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Verkehr in Venedigs Kanälen:Gondeln im Stau

Priest standing in a gondola, and gondoliers pay their respects at the place near Rialto bridge where a German tourist was killed in Venice

Solidaritätsbekundung der Gondolieri für die Familie des Unfallopfers nahe der Rialtobrücke in Venedig am Sonntag

(Foto: REUTERS)

Tausende Boote, Wassertaxis und Gondeln fahren jeden Tag auf dem Canal Grande - Chaos gehört auf Venedigs Wasserstraßen zur Tagesordnung. Die Problematik ist der Stadt bekannt. Nach dem Unfall am Wochenende fordern die Gondolieri nun, dass dem Treiben zu Wasser endlich Einhalt geboten wird.

Die Kanäle Venedigs sind voll. Wassertaxis und Wasserbusse sind für den Venezianer und die Touristen der Ersatz für Tram und U-Bahn, hinzu kommen noch etliche private Motorboote und, nicht zu vergessen, die heimlichen Wahrzeichen der Stadt: Gondeln.

Am Samstag ereignete sich im dicht befahrenen Canal Grande ein Unfall mit tödlichem Ausgang - zum ersten Mal, schreibt die örtliche Zeitung Il Gazzettino. Eine Gondel stieß mit einem Vaporetto-Wasserbus zusammen. Dabei starb ein 50-jähriger Münchner, seine dreijährige Tochter erlitt eine Gehirnerschütterung und Verletzungen im Gesicht. Gegen den Vaporetto-Fahrer wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Befragt wurde in dem Zusammenhang unter anderem die Ehefrau des getöteten Juraprofessors.

Seit Jahren schwelt der Konflikt um immer größere Kreuzfahrtschiffe, immer mehr Touristen und immer dichteren Verkehr auf den Kanälen der Stadt. Mit dem Unfall am Wochenende erhält die Debatte um die Verkehrssituation eine neue Wendung.

"Wir haben immer wieder angeprangert, dass es zu viel Verkehr gibt und dieser zu schnell ist. Aber niemand hört uns zu", sagte der Chef der Gondolieri-Gewerkschaft, Aldo Rato der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. Der Tageszeitung Corriere della Sera zufolge sind jeden Tag etwa 3500 Schiffe, Wassertaxis und Gondeln allein auf dem Canal Grande unterwegs. Vor drei Jahren seien es noch 2500 gewesen. Doch die Infrastruktur ist gleichgeblieben.

Gondolieri fordern weniger Verkehr

"Es gibt in Rialto nur zwei Landungsstege, wie vor 30 Jahren, als es nur drei Linien gab", erklärt Rato. Er hält es für angebracht, dass an stark befahrenen Punkten wie diesem nur die unentbehrlichen Linien der Verkehrsgesellschaft ACTV fahren sollen. "Hier kann nicht minütlich ein Vaporetto vorbeifahren", so Rato. Das Vaporetto, das den Unfall am Samstag verursacht hatte, fuhr auf der Linie 1. Die Route ist bei Touristen eine der beliebtesten, der Wasserbus fährt durch den Canal Grande über den Markusplatz bis zum Lido. Allein in Rialto gibt es mindestens fünf Anlegeplätze der ACTV und ein Dutzend Docks für Wassertaxis, hinzu kommen noch die Haltepunkte für die Gondeln, heißt es im Corriere della Sera.

Nicola Falconi, Präsident der Gondoliere-Vereinigung, fordert deshalb, Änderungen am Canal Grande vorzunehmen. Die vielen kleineren Anlegestellen, die in den letzten Jahren angelegt wurden, sollten entfernt werden, heißt es in einer Mitteilung, so würde den fahrenden Booten mehr Sicherheit gewährt. Außerdem forderte Falconi, dass Polizeibeamte an festen Standorten den Canal Grande und das Gebiet um den Markusplatz beaufsichtigten sollten - hinsichtlich des Wellengangs, den Motorboote verursachen.

Verhandlungen über neue Regeln

Der Stadt sind die Probleme bekannt. "Ich will nicht verheimlichen, dass der zunehmende Verkehr von Booten auf dem Canal Grande ein wirkliches Problem ist", sagte Venedigs Bürgermeister Giorgio Orsoni. Er denkt darüber nach, private Gondelfahrten dort nur noch in bestimmten Zeitfenstern zu erlauben, da der Kanal zu den meistbefahrenen Wasserstraßen Italiens zähle. Der öffentliche Verkehr, also der Wasserbus, gehe für ihn vor. Nun sollen Gespräche über neue Regeln für den Wasserverkehr beginnen. Gondoliere-Präsident Nicola Falconi hat sich bereits gegen feste Fahrzeiten ausgesprochen, da nicht die Gondeln die Gefahr auf dem Kanal seien.

Beide Seiten problematisieren seit längerem die Verkehrslage in der Stadt, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Bereits im Herbst 2011 warnte Bürgermeister Orsoni vor einem Verkehrskollaps. Damals fürchtete er jedoch, dass die steigende Zahl der Motorboote die Bausubstanz der alten Häuser angreifen könnte. Auf der anderen Seite beklagten die Gondolieri sich damals, dass die Motorboote immer schneller würden und dadurch höhere Wellen verursachen - die wiederum ihre Gondelpassagiere in Gefahr bringen könnten. Erst vor vier Monaten erließ die Stadt einen "bootsfreien Sonntag" auf dem Canal Grande und verbannte sämtliche Motorboote und Gondeln vom Kanal, um auf die steigende Luftverschmutzung durch die Boote aufmerksam zu machen.

Gondelbauer in Venedig

Massentourismus statt Handwerkskunst

Auch die Gondolieri wollen sich noch in dieser Woche mit der Sicherheit, Unfallvermeidung und der Verkehrslage auf den Kanälen Venedigs befassen. Damit der tragische Unfall vom Wochenende ein Einzelfall bleibt.

Mit Material von dpa