwas kleiner wäre. Doch bei den meisten Passagieren bleibt das grüne Gewissen gleich ganz an Land.

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