US-Skiort Aspen:Von einer "toten Stadt" zum elitären Winterparadies

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US-Skiort Aspen: Gegen die Kälte hat Klaus Obermeyer das passende Rezept: Er gilt als Erfinder der Daunenjacke.

Gegen die Kälte hat Klaus Obermeyer das passende Rezept: Er gilt als Erfinder der Daunenjacke.

(Foto: Sport Obermeyer)

Wie wurde Aspen in den USA zu einem der reichsten und teuersten Orte der Welt? Nicht zuletzt, weil Skipioniere aus "good old Europe" dort ihr Glück suchten. Einer von ihnen kann sogar noch selbst davon erzählen.

Von Dominik Prantl

An seinen ersten Eindruck von Aspen kann sich Klaus Obermeyer noch ziemlich gut erinnern: "Miserabel. Das war eine tote Stadt." Viele Häuser standen zum Verkauf, für 300, 400 Dollar, denn längst vergangen waren in der alten Bergbaustadt die silbernen Zeiten des 19. Jahrhunderts. Der Obermeyer Klaus aus Oberstaufen im Allgäu hat sich damals also gedacht: "Ja, pfiade Gott. Schöne Gegend." Aber dann hat es in der Nacht geschneit, und am nächsten Morgen hat der Obermeyer den Schnee in die Luft geworfen, "wie Daunen sind die in die Luft geflogen". Und Obermeyer ist dort geblieben.

Knapp 70 Jahre ist das jetzt her, er ist noch immer da, ein Mann mit schneeweißem Haar und breitem Lachen; und wenn er mit Besuchern die Bildergalerie im Flur seines Bekleidungsunternehmens am Rande Aspens entlangmarschiert, ist das auch ein Gang durch die Geschichte: der junge Obermeyer 1941 am Arlberg. Obermeyers Kollektion der Jahre 1968 / 69. Der alte Obermeyer in Oberstaufener Tracht, und irgendwann wird klar: Der Mann hat den Aufschwung von Aspen zu dem weltbekannten Wintersportort nicht nur miterlebt, sondern auch mitgeprägt. Er ist so etwas wie das Relikt aus der Gründerzeit des amerikanischen Skitourismus.

Obermeyer war wahrlich nicht der einzige, der vor Jahrzehnten aus "good old Europe" aufbrach, um den alpinen Sport nach Amerika zu exportieren. Aus dem ganzen Alpenraum, vor allem aber aus Österreich, suchten Skifahrer in den USA ihr Glück. Einer der ersten überhaupt war der berühmte Hannes Schneider vom Arlberg, Gründer der ersten Skischule und rasender Wintersportbotschafter auf der Leinwand, der nach einer vorübergehenden Inhaftierung durch die Nazis ausgewandert war und von 1939 an das Skigebiet am Mount Cranmore in New Hampshire prägte. Von Schneider sind die Worte an seinen Sohn überliefert: "So, Herbert, es ist nicht St. Anton, aber wir werden es hier lieben." Allein die "Hall of Fame" des Ski- und Snowboard-Museums von Colorado listet als Geburts- und Entwicklungshelfer des professionalisierten Pistenbetriebs neben Klaus Obermeyer unter anderem auch den Kaufbeurer Willy Schäffler auf, den Kitzbüheler Anderl Molterer und Friedl Pfeifer, noch so ein Arlberger. "Viele waren viel besser dran, als wenn sie daheimgeblieben wären", meint Obermeyer.

Er selbst war damals den Spuren des 1938 emigrierten Friedl Pfeifer gefolgt, mit einer Handvoll Dollar in der Tasche und einer Daunendecke seiner Mutter um die Schultern. Der Flugzeugbauingenieur, der nach dem Krieg das Gefühl hatte, nicht mehr so wirklich gebraucht zu werden, weiß noch genau, wie das war, 1947: "Ein einziger Sturm bei der Überfahrt von Bremen nach Halifax; irgendwann komm' ich in Sun Valley, Idaho, an und habe dort sofort gefragt: Wo ist der Friedl Pfeifer?" Der war allerdings schon 700 Meilen weitergezogen, in den neuen Skiort namens Aspen.

US-Skiort Aspen: SZ-Karte

SZ-Karte

Der Friedl Pfeifer ist noch immer in Aspen, man begegnet ihm überall. Er steht zum Beispiel direkt an der Talstation des Skigebiets Aspen Mountain, eine bronzene Statue, Skier in der rechten, Stöcke in der linken Hand, davor eine Plakette. Darauf stehen seine Verdienste, ganz oben die wichtigsten: "Mitbegründer der Aspen Skiing Corporation, der Aspen Skischule und des Buttermilk Mountain." Am unteren Ende findet sich der im amerikanischen Pathos gehaltene Hinweis: "Seine Visionen erlauben Millionen Skifahrern, diese Berge zu genießen, und sein Vermächtnis trägt jeder Skifahrer im Herzen."

Dabei stammte Pfeifer als zweitjüngstes von sieben Kindern aus den einfachsten Verhältnissen. Der Vater war Bergbauer in St. Anton, die Skier lernte der kleine Friedl schon auf dem verschneiten Weg zur Schule zu beherrschen. Als Hannes Schneider ihn am Arlberg als Skilehrer unter die Fittiche nahm, soll der ihm laut Obermeyer geraten haben. "Gehe nicht zu nahe an die Gäste. Du riechst wie eine Kuh."

Eine Daunendecke als Jacke? Gary Cooper musste sie haben

Der WM-Bronzemedaillengewinner von 1935 kämpfte während des Zweiten Weltkriegs aufseiten der Alliierten in der "10th Mountain Division", aus der später mehrere Skilehrer rekrutiert wurden, und leitete eine Skischule in der Wahlheimat seines ehemaligen Mentors, in Sun Valley. Mit seinem Wechsel 1945 nach Aspen wurde Friedl Pfeifer zum Star.

Wer das Glück hat, mit der Kuratorin Lissa Ballinger eine der seltenen Touren durch die Kunstausstellung Aspen Institute machen zu können, trifft erneut auf den Arlberger - und auf einige andere Personen aus der Nachkriegszeit des Ortes. Denn Lissa Ballinger holt gerne ein laminiertes Schwarz-Weiß-Foto hervor, auf dem Pfeifer neben seinem österreichischen Landsmann Herbert Bayer, dem deutschstämmigen Industriellen Walter Paepcke und dem Oscar-Gewinner Gary Cooper zu sehen ist. Sie alle wirkten mit an der touristischen Blüte Aspens.

The Aspen Series Walter Niedermayr

Der Wald reicht in Aspen bis auf über 3000 Meter und schützt den lockeren Pulverschnee vor dem Wind.

(Foto: Aus dem Buch "The Aspen Series" von Walter Niedermayr, Hatje Cantz Verlag)

Denn Pfeifer mag ein begnadeter Skilehrer und Organisator gewesen sein; das Startkapital für die Aspen Skiing Company trieb der auch politisch bestens vernetzte Paepcke auf. Schon 1947 wurde der erste Einer-Sessellift eröffnet, der damals längste der Welt. Auch sonst war Paepcke bei der Reanimation der Bergbaustadt recht umtriebig. Er gründete unter anderem das Aspen-Musikfestival, das Aspen Institute als Denkfabrik und lotste 1946 auch den Bauhaus-Künstler Bayer, dessen Erbe die Ausstellung im Aspen Institute zeigt, hierher. Bayer fügte den sportlichen und technischen Grundlagen gewissermaßen die künstlerischen Aspekte hinzu. So stammt die Urversion von Aspens Logo, ein markantes Espenblatt, von Bayer. Er plante die Restaurierung des ehrwürdigen Hotels Jerome und konzipierte das erste Sundeck Restaurant auf dem Aspen Mountain. Im 1999 fertiggestellten Nachfolgebau sind heute etliche Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Pioniere von Pfeifer bis Molterer wie auch neuere Arbeiten des Bozner Fotografen Walter Niedermayr untergebracht.

Und Gary Cooper? Der saß immer wieder mal mit Obermeyer im Lift, denn der Allgäuer sollte als einer von Pfeifers Skilehrern dem Mann aus Hollywood den richtigen Schwung beibringen, "so wie Hunderten anderen, von denen viele sehr wichtig waren". Und weil der Lift der längste der Welt war und die Fahrt eine Viertelstunde dauerte, "haben die Leute auf der Fahrt ständig gefroren". Also hat sich der Klaus eine Jacke aus der Daunendecke der Mutter geschnitten. "Das war leichter als Flugzeuge bauen", so Obermeyer. Und als Cooper die sah, hat er sie ihm für 250 Dollar abgekauft. "Ein Saugeld war des. Ein neuer Buick mit Radio hat 1200 Dollar gekostet."

Gary Cooper und Walter Paepcke sind lange tot, Friedl Pfeifer starb 1995. Aspen ist heute einer der reichsten und teuersten Orte der Welt, mit vier riesigen Skigebieten im Umkreis und 1200 Skilehrern. Als solcher arbeitete Klaus Obermeyer zwölf Jahre lang, aber nebenbei begann er schon Anfang der 1950er-Jahre mit der Serienproduktion von Daunenjacken. Er gilt heute als deren Erfinder, und auf seinem Konto liegen deshalb auch etwas mehr als eine Handvoll Dollar. Seinen 97. Geburtstag im Dezember hat er dennoch ganz bodenständig gefeiert, mit Jodeln, bayerischer Musik und Alphorn, wie er selber sagt. Er geht auch weiterhin jeden Morgen schwimmen. Und wenn das Wetter passt, schnallt er sich die Skier an, um seine Spuren in den Bergen zu ziehen, noch immer.

Ab ins Ski-Vergnügen

Anreise: Hin- und Rückflug ab mehreren deutschen Flughäfen über Chicago mit United Airlines nach Aspen ab 700 Euro, www.united.com

Übernachtung: Limelight Hotel, ab 170 Euro pro Zimmer inklusive Frühstück, www.limelighthotels.com

Reisearrangement: Günstiger als einzelne Bausteine (der Skipass alleine kommt - je nach Buchungszeitpunkt - schnell auf mehr als 100 Dollar pro Tag), sind Paketpreise. Eine Woche im Drei-Sterne-Hotel, Sechs-Tages-Skipass und Flug gibt es bei Faszination Ski z.B. ab 1549 Euro pro Person, www.faszinationski.de

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