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Austin in den USA:In der Stadt der Seltsamen

Schönen Gruß aus Austin: Touristen nehmen die Andersartigkeit der Stadt nicht auf den ersten Blick wahr, auch hier gibt es Gentrifizierung.

(Foto: Eric Gay/AP)

Die Einwohner der Hauptstadt Austin wollen anders sein als der Rest von Texas. Ein Besuch in der selbsternannten "Freedom City".

Auf der Suche nach einem Dollar rollt Transam Natar über die East Sixth Street in Austin, Texas. 30 Grad im Schatten, schwüle Luft, kein angenehmer Ort für einen Rollstuhlfahrer, schon gar nicht für einen obdachlosen. Doch die Mittagszeit ist wichtig. Wenn sich die Lokale mit Geschäftsleuten und Touristen füllen, sitzt das Geld etwas lockerer als sonst. "Hi Sweety", ruft der Mann mit dem grauen Bart und dem sanften Lächeln dann den Damen zu, die vorbeigehen. Viele schenken ihm keine Beachtung, doch einige lächeln zurück. Und manche zücken sogar einen Dollar.

"Ich bin gerne in Austin", sagt Natar, was seltsam klingt angesichts der Tatsache, dass er auf der Straße lebt. "Aber es ist so", versichert der 45-Jährige. "Der Rest von Texas ist religiös, rassistisch und voreingenommen. Aber hier nicht. Hier leben fast eine Million Menschen, von denen die meisten nicht mal in dieser Stadt geboren wurden." Cool sei das, an einem solch offenen Ort zu leben, in der Musikhauptstadt der Welt, in der sogar Obdachlose wie er Fanpost bekämen. Tatsächlich holt er einen Brief hervor, in dem ihm eine Frau Komplimente macht.

In Austin darf die Polizei nicht einfach den Aufenthaltsstatus von Verdächtigen abfragen

Ganz ähnlich wie Transam Natar sieht sich die texanische Hauptstadt auch selbst. "Hauptstadt der Livemusik" lautet das offizielle Motto. Fast genauso verbreitet ist der Slogan "Keep Austin Weird", der auf Plakaten, T-Shirts und Aufklebern überall in der Stadt zu sehen ist: Austin soll irgendwie anders sein als das Cowboyland ringsherum, vielleicht auch verrückt oder alternativ. Was genau man in den Satz hineinliest, bleibt jedem selbst überlassen.

Sicher ist, dass Austin politisch anders tickt als das konservative Umland. Auf der einen Seite: ein Bundesstaat, der illegale Einwanderung mit allen Mittel bekämpft und sogar Studenten erlaubt, an der Uni eine Waffe zu tragen. Auf der anderen Seite: das liberale Austin, das sich selbst zur "Freedom City" erklärt hat. Die Polizei darf hier nicht ohne Weiteres den Aufenthaltsstatus von Verdächtigen abfragen. Auch untersagt es die Stadt ihren Angestellten, beruflich in den Nachbarstaat Alabama zu fahren - aus Protest gegen die verschärften Abtreibungsgesetze.

Auch kulturell hebt sich Austin vom ländlichen Texas ab. Mehrere Hundert Bands gibt es in der Stadt. Fast jede Bar, jede Kneipe und jedes Restaurant bietet Livemusik. Das Musik- und Technologiefestival "South by Southwest" zieht jedes Jahr Tausende Besucher an. Kaufhäuser engagieren Musiker, um Kunden in Stimmung zu bringen. Und sogar Juristen singen. David Komie, Partner einer Kanzlei und Leadsänger einer Band, wirbt mit T-Shirt und langen Haaren für seine Dienste, Plakatüberschrift: "Der Anwalt, der rockt." Die Stadt wiederum fördert die lokale Kreativszene nach Kräften. Mit HAAM gibt es sogar eine Organisation, die Musikern eine Krankenversicherung verschafft - in den USA keineswegs eine Selbstverständlichkeit. "Früher wurde vor allem Jazz gespielt", erinnert sich Transam Natar, der Obdachlose. "Da hätten die Leute einen Tritt in den Hintern bekommen, wenn sie was anderes spielen." Heute hingegen sei für jeden Geschmack etwas dabei, sogar Partymusik. "Das war in den Neunzigerjahren noch wilder", meint Natar. "Da hat sich ein Künstler ein Lasso um den Penis gebunden und auf der Straße getanzt. Das war normal."

Heute passieren solche Eskapaden selten. Wenn abends die Bars ihre Türen öffnen, stehen an jeder Ecke Polizisten. Sie sorgen dafür, dass alles in geregelten Bahnen verläuft. Ansonsten ein Anblick, wie man ihn aus vielen hippen Großstädten kennt: elektrische Roller, Fahrräder, Foodtrucks. Am Lady Bird Lake, der mitten im Zentrum liegt, drehen Jogger ihre abendliche Runde. Auf dem Wasser ziehen junge Leute beim Stand-up-Paddling ihre Bahnen. Der Grenzbeamte am Flughafen liefert eine fast schon philosophische Sicht der Dinge: "Wenn alle denken, sie wären anders, dann sind die Andersartigen doch alle schon wieder gleich."

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Und doch will man sie in Austin konservieren, die Andersartigkeit. Welch besseren Ort gäbe es dafür als das "Museum of the Weird", das Museum des Seltsamen. An der Kasse steht eine junge Frau mit einem Piercing, das wie ein Schnurrbart über der Lippe hängt. "In Austin stört das keinen", sagt sie selbstbewusst. "Hier läuft jeder rum, wie er will."