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Paddeltour in den USA:Die Zeit steht still auf dem Missouri River

Pause auf den Weißen Klippen über dem Missouri in Montana

Wie im Western: Pause auf den Weißen Klippen über dem Missouri in Montana.

(Foto: Jacob Moon, Montana Tourism Board)

Vor mehr als 200 Jahren suchten Pioniere in einer entbehrungsreichen Expedition auf dem längsten Fluss der USA einen Weg Richtung Westen. Eine Kanutour folgt ihren Spuren - allerdings mit deutlich mehr Komfort.

Von Claus Hulverscheidt

Kann es so etwas geben wie ein Feuerwerk der Stille? Lautlos gleitet das Kanu über den Missouri River, der hier, im Norden Montanas, mit seinen Schleifen und Windungen so träge zwischen den Felsen liegt wie eine Schlange beim Sonnenbad. Steinerne Kathedralen ziehen vorbei, über dem mächtigen Strom kreist ein Seeadler, das Wappentier der USA. Ein Dutzend Kühe steht im seichten Uferwasser, sie glotzen so regungslos, wie nur Rinder es können. Der einzige Laut, der den Stummfilm unterbricht, ist das leise Plätschern des Paddels, das immer, wenn es aus dem Wasser auftaucht, ein paar Tropfen durch die Luft wirft. Was sie wohl dachten damals, vor 213 Jahren, als sie zum ersten Mal hier durchkamen?

Sie - das sind die Offiziere Meriwether Lewis und William Clark, auf deren Spuren man sich hier in Montana begeben kann. Dabei begann ihre Reise, die sie berühmt machen sollte, mit einer List, wie sie vielleicht nur Politiker ersinnen können.

Es ist das Jahr 1803, als Präsident Thomas Jefferson den Kongress bittet, für eine Expedition 2500 Dollar bereitzustellen. Die von ihm bestellten Entdecker sollen von der Landesgrenze bei St. Louis aus den Missouri bis zur Quelle hinauffahren, einen Weg durch die Rocky Mountains finden und erkunden, ob sich das Staatsgebiet der jungen USA nach dem anstehenden Kauf der riesigen französischen Kolonie Louisiana bis an die Westküste des Kontinents ausdehnen lässt. Jefferson weiß, dass das Parlament für eine solche Mission kein Geld geben wird, deshalb nennt er den Abgeordneten einen anderen Zweck: Offiziell geht es um die Erforschung neuer Handelswege und Geschäftsmöglichkeiten, um Wirtschaftswachstum und sprudelnde Steuereinnahmen - eine Aussicht, die den Abgeordneten in Washington gefällt. Im Mai 1804 macht sich ein Trupp aus etwa 40 Soldaten unter Leitung von Lewis und Clark auf den Weg, und tatsächlich: Nach 18 entbehrungsreichen Monaten voller Hindernisse, Rückschläge und Gefahren erreichen die Abenteurer den Pazifik.

Möglich wurde der Erfolg wohl nur, weil nach wenigen Wochen der Pelzhändler Toussaint Charbonneau und - vor allem - seine zwangsverheiratete Frau Sacajawea zur Expedition stoßen. Die vermutlich gerade 16-Jährige, die ihr neugeborenes Baby stets im Tuch mit sich trägt, kennt nicht nur viele der Wege, Flussläufe, Pflanzen und Tierarten, die Lewis und Clark aufmalen und beschreiben. Sie spricht auch die Sprache der Schoschonen, erweist sich als eloquente Übersetzerin und wird dafür, genau wie die Männer, von den Kommandeuren an wichtigen Entscheidungen wie der Wahl des Winterquartiers beteiligt. Allein der Umstand, dass sie mitreist, verhindert wohl manch blutigen Konflikt, denn eine Gruppe, in der eine Frau dabei ist, so sind die Ureinwohner überzeugt, kann gar keine kriegerischen Absichten haben.

Tatsächlich treten Lewis und Clark den Indianern freundlich und respektvoll gegenüber, was nicht heißt, dass es nicht doch hin und wieder zu Scharmützeln kommt. Heute, in der Rückschau, weiß man zudem um die tragische Seite der Expedition und Sacajaweas: Mit ihrer Reise nämlich bereiteten die Entdecker nicht nur der Entstehung der heutigen USA den Weg, sondern unbewusst auch dem weitgehenden Untergang der Urbevölkerung. Die Pionierleistung allerdings, an die die Kanutouren unserer Tage erinnern, bleibt unbestritten.

Gut zwei Jahrhunderte später, an einem Morgen im August, ist Wayne Fairchild, Gründer und Chef des Reiseveranstalters Lewis & Clark Trail Adventures, mit einem klapprigen gelben Schulbus an der Bootsrampe in Fort Benton vorgefahren. Die kanadische Grenze ist keine 100 Kilometer entfernt, das Land ist karg und dünn besiedelt. Wenig später setzt Wayne den Bus in Bewegung, der Motor röhrt, es geht über Straßen und Schotterpisten, vorbei an Getreidefeldern und grasenden Rothirschen zum Coal Banks Campground, einem ehemaligen Handels- und Rohstoffposten am Ufer des Missouri. Einst hielten hier Dampfschiffe, um Waren für Fort Assiniboine abzuladen und ihre Treibstoffvorräte mit Kohle aufzustocken, die in der Gegend geschürft wurde.

Fairchilds Mitarbeiter laden ein Dutzend Kanus von einem Anhänger ab und verstauen die Trockensäcke der gut 20 Frauen, Männer und Kinder, die sich für die dreitägige Tour angemeldet haben. Dann geben Kevin O'Briant und Ritchie Doyle das Signal zum Aufbruch. Die beiden Reiseleiter könnten unterschiedlicher kaum sein: Kevin, der spindeldürre, drahtige Archäologe aus Missoula, der mit Pferdeschwanz, Brille und breitkrempigem Hut ein wenig nerdig daherkommt und in den nächsten Tagen viel Geschichte lehren wird; und Ritchie, der Sandalenträger mit kleinem Bäuchlein und rotem Stirnband, der zwar Historiker ist, statt Geschichte aber vor allem die Geschichten über Lewis und Clark übernimmt. Zusammen sind der Macher Kevin und der gemütliche Onkel Ritchie ein grandioses Team.

Geduscht wird im Fluss

Anders als so viele der unzähligen Naturschönheiten Amerikas bietet der Upper Missouri River gar kein klassisches Postkartenidyll. Und doch hat die Mischung aus weißen Klippen, steil abfallenden Felsen, beige-braunen Steinsäulen, Auen und Pappelhainen, die an den Kanufahrern vorbeiziehen, ihren unwiderstehlichen Zauber. Vielerorts sieht die Landschaft noch beinahe exakt so aus, wie sie zu Zeiten von Lewis und Clark ausgesehen haben muss. Der Reisekomfort dagegen hat sich glücklicherweise im Vergleich zu damals dramatisch verbessert: Statt gegen den Strom paddelt man heute mit ihm, außerdem verwandeln sich einige der kleinen Haine am Ufer morgens, mittags und abends in Oasen der Gastlichkeit, wie man sie im Traum nicht erwartet hätte. Verantwortlich dafür sind neben Kevin und Ritchie, die schon mittags am Flussufer in Windeseile ein Salatbüffet auf dem mitgebrachten Klapptisch anrichten, vor allem Heather Graham und ihre Mitstreiter. Das fünfköpfige Team, meist Studenten im Ferienjob, ist mit einem motorgetriebenen Floß bereits vorgefahren, hat an einem der vielen Originallagerplätze von Lewis und Clark gehalten und im Gras Zweierzelte sowie eine Feldküche aufgebaut. Am nächsten Morgen werden Heather und ihre Kollegen alles wieder einpacken, aufs Floß verladen und am nächsten Rastplatz wieder aufbauen. Zuvor aber servieren sie Bratkartoffeln, Steak, Veggieburger und Grillgemüse, dazu Bier und Wein, zum Frühstück gibt es Pancakes, Arme Ritter, Rührei, Bacon und Kaffee.

Heute ist das Kanufahren auf dem Missouri eine romantische Sache. Man wird rundum betreut und gut verköstigt.

(Foto: Jacob Moon, Montana Tourism Board)

Wer sich auf den Webseiten der Reiseveranstalter umschaut, sollte sich vom Begriff Campground nicht täuschen lassen. Denn so hoch das kulinarische Niveau auf der Tour auch ist, so einfach sind die Lagerplätze: Das Plumpsklo im steinernen Häuschen ist zwar sauber und hat einen Desinfektionsmittelspender, aber kein Wasser. Die Zähne werden mit Selters geputzt, und die Frage, wie das mit dem Duschen so sei, hat Firmenchef Wayne am Vorabend der Abreise bereits mit einem einzigen Wort beantwortet: "Fluss!" Und tatsächlich: Obwohl der Missouri auch "der Schlammige" genannt wird, hat nach drei Tagen jeder mindestens einmal ein Bad genommen: um sich abzukühlen, sich zu waschen, sich treiben zu lassen.

Während die Küchenhelfer das Essen vorbereiten und Ritchie seine abendliche Erzählstunde, lädt Kevin zu einem "stroll" ein, wobei dem gemeinen Spaziergänger schon beim Ausflug am Vortag klar geworden ist, dass ein "stroll" in Montana nicht das ist, was das Wörterbuch arglos als Spaziergang oder Bummel übersetzt. Ein, zwei kleinere Gipfelquerungen müssen auch nach einem Tag im Kanu drin sein. Dafür wird, wer mitgeht, mit einem Gang durch einen engen, wunderschönen Slot Canyon oder dem Aufstieg zum "Hole in the Wall" belohnt, einem mehr als mannshohen Loch in einer Felswand, das ein wenig Mut und Schwindelfreiheit verlangt.

Die Lewis und Clark Expedition sollte Mitte des 19. Jahrhunderts den Weg nach Westen finden, mithilfe der Indianerin Sacajawea. Bild von Charles Marion Russell.

(Foto: Mauritius Images/GL Archive/Alamy)

Zwischendurch hält Kevin an einer Ansammlung von Steinkreisen, die einst die Lederplanen von Tipis beschwerten, am Bild eines kleinen Pferdes, das ein Indianer vor langer Zeit in die Felswand geritzt hat, und an einer Kolonie von Hunderten Präriehunden, die beim kleinsten Geräusch in ihren Erdlöchern verschwinden. Er spricht über seltene Pflanzen, Archäologie, die Zeit, als die Ureinwohner hier noch ohne den weißen Mann leben durften - und natürlich über Lewis und Clark, die anders als die Fallensteller und Pelzhändler, die vor ihnen kamen, erstmals systematisch einen Weg nach Westen suchten.

Zurück auf dem Fluss scheint am nächsten Tag die Zeit still zu stehen. Wie immer sind die zwölf Boote schon nach wenigen Hundert Metern weit auseinandergedriftet, jeder paddelt in seiner Geschwindigkeit. Wer einfach die Ruhe genießen will, legt das Paddel ins Kanu und lässt sich mit der Strömung treiben. Die einzigen Handgriffe, die man nicht vergessen darf, sind die zur Sonnencreme und zum Hut oder zur Schirmmütze. Ohne die geht es nicht.

Am Mittag kommt eine Brücke in Sicht, nach zweieinhalb Tagen in der Natur, in einer Welt der Stille und Abgeschiedenheit, sieht es beinahe brutal aus, wie sie die beiden Ufer in ihren Krallen hält. Hier, am Zusammenfluss von Missouri und Judith River, den die Crow Pflaumenfluss nannten, bevor ihn William Clark 1805 zu Ehren seiner künftigen Frau Julia "Judith" Hancock umtaufte, endet die Reise. 75 Paddel-Kilometer war sie lang. Als Lewis und Clark die Stelle im Frühjahr 1805 passierten, hatten sie bereits 4000 Kilometer hinter sich. Bis zum Pazifik und zurück nach St. Louis sollten noch 8000 dazukommen.

Reiseinformationen

Anreise: Ab Frankfurt mit Lufthansa/United über Denver oder mit Condor und Alaska Airlines über Seattle nach Great Falls, Montana. Hin und zurück ca. 1000 Euro. Leihwagen von Great Falls nach Fort Benton.

Übernachtung: Das Grand Union Hotel in Fort Benton liegt am Missouri River und hat ein gutes Restaurant. DZ / F. ab 100 Euro, www.grandunionhotel.com

Kanutouren: Lewis & Clark Trail Adventures (mit Sitz in Missoula) verlangt für die dreitägige Kanutour ca. 610 Euro p. P., www.trailadventures.com; Alternativen sind Upper Missouri River Guides (www.uppermissouri.com) und Missouri River Outfitters (www.mroutfitters.com), beide in Fort Benton. Wer ohne Führer in die Einsamkeit aufbrechen will, wird für die Ausrüstung ebenfalls bei Missouri River Outfitters fündig.

© SZ vom 08.11.2018/edi
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