Länder mit Zügen zu durchqueren, ist ja immer eine gute Idee. Weil sie eine Kulisse für Begegnungen aller Art sind und man im Zug ein Gefühl für die Distanzen bekommt, die man zurücklegt. Dafür, dass Reisen eben auch die Zeit ist, die man in Transportmitteln verbringt. Im australischen Zug "The Ghan" bekommt man dazu noch eine andere Perspektive: Wie eng die Geschichte eines Kontinents mit der Entwicklung seiner Eisenbahn verwoben ist.
Der Ghan verbindet Australien von Süden nach Norden, von Adelaide nach Darwin, in drei Tagen durchquert er vier Klimazonen, er fährt durch tropische Wälder genauso wie durch die Wüste, er führt an Rinderfarmen vorbei und an der Küste. Zustieg in Alice Springs, der Stadt im roten Zentrum Australiens. Alles hier erzählt davon, dass in dieser Gegend sehr lange nur sehr wenige Menschen lebten. Die Telegrafenstation etwa. Ein paar versprengte Steingebäude mitten im Busch, zwischen Felsen und rotem Sand. Der Ort steht für die ersten Versuche europäischer Siedler, sich im Herzen Australiens niederzulassen. Und für den Preis, den andere zahlen mussten: Die Telegrafenstation diente später dazu, die Kinder unterzubringen, die man den Aborigines-Familien weggenommen hatte, um sie europäisch zu erziehen. An den Wänden der Steinhäuser sieht man Schwarz-Weiß-Fotos dieser gestohlenen Generation.
Aber erst einmal ist es Zeit für die angenehmen Seiten der australischen Geschichte: Am Bahnhof steht der silberglänzende Zug mit der roten Lok bereit. Die Fahrgäste werden in ihre Kabinen gebracht, und dann gibt es auch schon eine von vielen Mahlzeiten im Speisewagen, der "Queen Adelaide" heißt und mit seinen goldfarbenen Leisten, holzgetäfelten Wänden und schnörkelverziertem Glas das Reisegefühl der Kolonialzeit zu inszenieren versucht. Während drinnen Barramundi und Rote-Bete-Tarte serviert werden, rauscht draußen das unendlich wirkende Land vorbei, rot und grün und trocken, nur hin und wieder sieht man ein paar Pferde oder Rinder. Damit der "The Ghan" vor 90 Jahren das erste Mal starten konnte, waren mehrere Jahrzehnte an Bauarbeiten nötig, von den angeblich aus Afghanistan stammenden Treibern der Kamelkarawanen, die damals die Güter durch den Kontinent transportierten, hat er seinen Namen. Seither wurde der Zug mit Einzelkabinen, Zimmerservice, Lounges und einer Bar zu einem rollenden und ziemlich hochpreisigen Hotel aufgepeppt, mit dem man die Touristenattraktionen abklappern kann. Interessanterweise sind sehr viele Australier an Bord, so wie die alte Dame mit Gehbehinderung, die sich schon zum zweiten Mal auf den langen, rumpeligen Weg nach Norden macht. Wie so viele Australier, hat sie im Leben genug damit zu tun, ihr eigenes Land zu bereisen, Tourismus in Australien ist immer auch Tourismus auf den Spuren der eigenen Geschichte.
Am nächsten Morgen erreicht der Zug die Stadt Katherine. Auch hier wieder viel Natur und noch mehr Geschichten. In der Nähe, am Pine Creek, wurde beim Bohren der Löcher für Telegrafenleitungen Gold gefunden, in Adelaide River gibt es den einzigen Soldatenfriedhof Australiens, er stammt aus der Zeit, als die Japaner im Zweiten Weltkrieg aus der Luft angriffen. Und immer wieder sind Naturkatastrophen ein Thema. Eine Anwohnerin von Katherine erzählt, wie Ende der Neunzigerjahre nach einem Zyklon plötzlich alles unter Wasser stand und ein Großteil der Bewohner die Stadt verlassen musste. Sie hatte damals einen Zeitungskiosk, und als sie ihn betrat, war alles Pappmaschee, "nur der in Folie eingeschweißte Playboy hat überlebt". Es ist das Aufeinandertreffen von Natur und Zivilisation, das man im Ghan mitbekommt, man erfährt, wie der Mensch die Natur erschlossen hat und wie bedrohlich und zugleich bedroht diese ist. Der Zug ist eigentlich ein rollender Geschichtsunterricht, nur, dass man dabei im Bett eines knarrenden Abteils liegen und in den Sternenhimmel des Outback schauen kann.
Informationen über Strecke, Preise und Angebote unter www.greatsouthernrail.com.au
