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USA: Marfa, Texas:Vom Himmel gefallen

In Marfa, inmitten der texanischen Wüste, haben deutsche Kriegsgefangene ein Offizierskasino mit Fresken ausgemalt - eine fast vergessene Geschichte.

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Quelle: Buschmann

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In Marfa, inmitten der texanischen Wüste, haben deutsche Kriegsgefangene ein Offizierskasino mit Fresken ausgemalt - eine Bilderreise von Harald Hordych (Text) und Jörg Buschmann (Bild).

Marfa im westlichen Texas ist klein, und es fällt leicht zu sagen, es ist ein vollkommen unbedeutender Flecken, wie gemacht dafür, von der Welt vergessen zu werden. Wenn auf den leeren, breiten Straßen ein Auto durch die Stadt rollt und zufällig auch ein Mensch zu Fuß unterwegs ist, heben Fahrer und Fußgänger ihre Hand zum Gruß, auch wenn sie einander vorher nie gesehen haben. Die Sonne steht glühend an einem wie zu blauem Porzellan gebrannten Himmel.

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Marfa ist so still wie ein See, bevor ein Kieselstein hineingeworfen wird, aber es gibt Hotels und Kinos, und es gibt den Marfa Book Store, wo Bücher stehen, die man sonst nur in den besten Kunstbuchläden in Düsseldorf, Köln oder Hamburg erwerben kann. Der Laden ist - wenig verwunderlich eigentlich - leer, wenn man ihn am späten Nachmittag betritt, und er bleibt es auch, solange man verweilt. Aber an manchen Tagen kommen bis zu 100 Menschen in diesen Laden, um Monographien und Fotobände von Künstlern und über diese zu kaufen, von denen nur Spezialisten wissen. Marfa, Texas, 2000 Einwohner, unweit des Big-Bend-Nationalparks gelegen, einer der einsamsten und größten Nationalparks der USA, ist eine Kunstmetropole.

Das Kino in Marfa.

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Schräg gegenüber Marfas einzigem Buchladen befindet sich eine große Ausstellungshalle der Chinati Foundation. Der amerikanische Minimalist Donald Judd hat 1986 dieses Museum als Stiftung gegründet, nicht nur, aber auch für sein eigenes Werk, das sich mitsamt den diversen Ausstellungsflächen über die ganze Stadt ausbreitet. So wie es hier einst das riesige militärische Areal von Fort Russell bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs getan hat.

Marfa, vor Judd vor allem für rätselhafte Lichtphänomene, die "Marfa Lights", bekannt, ist seither in Kunstkreisen berühmt für Dinge, die in der texanischen Halbwüste wirken, als seien sie vom Himmel gefallen. Aber Judds Kunstwerke und die anderer Künstler gehören in ehemaligen Flugzeugbaracken und Fort-Einrichtungen nach mehr als 20 Jahren Chinati-Foundation genauso zum Stadtbild wie das historische Hotel Paisano.

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Ungewöhnlicher ist etwas anderes, das lange im Verborgenen geblieben ist: Malerei, die im Vergleich mit Judds experimentellen Installationen und Skulpturen das Prädikat "konventionell" aushalten muss und die bislang ein von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerktes Schicksal gefristet hat. Es handelt sich um Wandgemälde, die auf eine bemerkenswerte Geschichte zurückzuführen sind. Ereignet hat sie sich am Ende des Zweiten Weltkriegs, als das einst zur Sicherung der texanisch-mexikanischen Grenze errichtete Fort nicht nur ein Stützpunkt der amerikanischen Luftwaffe war. Auf einem Teil der Anlage befand sich seit 1944 auch ein Lager für deutsche Kriegsgefangene, vornehmlich für 186 Offiziere des Afrika-Korps.

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Zwei der hier internierten Soldaten wurden mit einer ungewöhnlichen Aufgabe betraut. Von Feldarbeit und ähnlicher Schufterei befreit, statteten sie die Wände der Offiziersmesse und der Bibliothek mit Fresken aus. Viele Jahre lang, genauer gesagt bis zum vergangenen Jahr, war unklar, wer die beiden gewesen sind, die ohne falsche Scheu beschauliche bayerische Landschaftsansichten mit bewegten Szenen aus dem texanischen Cowboy- und Rancherleben zu einer 360-Grad-Panorama-Schau verewigten. Denn kaum war die Farbe getrocknet, wurden die Kriegsgefangenen 1946 auf andere Lager verteilt und wurde Fort Russell geschlossen. Die Anlagen wurden verkauft oder verfielen. Die Fresken gerieten in Vergessenheit. 1971 tauchte dann Donald Judd zum ersten Mal in Marfa auf und ließ sich, abgestoßen vom New Yorker Kunstbetrieb, hier nieder. Judd erwarb einen großen Teil des militärischen Geländes, unter anderem versah er die Flugzeughangars mit Betongewölbedecken und machte sie zu riesigen Ausstellungshallen.

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Ein Haus aber fehlte in seiner Sammlung, das 1898 errichtete Offizierskasino. Zu jener Zeit befand es sich im Besitz eines Enkels von Franklin D. Roosevelt, der es bei Kriegsende erworben hatte. Wie es heißt, verkaufte er Judd das einstöckige, von außen sehr schlichte, innen aber erstaunlich weitläufige Gebäude mit dem Flachdach nicht, weil der unsentimentale Judd die Absicht angedeutet hatte, die Wandgemälde zu übertünchen. Roosevelt und Judd kamen jedenfalls nicht ins Geschäft.

Das ehemalige Offizierskasino in Marfa.

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Erst 2001 erwarb Mona Blocker Garcia (im Bild) aus Marfa auf der Suche nach einer geeigneten Geldanlage das Gebäude und ließ es - auch mit Hilfe staatlicher Subventionen - aufwendig restaurieren.

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So blieb vieles erhalten, zum Beispiel die dunkle Offiziersbar, an der die berühmtesten US-Generäle des Zweiten Weltkriegs wie Douglas MacArthur, George S. Patton und Dwight D. Eisenhower Drinks genommen hatten. Die Identität der beiden Maler blieb jedoch unklar, bis der Sohn des Illustrators und Schriftstellers Hans Jürgen Press durch Zufall von der Existenz der Fresken erfuhr.

Speisesaal der Offiziere mit Blick in die Bar. Über der Tür ist der Namensgeber des Forts, D.A. Russel, abgebildet.

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Er begann Nachforschungen anzustellen und fand heraus, dass die mit H.J.Press signierten Bilder tatsächlich von seinem Vater, Hans Jürgen Press, stammten, der für die Kinderbeilage des Stern "Der kleine Herr Jakob" und die Mitratekrimis "Die Abenteuer der schwarzen Hand" erfunden hatte. Erst 2010 reiste Julian Press nach Marfa, um die vergessenen Werke zu sehen. Julian Press ist ebenfalls Autor und Illustrator, er ist auch Erfinder von gezeichneten Rätselgeschichten für Kinder. Press bestätigt, dass sein Vater 1944 nach Marfa gebracht worden war, allerdings nicht als Afrika-Korps-Offizier, sondern als gewöhnlicher Soldat, der sich nach dem Not-Abi mit 18 Jahren freiwillig zu den Segelfliegern gemeldet hatte, um dem Dienst an der Waffe zu entgehen. Viel nützte das dem Burschen nicht. Nach vier Monaten Soldatenleben in Frankreich geriet er in amerikanische Gefangenschaft. "Aus heutiger Sicht das Beste, was ihm passieren konnte", sagt Julian Press.

Straßenszene in Marfa

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In Nordafrika wird Press gemeinsam mit Rommels Nordafrika-Offizieren nach New York eingeschifft, von dort geht die Reise nach Marfa. Schon auf dem Schiff entdecken die Amerikaner das Talent des jungen Deutschen. Die meiste Zeit sitzt er mit dem Zeichenblock da und porträtiert GIs. In Marfa angekommen, erhält er den Auftrag, die beiden großen Räume mit Fresken aus dem texanischen Leben zu versehen. Auch ein zweiter Maler wird damit betraut, Robert Hampel. Weder er noch seine Nachkommen konnten bis heute ausgemacht werden. Press und Hampel führen ein Leben wie im Traum.

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"Nach dem Krieg in der Wüste, den Entbehrungen in sengender Hitze muss ihnen Marfa wie das Paradies vorgekommen sein", erzählt Mona Blocker Garcia beim Rundgang durch das Offizierskasino. Auf jeden Fall halten sich die Leiden des Prisoner of War (POW) Press in Grenzen. Er bekommt einen Jeep mit eigenem Fahrer zugeteilt, mit dem er jederzeit Ausflüge in die weite Ebene unternehmen kann, hinaus zu riesigen Rinderherden, Cowboys und sich am Horizont abzeichnenden Gebirgsketten. Das Skizzenbuch füllt sich rasant.

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Am Ende entsteht ein kurioses Panoptikum, nicht ganz unähnlich den hintersinnig-humorvollen Wimmelbildern, mit denen Press später Kindern und Erwachsenen Freude machte. Zum Beispiel stehen auf Bergspitzen Tiere, die dort nie hingelangt sein können. Press hat sie dorthin gesetzt, wie Judd seine moderne Kunst in Marfa: wie vom Himmel gefallen. Das gilt auch für andere Details. Wenn ein Boot auf einem Bergsee schaukelt, könnte dieser See auch in Bayern liegen, das Boot aber ist ein Kurenkahn, wie es sie im Kurischen Haff im ehemaligen Ostpreußen gab. Dort wurde Press geboren.

Suchbild mit Schiff - es versteckt sich am rechten Bildrand über der untersten Astgabel.

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Im Geist der alten Meister trugen die beiden Maler eine neue Putzschicht auf und mischten die Farben selbst mit Pigmenten. Sie arbeiteten getrennt voneinander. Später fuhr Hans Jürgen Press nie wieder nach Marfa, um sich seine Soldatenkunst noch einmal anzusehen. "Er dachte, die Bilder wären verschwunden. Er ging davon aus, dass die feuchte Wärme in Texas den Fresken zusetzen würde und sie nicht lange Bestand haben könnten."

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Ein Irrtum: Marfa liegt auf 1500 Metern Höhe, die Hitze ist hier im Gegensatz zur Küste trocken. Hier und da platzten Farbpartikel von den Wänden, aber die Fresken überstanden heiße Sommer und kalte Winternächte. Bei der Restaurierung wurde dann Fehlendes nicht ersetzt, nur das noch Erhaltene konserviert.

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Press und Hampel blieb nicht viel Zeit, sich an ihrem Werk zu erfreuen. Nach vier Monaten Arbeit wurde Press im März 1946 in ein Gefangenenlager nach Louisiana verlegt. Dort arbeitete er als Holzfäller und Küchengehilfe und stattete nebenbei einige Saloons in Baton Rouge mit Wildwest-Fresken aus. Aber hier machte das feucht-warme Klima im Golf von Mexiko seine farbenvernichtende Kraft geltend. Wenn es noch Spuren der Arbeit seines Vaters gibt, Press hat sie bislang nicht gefunden.

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Bis 1948 blieb Hans Jürgen Press noch in Gefangenschaft, zum Schluss im englischen Birmingham. Vier Monate war er Soldat, vier Jahre ein Gefangener. Das Fazit zieht sein Sohn: "In dieser Zeit hat mein Vater seine verlorene Jugend nachgeholt", erzählt Julian Press, "er hat den Jazz lieben gelernt und die amerikanische Geisteshaltung in sich aufgenommen: ein uneingeschränktes Freiheitsdenken, innere Großzügigkeit und Respekt für sein Gegenüber." Wohl dem Kriegsgefangenen, der nach Hause schreiben konnte: "Es geht uns prächtig. Wir können hier mit Pampelmusen Fußball spielen."

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Informationen:

Anreise: Flüge ab Frankfurt nach Houston, von dort weiter nach Midland-Odessa und zurück ab ca. 760 Euro. Mit dem Mietwagen ca. 3,5 Stunden nach Marfa.

Unterkunft: Mona Blocker Garcias Bed & Breakfast Arcon Inn, DZ ab 70 Euro; 215 North Austin Street, Marfa, Tel.: 001/43 27 29 48 26, www.haciendadelarcon.org

Weitere Auskünfte: Die Fresken sind nach Absprache mit Mona Blocker Garcia zu besichtigen. Anmeldung per E-Mail: garciamona@att.net

© SZ vom 9.6.2011/Text: Harald Hordych, Fotos: Jörg Buschmann / kaeb
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