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Paddeltour in den USA:Geduscht wird im Fluss

Anders als so viele der unzähligen Naturschönheiten Amerikas bietet der Upper Missouri River gar kein klassisches Postkartenidyll. Und doch hat die Mischung aus weißen Klippen, steil abfallenden Felsen, beige-braunen Steinsäulen, Auen und Pappelhainen, die an den Kanufahrern vorbeiziehen, ihren unwiderstehlichen Zauber. Vielerorts sieht die Landschaft noch beinahe exakt so aus, wie sie zu Zeiten von Lewis und Clark ausgesehen haben muss. Der Reisekomfort dagegen hat sich glücklicherweise im Vergleich zu damals dramatisch verbessert: Statt gegen den Strom paddelt man heute mit ihm, außerdem verwandeln sich einige der kleinen Haine am Ufer morgens, mittags und abends in Oasen der Gastlichkeit, wie man sie im Traum nicht erwartet hätte. Verantwortlich dafür sind neben Kevin und Ritchie, die schon mittags am Flussufer in Windeseile ein Salatbüffet auf dem mitgebrachten Klapptisch anrichten, vor allem Heather Graham und ihre Mitstreiter. Das fünfköpfige Team, meist Studenten im Ferienjob, ist mit einem motorgetriebenen Floß bereits vorgefahren, hat an einem der vielen Originallagerplätze von Lewis und Clark gehalten und im Gras Zweierzelte sowie eine Feldküche aufgebaut. Am nächsten Morgen werden Heather und ihre Kollegen alles wieder einpacken, aufs Floß verladen und am nächsten Rastplatz wieder aufbauen. Zuvor aber servieren sie Bratkartoffeln, Steak, Veggieburger und Grillgemüse, dazu Bier und Wein, zum Frühstück gibt es Pancakes, Arme Ritter, Rührei, Bacon und Kaffee.

Heute ist das Kanufahren auf dem Missouri eine romantische Sache. Man wird rundum betreut und gut verköstigt.

(Foto: Jacob Moon, Montana Tourism Board)

Wer sich auf den Webseiten der Reiseveranstalter umschaut, sollte sich vom Begriff Campground nicht täuschen lassen. Denn so hoch das kulinarische Niveau auf der Tour auch ist, so einfach sind die Lagerplätze: Das Plumpsklo im steinernen Häuschen ist zwar sauber und hat einen Desinfektionsmittelspender, aber kein Wasser. Die Zähne werden mit Selters geputzt, und die Frage, wie das mit dem Duschen so sei, hat Firmenchef Wayne am Vorabend der Abreise bereits mit einem einzigen Wort beantwortet: "Fluss!" Und tatsächlich: Obwohl der Missouri auch "der Schlammige" genannt wird, hat nach drei Tagen jeder mindestens einmal ein Bad genommen: um sich abzukühlen, sich zu waschen, sich treiben zu lassen.

Während die Küchenhelfer das Essen vorbereiten und Ritchie seine abendliche Erzählstunde, lädt Kevin zu einem "stroll" ein, wobei dem gemeinen Spaziergänger schon beim Ausflug am Vortag klar geworden ist, dass ein "stroll" in Montana nicht das ist, was das Wörterbuch arglos als Spaziergang oder Bummel übersetzt. Ein, zwei kleinere Gipfelquerungen müssen auch nach einem Tag im Kanu drin sein. Dafür wird, wer mitgeht, mit einem Gang durch einen engen, wunderschönen Slot Canyon oder dem Aufstieg zum "Hole in the Wall" belohnt, einem mehr als mannshohen Loch in einer Felswand, das ein wenig Mut und Schwindelfreiheit verlangt.

Die Lewis und Clark Expedition sollte Mitte des 19. Jahrhunderts den Weg nach Westen finden, mithilfe der Indianerin Sacajawea. Bild von Charles Marion Russell.

(Foto: Mauritius Images/GL Archive/Alamy)

Zwischendurch hält Kevin an einer Ansammlung von Steinkreisen, die einst die Lederplanen von Tipis beschwerten, am Bild eines kleinen Pferdes, das ein Indianer vor langer Zeit in die Felswand geritzt hat, und an einer Kolonie von Hunderten Präriehunden, die beim kleinsten Geräusch in ihren Erdlöchern verschwinden. Er spricht über seltene Pflanzen, Archäologie, die Zeit, als die Ureinwohner hier noch ohne den weißen Mann leben durften - und natürlich über Lewis und Clark, die anders als die Fallensteller und Pelzhändler, die vor ihnen kamen, erstmals systematisch einen Weg nach Westen suchten.

Zurück auf dem Fluss scheint am nächsten Tag die Zeit still zu stehen. Wie immer sind die zwölf Boote schon nach wenigen Hundert Metern weit auseinandergedriftet, jeder paddelt in seiner Geschwindigkeit. Wer einfach die Ruhe genießen will, legt das Paddel ins Kanu und lässt sich mit der Strömung treiben. Die einzigen Handgriffe, die man nicht vergessen darf, sind die zur Sonnencreme und zum Hut oder zur Schirmmütze. Ohne die geht es nicht.

Am Mittag kommt eine Brücke in Sicht, nach zweieinhalb Tagen in der Natur, in einer Welt der Stille und Abgeschiedenheit, sieht es beinahe brutal aus, wie sie die beiden Ufer in ihren Krallen hält. Hier, am Zusammenfluss von Missouri und Judith River, den die Crow Pflaumenfluss nannten, bevor ihn William Clark 1805 zu Ehren seiner künftigen Frau Julia "Judith" Hancock umtaufte, endet die Reise. 75 Paddel-Kilometer war sie lang. Als Lewis und Clark die Stelle im Frühjahr 1805 passierten, hatten sie bereits 4000 Kilometer hinter sich. Bis zum Pazifik und zurück nach St. Louis sollten noch 8000 dazukommen.

Reiseinformationen

Anreise: Ab Frankfurt mit Lufthansa/United über Denver oder mit Condor und Alaska Airlines über Seattle nach Great Falls, Montana. Hin und zurück ca. 1000 Euro. Leihwagen von Great Falls nach Fort Benton.

Übernachtung: Das Grand Union Hotel in Fort Benton liegt am Missouri River und hat ein gutes Restaurant. DZ / F. ab 100 Euro, www.grandunionhotel.com

Kanutouren: Lewis & Clark Trail Adventures (mit Sitz in Missoula) verlangt für die dreitägige Kanutour ca. 610 Euro p. P., www.trailadventures.com; Alternativen sind Upper Missouri River Guides (www.uppermissouri.com) und Missouri River Outfitters (www.mroutfitters.com), beide in Fort Benton. Wer ohne Führer in die Einsamkeit aufbrechen will, wird für die Ausrüstung ebenfalls bei Missouri River Outfitters fündig.

© SZ vom 08.11.2018/edi
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